Lukas Eberle

Debatte über Öffnungen von Kitas Mehr Pipi-Kacka-Fragen wagen!

Lukas Eberle
Ein Kommentar von Lukas Eberle
Verwirrte Eltern, vereinsamte Kinder: In der Coronakrise zeigt sich wieder mal, welchen Stellenwert junge Familien und Kitas in der Politik haben. Keinen hohen.
Geschlossene Spielplätze: Ein Thema für die Kanzlerin?

Geschlossene Spielplätze: Ein Thema für die Kanzlerin?

Foto: Emmanuele Contini/ imago images/Emmanuele Contini

Meine Tochter darf seit fünf Wochen nicht mehr in die Kita. Sie beklagt sich deswegen nicht, aber dass ihr das nicht guttut, sehe ich. Wenn sie sich an den Esstisch setzt, um ein Bild zu malen, legt sie mehrere leere Blätter Papier neben sich. Für alle meine Freunde, sagt sie. Die anderen Kitakinder sitzen also imaginär neben ihr und malen mit. Es schmerzt ein wenig, das zu sehen.

In der Debatte über die Lockerungen der Corona-Maßnahmen hat sich das Land in dieser Woche mit Alltagsmasken beschäftigt. Und mit dem Einzelhandel. Es wurde darüber gestritten, ob Geschäfte mit 600 oder 800 Quadratmetern wieder aufmachen dürfen und wie Abiturienten möglichst schnell zu ihrem Schulabschluss kommen. Alles wichtig, keine Frage. Doch wie es mit der Betreuung von kleinen Kindern weitergeht, war höchstens Nebensache.

Wichtig für die Entwicklung von Kindern

In der Coronakrise zeigt sich wieder mal, welchen Stellenwert junge Familien im Allgemeinen und Kitas im Speziellen in der Politik noch immer haben: keinen hohen. Kitas werden als Einrichtungen gesehen, in denen Eltern ihre Kinder abgeben können. Als Abladestationen. Nicht als Orte, die für die Entwicklung von Kindern wichtig sind. 

Geschlossene Kitas bedeuten vor allem, dass Eltern nicht richtig arbeiten können und die Kleinen Videokonferenzen crashen. So wird es gesehen. Natürlich haben Politiker zuletzt darüber diskutiert, wann und wie Kitas am besten wiedereröffnet werden sollten. Das sei wichtig, hieß es, damit Eltern wieder produktiver sein könnten, was wiederum unerlässlich sei für die Wirtschaft. Stimmt. Allerdings wäre es auch für die Kinder selbst nicht so schlecht, wenn sie nicht mit Mama und Papa im Homeoffice gefangen wären. Diese Perspektive fehlt, was vermutlich auch mit einer Beratungslücke zu tun hat.

Eingewöhnung nach der Entwöhnung

Die Krisenmanager unserer Zeit holten sich zuletzt den Rat von Virologen, Soziologen, Ethikern und Philosophen ein. Stellte jemand in diesen Expertenrunden mal die Frage, wie sich die Lage auf Kinder im Kitaalter auswirkt? Es wäre wichtig, zu diskutieren, was es bedeutet, wenn sie nicht mehr mit Gleichaltrigen spielen. Was es bedeutet, wenn sie rund um die Uhr mit ihren Eltern zusammen sind, vielleicht auf engstem Raum, womöglich mit Eltern, die auch schon vor Corona mit der Erziehung überfordert waren. Es wäre wichtig, im Auge zu behalten, wie lange es dauert, bis man Kinder nach wochenlanger Entwöhnung wieder an die Kita gewöhnt hat. Wer von den Experten hat eigentlich selbst Zwei- oder Dreijährige, die zu Hause alles auseinandernehmen? 

Der Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Kitaverbands sagt, er habe dem Familienministerium vorgeschlagen, eine Taskforce einzurichten. Kitaleiterinnen und Kitaleiter, so seine Idee, sollten Krisenerfahrungen in die Politik tragen. Es sei nichts daraus geworden, sagt er.

Ende April - oder erst im Sommer?

Es war richtig, Kitas zu schließen. Sie sind Virenschleudern. Trotzdem brauchen Eltern und Kinder eine Vorstellung davon, wie es weitergehen kann. Die Hälfte der Zweijährigen wächst inzwischen in einer Kita auf, allein in Nordrhein-Westfalen gibt es über 600.000 Plätze. Es gibt keinen Grund, das Thema hinten runterfallen zu lassen. Und es ist skandalös, wie Eltern von Entscheidungsträgern verunsichert werden.  

Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp (FDP) dachte kürzlich darüber nach, mit den Kitaöffnungen Ende April zu beginnen. Fast zeitgleich empfahl die Wissenschaftsgesellschaft Leopoldina, Kitas bis zu den Sommerferien geschlossen zu halten. Eltern sollten durch eine flexible Handhabung von Arbeitszeiten unterstützt werden. Ende April? Oder erst im Sommer? Es gibt einige Mütter und Väter, die derzeit vor Wut bunte Bauklötze durch die Wohnung pfeffern. 

In Nordrhein-Westfalen soll es in Kitas nun zunächst eine Ausweitung der Notbetreuung für bestimmte Bedarfsgruppen geben. Wer ist wichtig genug, damit ihre oder seine Kinder betreut werden? Wieder wird die Öffnung offenbar ausschließlich von einer Seite her gedacht, von der Seite der Branche, in der die Eltern arbeiten. Nicht von der Seite der Kinder. 

Seit einigen Wochen sind auch die Spielplätze in Deutschland geschlossen, Bund und Länder haben das in einer der vielen Videokonferenzen beschlossen. Teilnehmer erinnern sich, dass sich manche in der großen Politik darüber lustig gemacht hätten. Nach dem Motto: Es sei ulkig, mit der Kanzlerin über die Relevanz von Spielplätzen zu debattieren. Das seien doch Pipi-Kacka-Fragen.

Es werden noch viele Bauklötze fliegen.

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