Fehlende Kollekten bei Kirchen und Hilfswerken Die Leere im Klingelbeutel

Kirchen und Hilfswerken drohen wegen ausfallender Kollekten und sinkender Steuereinnahmen hohe Einbußen. Misereor hofft auf Online-Spenden, denn gerade jetzt ist die Not weltweit groß, und Hilfe wird dringend gebraucht.
Sammelkorb für die Kollekte (Archiv): In der Coronakrise auf Onlinespenden ausweichen

Sammelkorb für die Kollekte (Archiv): In der Coronakrise auf Onlinespenden ausweichen

Foto: Jens Wolf/ picture alliance / Jens Wolf/dpa-Zentralbild/dpa

In Aachen macht im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie derzeit die Geschichte der Heiligen Corona die Runde. Sie war eine frühchristliche Märtyrerin - und soll ausgerechnet Schutzpatronin gegen Seuchen sein. Die angeblichen Überreste der "Gekrönten" liegen im Aachener Dom. Pirmin Spiegel sitzt in seinem Büro nur wenige Hundert Meter davon entfernt. Vor Ostern, so erzählt es der Priester am Telefon, erwäge er der Heiligen Corona noch einen Besuch abzustatten.

Beistand kann der Geistliche derzeit gut brauchen. Spiegel, 62, ist Hauptgeschäftsführer von Misereor, die Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 stellt sein international agierendes, bischöfliches Hilfswerk vor eine ungeahnte Herausforderung – auch finanziell.

Die zu Ende gehende Fastenzeit ist für Misereor eigentlich so etwas wie Sommerwetter für Ferienhausvermieter. Allein am fünften Fastensonntag 2019 wurden in Tausenden deutschen Gottesdiensten rund zehn Millionen Euro für Hilfsprojekte weltweit gesammelt. Doch 2020 fallen wegen der Beschränkungen im Kampf gegen das Coronavirus  seit Wochen die Gottesdienste aus und damit auch die Kollekten.

So wie Misereor geht es derzeit vielen kirchlichen Einrichtungen, karitativen Angeboten, aber auch den Pfarrgemeinden selbst. Wie groß die fehlenden Summen je Bistum sind, lässt sich bisher nicht überblicken. Doch allein im Erzbistum Hamburg, mit 400.000 Katholiken in der norddeutschen Diaspora eines der kleineren Bistümer, wurden im vergangenen Jahr an den Fastensonntagen jeweils auch Zehntausende Euro für die Pfarreien eingesammelt. Die deutschlandweit nun leer bleibenden Klingelbeutel drohen auf die Kassenlage durchzuschlagen. Kann diese Spendenlücke geschlossen werden?

"Als klar war, dass viel Geld durch die Coronakrise wegfällt, waren wir in großer Sorge", sagt Misereor-Chef Spiegel. Über Aktionen in den Gemeinden, die sozialen Medien und Briefe versucht die Entwicklungshilfeorganisation, das Spendenaufkommen stabil zu halten. "In einer Gemeinde in Herzogenrath wurden Brot und Rosen angeboten, die gegen Spende abgeholt werden konnten", erzählt Spiegel. "Es gab Familien, in denen Kinder einen Turm gebaut und die Eltern für alle paar Zentimeter zehn Euro gespendet haben, andere organisierten gemeinschaftlich einen Marathon und sammelten Sponsorengelder."

Marx: "Wohl auf manches bei uns verzichten"

Mit Kurzarbeit und Konjunktureinbruch kommen auf die beiden großen Kirchen derweil noch weit größere Belastungen zu - in Form deutlich sinkender Kirchensteuereinnahmen. Das Bistum Mainz hat deshalb bereits eine Haushaltssperre verhängt. "Für die Kirche in Deutschland wie auch den Heiligen Stuhl stellt Corona eine große finanzielle Herausforderung dar", umriss der Münchner Kardinal und frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur KNA die Lage. "Das kann Konsequenzen für kirchliche Institutionen haben. Und wir wollen ja in dieser Krise auch helfen, und zwar weltweit. Da werden wir wohl auf manches bei uns verzichten müssen."

Beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln geht man von einem kräftigen Rückgang bei der Kirchensteuer aus. IW-Forscher Tobias Hentze schätzt das Minus bei einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um fünf Prozent auf 489 Millionen Euro. Sollte das Bruttoinlandsprodukt um zehn Prozent einbrechen, wären es bei den Beiträgen, die sich am Einkommen orientieren, sogar 978 Millionen Euro weniger als 2019. Zur Einordnung: Evangelische und katholische Kirche nahmen 2019 zusammen etwa 12,9 Milliarden Euro Kirchensteuern ein, hinzu kamen Hunderte Millionen Euro Staatsleistungen und Geld aus anderen Quellen wie der Vermietung von Immobilien.

Um zumindest die ausfallenden Kollekten etwas aufzufangen, bat die Bischofskonferenz in der Fastenzeit um Überweisungen und Onlinespenden, an Palmsonntag etwa fürs Heilige Land . Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wiederum teilte mit, der Ausfall der Kollekten sei "schmerzhaft für die vielen gemeinwesenorientierten Aufgaben". Sie appelliert einem Sprecher zufolge "an jeden Einzelnen, auch von zu Hause aus andere zu unterstützen". Per digitaler Spende , zu TV-Gottesdiensten etwa.

Digital spielt sich auch bei Misereor viel ab. "Wir hatten am Misereor-Sonntag  online mehr als fünfmal so viele Zugriffe auf unsere Homepage wie noch im vergangenen Jahr, über die ganze Fastenzeit hinweg war es etwa ein Viertel mehr", sagt Spiegel. Ob das reicht? Erst Ende April sollen konkrete Zahlen zur Kollekte vorliegen. Er äußert jedoch bereits konkrete Hoffnung: "Die Differenz zu dem, was wir in den vergangenen Jahren hatten, wird dieses Jahr längst nicht so groß sein wie wir zunächst befürchtet hatten."

Spendenzuwachs wie nach Tsunami 2004?

Nach dem Tsunami in Südostasien am zweiten Weihnachtstag 2004 hatten die Hilfswerke ein stärkeres Spendenaufkommen verzeichnet. "Diese Betroffenheit, dieses Mitgefühl, diese Solidarität spüren wir auch in den letzten Tagen. Das ermutigt uns sehr", sagt Spiegel. Ein Sprecher von Caritas International ergänzt: "Es besteht Hoffnung, dass es keinen totalen Einbruch gibt und dass die Menschen verstehen, dass internationale Hilfe nötig ist."

Die Projekte, die die Hilfswerke fördern, sind ebenfalls von der Krise betroffen. "In Sri Lanka haben uns Beratungsdienste gesagt, wir können nicht mehr aufs Land fahren, in Sao Paulo kommen unsere Partner nicht mehr in die Slums hinein, und in Kenia fehlt Desinfektionsmittel", sagt Spiegel. Er setzt sich bei der EU für die Aufnahme der Kinder und Jugendlichen aus den griechischen Flüchtlingslagern ein, für den Wiederaufbau des zerstörten Gesundheitssystems in Syrien, für die Flüchtlinge in den Lagern im Libanon. Dort haben die Virus-Folgen die Menschen bereits erfasst, auch ohne dass sie infiziert sind. "Und die Pandemie breitet sich in den Ländern des Südens erst aus."

Beim Hilfswerk der evangelischen Landeskirchen "Brot für die Welt " sind, anders als bei Misereor, die Hauptkollekten erst in der Advents- und Weihnachtszeit. Doch Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel warnt bereits jetzt: Ohne Spenden könne man armen und schutzlosen Menschen nicht helfen. Das sei jetzt "besonders nötig, denn das Virus trifft die Menschen in Ländern mit einem schwachen Gesundheitssystem und ohne soziale Absicherung ungleich härter".

Pestkreuz auf dem Petersplatz

Durch das Ausbleiben der Kollekte fehlt es nicht allein an Geld. "Es entfällt der Teil des Gottesdienstes, der unabhängig von der Höhe der Summen wichtig ist: Jede und jeder trägt zur gemeinsamen Feier bei", sagt ein Sprecher des Erzbistums Berlin. Eine Onlinespende könne das nicht ersetzen. Misereor-Chef Spiegel äußert trotzdem Hoffnung. "Es gibt eine räumliche, aber keine soziale Distanz."

Papst beim Segen "Urbi et Orbi", links das historische Kreuz

Papst beim Segen "Urbi et Orbi", links das historische Kreuz

Foto: VATICAN MEDIA// EPA-EFE/ Shutterstock

Streamingdienste oder Mitschnitte von Gottesdiensten sollen den Verlust an Gemeinschaft irgendwie mildern. Ostern will Spiegel, so wie es die Verordnung noch zulässt, mit jemandem aus dem Freundeskreis feiern.

Wie einsam Kirche derzeit dennoch wirken kann, zeigte Papst Franziskus höchstpersönlich. Ende März ließ er als Zeichen gegen die Pandemie ein jahrhundertealtes Pestkreuz aufstellen - auf dem menschenleeren Petersplatz. Und das Kreuz wurde italienischen Medien zufolge dort auch noch vom Regen beschädigt. Immerhin dafür ist nicht St. Corona zuständig, sondern Petrus.

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