Quarantäne in Berlin-Neukölln Das geplagte Haus

Erst wurde der Wohnblock in Berlin-Neukölln als dreckig diffamiert, dann war er Vorzeigeprojekt und wurde von Rechten angegriffen. Jetzt ist Corona ausgebrochen. Eine Bewohnerin ärgert sich über die Medien und darüber, nie gehört zu werden. Bis jetzt.
Eine Videoreportage von Thies Schnack, Charlotte Schönberger und Jonathan Miske (Animation)
DER SPIEGEL

Die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Mietshauses im Berliner Stadtteil Neukölln sind so einiges gewöhnt. Doch die letzten Tage lassen den ein oder anderen Mieter vermutlich verzweifeln. Denn: Das Wohnhaus ist einer der neuen Corona-Hotspots in Deutschland. Auch Lisa D. wohnt gemeinsam mit Partner und Kind hier. Doch sie hat Glück: Als das Gesundheitsamt das Haus unter Quarantäne stellt, ist sie mit ihrer Familie gerade für ein paar Tage unterwegs. Um ihre Privatsphäre zu schützen, möchte sie anonym bleiben. Die Berichterstattung über ihr zu Hause nimmt sie mit Skepsis wahr. Denn einen Grund für die öffentlichen Aufmerksamkeit vermutet sie auch darin, dass hier viele rumänische Familien wohnen.

Lisa D. (Name v. d. Red. geändert), Bewohnerin

"Als wir hier eingezogen sind, das war 2012, da war es so ein bisschen gerade fertig mit "Rattenhaus". Dann war es das "Romahaus", das Vorzeigehaus, was ja auch relativ viel auch in der Presse war, als gut umgesetztes Integrationsprojekt. So waren wir einfach so ein Haus, vor dem es manchmal dreckig und manchmal sauber war, vor denen manchmal Leute standen und manchmal nicht. Und jetzt sind wir ein "Coronahaus".

Darüber sind die Bewohnerinnen und Bewohner verärgert. Sie fühlen sich stigmatisiert - mal wieder – und wollen keine Kamerateams vor dem Haus, die Briefkästen und Namen abfilmen. Das hat einen ernsten Hintergrund.

Lisa D. (Name v. d. Red. geändert), Bewohnerin

"Leider hat Neukölln auch eine super rechtsextreme Szene und als wir eingezogen sind, gab es einfach Buttersäure-Angriffe auf das Haus und ich glaube, das waren eher die harmloseren Angriffe, denn da sind einfach auch Überwachungskameras installiert. Und die sind da nicht, damit man gucken kann, wer wann sein Müll wegbringt, sondern die sind da ganz klar, um sie in Fällen von Gewalt auf dieses Haus auch einfach auswerten zu können. Es ist dann schon eine gewisse Historie, einfach was Übergriffe angeht und was Stigmatisierung angeht."

Lisa D. bezweifelt, ob es wirklich notwendig sei, Details zu den betroffene Personengruppe öffentlich zu machen. Auch der Zentralrat der Sinti und Roma kritisiert das Vorgehen des Neuköllner Rathauses gegenüber dem Spiegel.

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

"Es ist abscheulich und verantwortungslos, dass jetzt in der Sorge der Bevölkerung vor der Pandemie schon wieder unsere Minderheit als Sündenbock in den Fokus gestellt wird."

Falko Liecke, Gesundheitsstadtrat Neukölln (CDU)

"Wir haben als politisch Verantwortliche auch gegenüber der Öffentlichkeit eine Informationspflicht. Wenn die Medien uns fragen, dann kann ich mir nicht irgendwas ausdenken, sondern dann geht es auch darum, die Lebenslagen zu beschreiben. Wir kommunizieren nicht stigmatisierend, wir kommunizieren nicht diskriminierend, und wir kommunizieren auch nicht rassistisch, sondern wir orientieren uns an den Fakten.(…) Das kann ich auch nicht wegdiskutieren. Es hätte vielleicht auch eine andere Community treffen können. Aber darum geht es jetzt gerade nicht. Für mich ist wichtig, dass wir den Bevölkerungsschutz sicherstellen, dass es unsere Aufgabe, dass wir die Infektion so schnell wie möglich eindämmen und dass wir geeignete Maßnahmen treffen."

Der Berliner Senat meldet aktuell 7.602 Coronavirus-Infektionen. Der Bezirk Neukölln zählt  922 Erkrankte. Im Mietshaus von Lisa D. und 6 weiteren Wohnblöcken im Bezirk Neukölln sind aktuell mehr als 85 Menschen mit Covid-19 infiziert. Um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern stellte das Gesundheitsamt am vergangenen Samstag 369 Haushalte unter Quarantäne. Falko Lieke ist zuversichtlich, dass die Maßnahme Wirkung zeigt.

Falko Liecke, Gesundheitsstadtrat Neukölln (CDU)

"Ich denke, dass die Gefahr überschaubar ist. Es betrifft eine Schwerpunk- Community, die offensichtlich Kontakt miteinander hatte, auch über die Bezirksgrenzen hinweg. Und es ist ein in sich eher geschlossener Gesellschafts-Teil. Von daher glaube ich nicht, dass das wirklich breit in die Fläche geht."

Lisa D. ist froh, dass sie und ihre Familie bei Freunden unterkommen und so eine Quarantäne vermeiden können.

Lisa D. (Name v. d. Red. geändert), Bewohnerin

"Ich wohne relativ komfortabel und mit viel Platz, und ich würde irre werden. Und ich glaube, wenn ich irgendwie zu zehnt auf 70 Quadratmetern wohnen würde, das kann man jetzt ausrechnen, was das bedeutet? Es ist nicht besonders geil."

Mit den Kindern auf den Spielplatz gehen, raus kommen aus dem beengten Wohnraum, die Beine vertreten, all das ist zurzeit hier nicht möglich. Die Stadt hat nun SozialarbeiterInnen und ÜbersetzerInnen beauftragt, die die Familien unterstützen sollen, das Technischen Hilfswerk beliefert die Betroffenen mit Nahrungsmitteln. Noch bis zum 27. Juni, dann endet die Quarantäne und mit ihr auch die mediale Berichterstattung, hofft Lisa D.

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