Psychische Belastung in der Coronakrise Eine Epidemie namens Einsamkeit

Die Pandemie belastet die Psyche vieler Menschen, eine Studie zeigt nun: Viele Deutsche fühlen sich äußerst einsam – so einsam, wie sich Geflüchtete hierzulande schon lange vor der Krise fühlten.
Allein in Berlin (Archivbild): Die Pandemie schlägt auch aufs Gemüt

Allein in Berlin (Archivbild): Die Pandemie schlägt auch aufs Gemüt

Foto: Florian Gaertner / Photothek / Getty Images

Weniger Kontakte, weniger Reisen, weniger Kultur und Gastronomie: Die Pandemie schränkt das gesellschaftliche Leben stark ein – so stark, dass so ziemlich jede und jeder Einzelne davon betroffen ist. Viele Studien zeigen inzwischen, wie stark diese Krise die Psyche vieler Menschen belastet.

Keine fundierten Erkenntnisse gab es bislang hingegen über die psychische Gesundheit einer ohnehin schon strukturell benachteiligten Bevölkerungsgruppe: die der geflüchteten Menschen. Forscherinnen und Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung haben diese Wissenslücke nun geschlossen, die Ergebnisse  liegen dem SPIEGEL vor.

Details zur Studie

Demzufolge hat sich die psychische Belastung von Geflüchteten mit Beginn des ersten Shutdowns vor einem Jahr offenbar kaum verändert – eine gute Nachricht ist das allerdings nicht: Insbesondere das Gefühl der Einsamkeit war unter Geflüchteten schon vor der Coronakrise auf hohem Niveau. »Der Raum für Verschlechterungen war sozusagen deutlich geringer als bei der restlichen Bevölkerung«, sagt Studienautor Hannes Kröger. Anders gesagt: Die Lage bleibt alarmierend schlecht.

Grund dafür ist laut DIW die fehlende soziale Teilhabe: Sprachbarrieren, fehlende Erwerbstätigkeit und das in der Regel geringe Haushaltseinkommen erschweren das Ankommen in der deutschen Gesellschaft immens. Die Daten aus den Umfragen zeigen demzufolge, dass beispielsweise ein Job, bessere Deutschkenntnisse oder ein höheres Haushaltseinkommen das Gefühl der Einsamkeit mildern. Die Forscherinnen und Forscher fordern daher Investitionen in Sprachförderung und einen besseren Arbeitsmarktzugang.

»Man muss Integration und psychische Gesundheit zusammendenken«, sagt Wissenschaftler Kröger. »Denn psychische Belastungen können zusätzliche Hürden sein, die Geflüchtete auf dem Weg zur Teilhabe in einer ohnehin schon schwierigen Situation überwinden müssen.« Viele Geflüchtete hatten schon vor der Pandemie psychische Probleme und lebten auf beengtem Raum – ein Faktor, der nun zusätzlich ein erhöhtes Infektionsrisiko mit sich bringt.

Auffällig ist, wie sich die Situation Geflüchteter im Vergleich zur restlichen Bevölkerung verändert hat: Während Schutzsuchende bis vor einem Jahr deutlich einsamer waren als die übrige Bevölkerung, ist diese inzwischen so einsam, wie Geflüchtete es bereits im Jahr 2017 waren.

Auf einem Index von 0 bis 12 liegt das Gefühl der Einsamkeit unter Geflüchteten unverändert über dem Wert 5. Dort liegt er nun auch bezogen auf alle anderen Menschen im Land. 2017 lag der Wert für Bürgerinnen und Bürger ohne Migrationsgeschichte noch unter dem Wert 3. Wer also seit Beginn der Pandemie unter einer gefühlten Isolation leidet, ist dem grundsätzlichen Lebensgefühl vieler Zugezogener nun relativ nah.

Von einer Angleichung der Lebenssituationen kann dabei freilich keine Rede sein. Die ökonomischen, sprachlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Schutzsuchenden in Deutschland und der übrigen Gesellschaft bleiben auch in der Pandemie groß. Der DIW-Bericht hebt außerdem hervor, dass Geflüchtete weiterhin stärker etwa von Depressionen und Angsterkrankungen betroffen sind als Menschen ohne Migrationshintergrund.

»Die Einsamkeit, die durch die Pandemie ausgelöst wurde, ist voraussichtlich ein vorübergehendes Phänomen«, zitiert das DIW die Studienautorin Theresa Entringer. »Bei den Geflüchteten sehen wir hingegen, dass sie sich schon über einen längeren Zeitraum einsam fühlen«, sagt sie. »Das ist gesundheitspolitisch bedenklich, da vor allem chronische Einsamkeit psychisch und physisch krank macht.«

Unklar ist, ob sich die besorgniserregende psychische Verfassung vieler Geflüchteter nicht doch noch weiter verschlechtert. »Über die besondere Situation der Pandemie hinaus sollte beobachtet werden«, so die Forscherinnen und Forscher, »ob es nicht auch für Geflüchtete mittel- oder langfristig zu Verschlechterungen kommt.«