Corona zwischen Zwickau und Zittau Die sächsische Krise

Nirgendwo in Deutschland sind die Infektionszahlen aktuell so alarmierend wie in Sachsen. Woran genau das liegt, ist unklar – aber es gibt mehrere plausible Erklärungsansätze.
Eigentlich ganz schön hier: Hotspot Zittau im Hotspot Sachsen

Eigentlich ganz schön hier: Hotspot Zittau im Hotspot Sachsen

Foto: ens Kalaene/ ZB/ dpa

Auf halber Strecke zwischen Chemnitz und Zwickau liegt einer dieser Orte: Stollberg im Erzgebirge, ein außerhalb Sachsens eher unbekanntes Städtchen. Dort stieg die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt auf einen Spitzenwert, wie am Montag der MDR unter Berufung auf das Sozialministerium meldete : 1204 Fälle pro 100.000 Einwohner.

Bedenkt man, dass der offizielle Grenzwert bei 50 liegt, ist das eine mehr als alarmierende Zahl. Viel alarmierender aber ist: Stollberg ist ein Extremfall, aber beileibe kein Einzelfall. Ganz Sachsen ist inzwischen Hochrisikogebiet. Landesweit beträgt die Sieben-Tage-Inzidenz derzeit 415, in gleich drei Landkreisen liegt sie über der 600er-Marke.

Wie kann das sein? Mehrere Faktoren dürften zur dramatischen Lage zwischen Zwickau und Zittau beitragen.

Welche Rolle spielt die Geografie?

Eine auf den ersten Blick naheliegende Erklärung liegt in der Lage Sachsens: Das Bundesland grenzt praktisch in allen Richtungen an Regionen, in denen bereits seit Wochen oder gar Monaten das Virus wütet: Bayern gehört seit Beginn der Pandemie zu den Hotspots, der Süden Thüringens erregte mit extrem hohen Infektionszahlen zuletzt bundesweit Aufsehen.

Noch bedenklicher ist die Situation in den EU-Nachbarländern des Freistaats: Für Polen gibt es bereits seit Oktober eine Reisewarnung. Und in Tschechien, einem Land mit nicht einmal elf Millionen Einwohnern, starben schon mehr als 10.000 Menschen mit oder an Covid-19.

Allein damit lässt sich die derzeitige Situation in Sachsen jedoch nicht erklären: Zwar sind etwa in Bayern ebenfalls die Grenzregionen zu Österreich und Tschechien besonders betroffen. Aber das stark betroffene Nordsachsen etwa liegt weit entfernt von den Landesgrenzen, und in anderen Grenzregionen außerhalb Sachsens, etwa in der Uckermark, fallen die Infektionszahlen wesentlich niedriger aus.

DER SPIEGEL

Liegt es am Rechtsextremismus?

Sachsen gilt als Hochburg des Rechtsextremismus, die Szene ist hier besonders stark verwurzelt, und dem Verfassungsschutz zufolge gab es im Freistaat zuletzt so viele Neonazis wie seit 1993 nicht mehr. Verschiedene Medien thematisierten in den vergangenen Tagen einen möglichen Zusammenhang zwischen dieser Tatsache und den Infektionszahlen.

Der Soziologe Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IZD) in Jena, wies als einer der Ersten auf diese mögliche Korrelation hin. Es sei naheliegend, so formulierte er es auf Twitter , dass »Populismus und Extremismus den Zusammenhalt und die Bekämpfung der Pandemie gefährden«.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Quent wies jedoch auch darauf hin, dass es sich dabei lediglich um eine These handele. Als belegt betrachtet er hingegen »einen starken und höchstsignifikanten Zusammenhang zwischen Coronainzidenz und dem Bundestagswahlergebnis« – das zeige eine Berechnung seines Kollegen Christoph Richter.

Tatsächlich weisen die Zahlen nicht nur in Sachsen auf diese Korrelation: Der bayerische Landkreis Regen etwa ist ebenfalls nicht nur ein Corona-Hotspot mit extrem hohen Infektionszahlen – sondern auch eine AfD-Hochburg: Mehr als 20 Prozent der Zweitstimmen erhielt die Partei dort 2017 , deutlich mehr als in anderen Landesteilen.

Dieser Zusammenhang zwischen Corona-Notlage und AfD-Wahlerfolgen findet sich laut Quent nicht nur in Einzelfällen. Und: »Besonders stark ist er in Sachsen«, so der Soziologe. »Wir waren von der Stärke des Effektes überrascht, mit so einem deutlichen Ergebnis hatten wir nicht gerechnet.«

Welche Verantwortung trägt die AfD?

Eine kausale Erklärung liefert die von Quent aufgezeigte Korrelation allein noch nicht, darauf weist er auch selbst explizit hin: »Diese Berechnung sind nicht in der Lage, die Ursache des Zusammenhangs aufzuklären«, schreibt er.

Die Debatte über den Einfluss der AfD auf das Infektionsgeschehen ist dennoch längst im Gang – und es gibt zumindest Indizien, die auf eine Mitverantwortung der Rechtsaußenpartei für die schwere Krise in Sachsen hindeuten: Seit Monaten machen AfD-Politiker gegen Corona-Schutzmaßnahmen Stimmung und spielen die von der Pandemie ausgehende Gefahr für die Bevölkerung systematisch herunter.

»Querdenker« mit Reichsflaggen (im August in Berlin)

»Querdenker« mit Reichsflaggen (im August in Berlin)

Foto: Christoph Hardt / imago images/Future Image

Die AfD sei der »parlamentarische Arm des Kerns der ›Querdenker‹-Bewegung«, sagt der Thüringer CDU-Spitzenkandidat Mario Voigt im SPIEGEL-Interview: »Das ständige Leugnen des Virus durch die AfD hat dazu geführt, dass Bürger unvorsichtig wurden. Ich sage sogar: Die AfD hat mit ihrem Verhalten indirekt Menschenleben auf dem Gewissen.«

Hat die Politik versagt?

Wer das Problem nur auf die AfD schieben will, macht es sich allerdings zu einfach: Denn die Oppositionspartei trägt keine Regierungsverantwortung – weder in Berlin noch in Dresden. Dementsprechend steht in Sachsen die Keniakoalition von Ministerpräsident Michael Kretschmer in der Kritik, der Vorwurf: Die Regierung des CDU-Politikers habe viel zu spät auf die rapide steigenden Fallzahlen reagiert.

Inzwischen steuert die Landesregierung gegen – schreckt vor besonders einschneidenden Maßnahmen aber noch zurück. Der Idee etwa, ganze Ortschaften wegen hoher Infektionszahlen von der Polizei abriegeln zu lassen, hat Kretschmer vorerst eine Absage erteilt: Man wolle »erst einmal die Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen abwarten«.

Dabei kommt es selbstverständlich nicht nur auf die Vorgaben aus den Hauptstädten an, auf die großen Linien der Bundes- und Landespolitik. Dass viel auch von Lokalpolitikern abhängt, zeigte sich zuletzt in Stollberg im Erzgebirge – dem Ort mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 1200.

»Wir werden sehen, ob Corona mehr Opfer kosten wird, als schwere Grippewellen in den letzten Jahren forderten«, schrieb Oberbürgermeister Marcel Schmidt im November in einem offenen Brief  an seine Mitbürgerinnen und Mitbürger. »Wir können wahrscheinlich nicht in jeder kommenden Grippewelle sämtliche Traditionen über Bord werfen, alle bisher geltenden Grundsätze beiseiteschieben, um keine Menschen sterben lassen zu müssen.«

Schmidt entschuldigte sich nach heftiger Kritik  später für seine Aussagen – hängen geblieben sein dürften sie trotzdem.

Mit Material von dpa