Maskenpflicht Deutschland verhüllt sich

Fast in der gesamten Republik gilt seit heute eine Maskenpflicht. Halten sich die Leute daran? Eindrücke aus dem Alltag.
Hauptbahnhof in Düsseldorf

Hauptbahnhof in Düsseldorf

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Marcel Kusch/ dpa

Bei Edeka Tschorn in Lüneburgs Zentrum soll es fast 150 Sorten Gin geben. Heute dürfte der erste Tag in der Geschichte des Ladens sein, an dem sich gefühlt mehr Sorten Schutzmasken im Laden befinden. Der Mann mit Leinenhose etwa schämt sich nicht, eine wertvolle FFP-Schutzmaske auszuführen, kombiniert mit blauem Schutzhandschuh, komischerweise nur an der Rechten. Es gibt gepunktete Masken, karierte Masken, Masken mit Herzen, mit Gummibärchen und natürlich das schnöde Krankenhausmodell.

Kunden ohne Maske dürfen sich eine kaufen, sie liegen am Eingang des Supermarktes in Schuhkartons. Wer eine Weile vor dem Supermarkt steht, kann Feldforschung betreiben. Es lassen sich drei Kundentypen identifizieren: Der Profi mit Schnellspannermaske, der sich den Mundschutz geschmeidig beim Betreten des Ladens überzieht, ohne Zeitverlust. Die Zerstreuten, deren Schutzmasken ganz unten im Rucksack schlummern, die mühsam kramen müssen und den Betrieb aufhalten. Und natürlich die Vergesslichen. Ein junger Mann mit Jogginghose will den Laden ohne Maske stürmen. Er scheitert an dem freundlichen Verkäufer am Eingang, der das Gespräch so beendet: "Dann tut es mir leid". Der Kunde kehrt wortlos um.

In allen Bundesländern außer Schleswig-Holstein gilt seit heute Maskenpflicht, meist in Einzelhandel und ÖPNV. Zeit für eine Bestandsaufnahme: Verhüllen sich die Bürgerinnen und Bürger dieser Republik?

DER SPIEGEL

Zuzeln oder schneiden, das Messer längs oder quer ansetzen: Die richtige Technik, um die Weißwurst aus der Haut zu bekommen, ist in Bayern Glaubensfrage. Bei der Metzgerei Klobeck am Münchner Viktualienmarkt wird einem die Entscheidung abgenommen: Das Paar Würste kommt jeweils geviertelt auf einem Porzellanteller mit einem Klacks süßem Senf. "Aber bitte draußen essen", sagt die Frau hinter der Wursttheke.

Die Königsdisziplin lautet heutzutage: Wie bekommt man stehend mit dem Teller in der Hand die mundgerechten Happen ohne Unfall am halb herunterhängenden Mundschutz vorbeibugsiert?

Die meisten Leute tragen Mundschutz auf dem Münchner Viktualienmarkt, ungefähr nach der folgenden Aufteilung: Im Geschäft oder am Verkaufsstand mit, in der Schlange davor eher mit als ohne, wer nur durch die Gassen oder Einkaufsstraßen geht und schaut, lässt das Stück Stoff eher um den Hals baumeln.

Berlin-Neukölln, Karl-Marx-Straße. In der Straße mit Kaufhäusern, Dönerbuden und Spätis (kurz für: Spätverkaufsfälle, kleine Läden mit längeren Öffnungszeiten) sind nur vereinzelt Passanten mit Maske zu sehen. Fahrradfahrer und Fußgänger drängeln aneinander vorbei, Kleinfamilien sind auf Shoppingtour, stehen Schlange vor den Geschäften. 

Dass kaum einer von ihnen eine Maske trägt, dürfte auch an den laxen Berliner Regeln liegen. In der Hauptstadt gilt: Alles kann, nichts muss. In Geschäften gibt es keine Maskenpflicht. Im ÖPNV zwar schon, kontrolliert wird dessen Einhaltung aber nicht. Auf Bußgelder wird verzichtet. Busfahrerinnen und Busfahrer sind zudem verpflichtet, auch Fahrgäste ohne Maske mitzunehmen. In Bayern dagegen wird die Maskenpflicht von Tag eins an kontrolliert. Kunden ohne Mund-Nasen-Schutz können mit 150 Euro Buße belegt werden, Ladeninhaber sogar mit 5000 Euro. 

Mehrere Länder haben sich jedoch für eine Übergangsphase entschieden. Derzeit würden auch bei Nichteinhaltung der Maskenpflicht noch keine Bußgelder verhängt, sagt eine Sprecherin der Polizei Hamburg. Ebenso in Stuttgart: "In einer einwöchigen Übergangsphase sind keine Strafen vorgesehen, damit sich alle auf die neue Praxis einstellen können", heißt es auch auf der Seite der Landesregierung.

"Der Eindruck ist absolut positiv"

Rainer Vohl vom Hamburger Verkehrsverbund

Obwohl noch keine Kontrollen stattfinden, halten sich die allermeisten Berliner im ÖPNV an die neue Regel. Die Verkehrsbetriebe teilen knapp mit, 95 Prozent der Fahrgäste in Bussen und Bahnen hätten eine Maske getragen. Ein ähnliches Bild ergibt sich in anderen Großstädten:

  • "Der erste Eindruck ist absolut positiv, die "Maskenquote" lag schon am frühen Morgen bei fast 100 Prozent", sagt Rainer Vohl vom Hamburger Verkehrsverbund. Im Einzelfall könnten Fahrgäste, die sich weigern, eine Maske zu tragen, zwar von der Fahrt ausgeschlossen werden, bisher liefe aber alles sehr problemlos, sagt Vohl.

  • Auch in Stuttgart verhielten sich die Fahrgäste sehr verantwortungsbewusst und setzten nahezu alle die Vorschrift um. "Auch die Tatsache, dass die Fahrgäste sich mit einem Schal oder einem Tuch behelfen können und nicht zwangsläufig eine vollwertige Schutzmaske tragen müssen, trägt dazu bei, dass die Regelung bei den Fahrgästen große Akzeptanz findet", sagt Pia Scholz, Sprecherin des Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS).

  • "Ein Großteil der Fahrgäste nimmt die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in den ÖPNV-Verkehrsmitteln sehr ernst", bilanziert auch Franziska Hartman von den Münchner Verkehrsbetrieben. Das liege auch an den zahlreichen Informationskampagnen und Lautsprecherdurchsagen, die die Fahrgäste über die neue Regelung informierten.

Thomas Fischer ist als Kontaktbeamter für die Lüneburger Innenstadt zuständig. Er läuft die Fußgängerzone entlang, blickt nach links und rechts. Was er sieht, gefällt ihm: "Die Regel wird gut angenommen", sagt der Polizeihauptkommissar. "Die Leute haben Masken auf." Er habe heute noch niemanden ermahnt. Bußgelder gelten in Niedersachsen erst ab nächster Woche.

Und tatsächlich: beim Optiker, im Schuhgeschäft, in der Bäckerei, beim Geldabheben in der Bank: Überall tragen die Leute Maske. Einen Mann spricht Polizist Fischer dann doch noch an: Er ist mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone gefahren. Das bleibt verboten, selbst mit Maske.