Corona-Mutante B1.1.7 in Berlin Ausbruch in der Kardiologie

Die Notaufnahme ist geschlossen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in Quarantäne: In einer Berliner Klinik haben sich mehr als 20 Menschen mit der Corona-Mutante infiziert. Auch Kontaktpersonen wurden positiv getestet.
Das Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin: Ansteckungen auch außerhalb des Krankenhauses

Das Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin: Ansteckungen auch außerhalb des Krankenhauses

Foto: ANNEGRET HILSE / REUTERS

Die Hiobsbotschaft kam am Dienstag vergangener Woche: Ein Routine-Screening hatte vier positive Tests auf die Virusmutation B1.1.7 in einem Krankenhaus im Berliner Bezirk Reinickendorf ergeben. Keiner der Betroffenen war zuvor in Großbritannien gewesen. Niemand wusste, wo sich die zwei Patienten und die beiden Klinikangestellten angesteckt haben könnten.

Die Bezirksverwaltung reagierte konsequent: Im direkten Umfeld der Infizierten wurden Tests durchgeführt, sie ergaben schnell weitere Ansteckungen mit dem mutierten Virus. Man bat das Robert Koch-Institut (RKI) um Hilfe, daraufhin wurde die Humboldt-Klinik in der Nacht zu Samstag für Neuaufnahmen geschlossen. Der Ausbruch hatte laut Amtsarzt Patrick Larscheid »ein Ausmaß angenommen, das wir im Moment schlecht überblicken können.«

Zugang zur Klinik haben seitdem nur noch die Mitarbeitenden, die mit Sammeltaxis zur Arbeit gebracht werden, und Angehörige für die Sterbebegleitung. Die Notaufnahme ist geschlossen. Und doch könnte es bereits zu spät sein, den Ausbruch der hochansteckenden Mutation zu begrenzen.

»Später kann man das nicht mehr gutmachen, dann ist es zu spät.«

Christian Drosten im NDR-Podcast über die Eindämmung der Corona-Mutante

Es ist der Ernstfall, vor dem Mediziner seit Wochen warnen. Sollte die Mutation in Deutschland außer Kontrolle geraten, könnten deutlich höhere Corona-Fallzahlen und überlastete Intensivstationen die Folge sein – so wie zuletzt in Großbritannien, wo sich das mutierte Virus in Windeseile verbreitete .

Er sehe jetzt ein Zeitfenster, um die Ausbreitung hierzulande im Keim zu ersticken, sagte Virologe Christian Drosten vergangene Woche in seinem NDR-Podcast . »Wir müssen jetzt was machen, wenn wir speziell das Aufkeimen der Mutante in Deutschland noch beeinflussen wollen. Später kann man das nicht mehr gutmachen, dann ist es zu spät.«

Bisher wurden Ansteckungen mit der Mutante B1.1.7 in Deutschland nur vereinzelt und meist bei Reiserückkehrern festgestellt. Das RKI meldete 28 Nachweise des mutierten Virus aus sieben Bundesländern. Bei 19 der bisher bekannten Fälle wird laut dem Institut eine Ansteckung im Ausland angenommen, in neun Fällen sei die Quelle noch unklar. Für die andere Variante, die sich in Südafrika stark verbreitete, waren bisher insgesamt 17 Fälle aus Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg bestätigt.

Am Krankenhaus in Reinickendorf liefen über das Wochenende umfangreiche Tests, mehr als 1000 Abstriche wurden genommen. Noch sind nicht alle ausgewertet, doch inzwischen steht fest: mindestens 22 Patienten und Mitarbeiter steckten sich im Klinikum an. Und sie trugen das Virus weiter. Denn die Mutante wurde auch bei zwei Personen festgestellt, die das Krankenhaus selbst nie betreten haben – bei einer Angehörigen eines entlassenen Patienten und in einem zweiten Fall bei einer Nachbarin. Über 400 Ergebnisse des Massentests stehen noch aus.

Soweit der Ausbruch bisher rekonstruiert werden konnte, nahmen alle Infektionen ihren Ausgang in der Kardiologie. Von dort aus verbreitete sich das Virus weiter – wohl auch mit mehreren Patienten, die in eine andere Klinik in Berlin-Spandau verlegt wurden. Der Ursprung der Ansteckung mit der Mutation ist aber weiter unbekannt. »Wir wissen momentan überhaupt nicht, wie der Weg ist«, sagte Patrick Larscheid, Amtsleiter des Gesundheitsamts Reinickendorf. Larscheid ist Mitglied eines sogenannten Ausbruchsteams, in dem er gemeinsam mit RKI-Mitarbeitenden versucht, die Verbreitung nachzuvollziehen – und weitere Fälle zu verhindern.

»Es ist eine angespannte Situation«

Uwe Brockhausen, Bezirksstadtrat in Reinickendorf

Im nächsten Schritt stehe nun die Testung aller Angehörigen der Krankenhausmitarbeiter an. Noch fehlen aber auch an dieser Stelle Daten. Offen ist, ob sich etwa entlassene Patienten zu Hause in Quarantäne begeben müssen. Das Ziel aber ist klar: Der Ausbruch der Mutation soll so eingegrenzt werden wie im vergangenen Jahr die ersten bestätigten Coronafälle in Deutschland bei der Firma Webasto in Bayern. Damals konnte die Infektionskette lückenlos nachverfolgt und der Ausbruch gestoppt werden.

Ob das auch in diesem Fall gelingt, ist allerdings fraglich. »Es ist eine angespannte Situation«, sagt Uwe Brockhausen (SPD), Bezirksstadtrat in Reinickendorf. Er mache sich Sorgen, weil zurzeit unklar sei, wie weit sich das mutierte Virus schon verbreitet habe. Die Notaufnahme des Humboldt-Klinikums zu schließen, sei eine »schwerwiegende Entscheidung« gewesen. Notfälle werden laut Brockhausen nun auf andere Krankenhäuser verteilt, das funktioniere bisher gut.

Das Humboldt-Klinikum ist eins der größten der Hauptstadt, jährlich werden hier rund 65.000 Menschen behandelt. In der Coronakrise stemmte das Klinikum eine große Last: Rund 40 Prozent aller stationären Corona-Infizierten Berlins wurden laut Klinikbetreiber Vivantes in der Humboldt-Klinik behandelt.

Die einzige Lösung, das Virus wirklich einzudämmen, sei ohnehin die Impfung, sagt Brockhausen. Die jetzige Situation zeige noch einmal besonders deutlich den Ernst der Lage auf. »Wenn der Impfstoff dann endlich in ausreichender Menge vorhanden ist«, fügt der Stadtrat dann noch hinzu, »hoffe ich, dass sich auch wirklich viele Menschen impfen lassen.«