Studie über Corona und Zuwanderung Die Pandemie erschwert die Integration von Migranten

Zuwanderer sind in besonderem Maße von Covid-19 betroffen. Was bedeutet das langfristig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Wissenschaftlerinnen entwickelten drei Szenarien.
Coronatest-Station vor der Dar-as-Salam-Moschee im Berliner Bezirk Neukölln

Coronatest-Station vor der Dar-as-Salam-Moschee im Berliner Bezirk Neukölln

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Die Coronapandemie könnte die Integrationserfolge vieler Migrantinnen und Migranten gefährden und sich langfristig negativ auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland auswirken. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung unter der Leitung von Petra Bendel, Professorin für Politische Wissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg, die am Dienstag vorgestellt wird. Die Forscherinnen werteten hierfür verschiedene Studien aus und entwickelten Zukunftsszenarien für Deutschland. »Nahezu alle integrationspolitischen Bereiche sind von negativen Auswirkungen der Pandemie betroffen«, sagt Bendel. »Errungenschaften, die wir in den vergangenen sechs, sieben Jahren erzielt haben, drohen zu versanden, wenn wir nicht entsprechend gegensteuern.«

Auf dem Arbeitsmarkt hätten sich die Auswirkungen der Pandemie besonders deutlich gezeigt, heißt es in der Analyse. »Sie treffen tendenziell Arbeitnehmer:innen mit Migrationserfahrung«. Zwar sei einerseits klar geworden, dass viele von ihnen in systemrelevanten Berufen beschäftigt seien. Vor allem Geflüchtete allerdings arbeiteten oftmals in unsicheren Anstellungsverhältnissen und weniger in für die Heimarbeit geeigneten Jobs.

Besondere Gesundheitsrisiken für Migranten

Auch im Bildungsbereich hätten Zuwanderer Nachteile. Der Zugang zu Schulbildung und zu Sprach- und Integrationskursen sei durch das Homeschooling schwierig geworden, zumal es oftmals an WLAN und an Endgeräten fehle. Mangelnde Sprachkenntnisse oder unterschiedliche Zugangsvoraussetzungen erschwerten es Eltern vielfach, ihre Kinder im Onlineunterricht zu unterstützen. Das Engagement Ehrenamtlicher sei zurückgegangen.

Migranten seien zudem besonderen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. In Gemeinschaftsunterkünften sei das Ansteckungsrisiko hoch: »Dort mangelt es an Hygieneartikeln sowie an Information; die Einhaltung von Distanzregeln ist schlicht nicht möglich.«

Drei mögliche Szenarien

Die Forscherinnen der Universität Erlangen-Nürnberg haben drei mögliche Szenarien entwickelt, wie Deutschland im Jahr 2030, auch als Folge von Corona, mit Migration umgeht.

1) »Die Exklusionsgesellschaft: Germans First«: Diese sei nach der Pandemie zusehend »weniger solidarisch«, »sicherheitsfixiert« und verhindere Migration. Insgesamt habe sich das Parteienspektrum nach rechts verschoben. Rassismus sei gesellschaftlich breit verankert.

2) »Die utilitaristische Gesellschaft: Deutschlands neue Gastarbeiter:innen«: Die Migrationspolitik halte nur noch Ausschau nach »erwünschten Arbeitskräften«, die nützlich für den Arbeitsmarkt seien. »Integration ist zeitlich befristet, berufsspezifisch organisiert beziehungsweise an regelkonformem Verhalten orientiert.«

3) »Die teilhabeorientierte Gesellschaft: Stärker als Viren«: Die Coronapandemie habe das Bewusstsein dafür erhöht, dass Migranten und Migrantinnen in vielen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen »systemrelevant« seien. Migrationspolitik funktioniere weiterhin selektiv, basiere allerdings nicht auf ökonomischen Überlegungen, sondern vielmehr auf gesellschaftlichen Bedarfen. Dazu gehöre etwa, dass nun die Familienzusammenführung für alle Personen, die bereits in Deutschland sind, ermöglicht werde.

Darüber, welches Szenario am wahrscheinlichsten eintreten könnte, macht die Studie keine Angaben. »Wir halten alle für plausibel«, sagt Bendel. Entscheidend sei, wie die Politik nun reagiere. Die Studie enthält deshalb auch Handlungsanweisungen, etwa, dass der Staat für gerechtere und sicherere Arbeitsbedingungen für Migranten sorgen solle. Wo immer möglich, sei »die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften zu entzerren«. Grundsätzlich könnten Antidiskriminierungs-Maßnahmen dazu beitragen, Migranten und Geflüchtete bei der Suche nach einer Wohnung zu unterstützen. Zudem sollte für Schülerinnen und Schüler sowie für Teilnehmer von Integrationskursen der Zugang zur Digitalisierung vereinfacht, entbürokratisiert und das Engagement Ehrenamtlicher weiter gefördert werden.

Nötig sei auch »ein entschiedenes Vorgehen gegen Rassismus und Diskriminierung«. Die Suche nach »Sündenböcken« für die Ausbreitung des Virus sowie für die verschlechterte wirtschaftliche Lage mache die Nachkommen von Eingewanderten, Migrantinnen und Geflüchteten zur Zielscheibe.

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