Corona-Lockerungen Deutschland bewegt sich deutlich mehr

Über Wochen waren viele Menschen vor allem zu Hause. Nun fährt das Land langsam wieder hoch. Daten zeigen das Ausmaß, in dem Autos und Passanten inzwischen wieder unterwegs sind.
Frankfurter Mainufer am 4. April: Inzwischen wieder deutlich mehr Mobilität

Frankfurter Mainufer am 4. April: Inzwischen wieder deutlich mehr Mobilität

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Deutschland erwacht langsam aus der Corona-Starre. Was nicht nur Virologen wie Christian Drosten Sorgen bereitet, sehen andere als hoffnungsvolle erste Schritte in Richtung Normalität. Seit einigen Tagen haben fast überall kleinere Geschäfte wieder geöffnet. In den Innenstädten trifft man wieder Menschen, auf den Straßen sind deutlich mehr Autos unterwegs als Ende März.

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Egal in welche Datenquellen man schaut - überall lässt sich die Zunahme der Mobilität beobachten. Etwa in den Mobilfunkdaten von Telefónica, die das Unternehmen Teralytics ausgewertet hat. Demnach war die Mobilität der Deutschen zwischenzeitlich um mehr als 40 Prozent im Vergleich zu Durchschnittszahlen aus dem März 2019 gesunken. Eine Auswirkung der ab Mitte März geltenden Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren.

Folgendes Diagramm zeigt die Gesamtzahl der Bewegungen seit dem 1. Februar. Die rote Linie steht für den gleitenden Mittelwert über sieben Tage.

Als Bewegung wurde dabei gezählt, wenn ein Mobiltelefon eine Funkzelle verlässt und später für mindestens 15 Minuten die neue Position nicht mehr ändert. Wie sich Menschen dabei bewegen, ob zu Fuß, mit der Bahn oder mit dem Auto, spielt keine Rolle.

Die aus den Mobilfunkdaten gewonnenen Bewegungsstatistiken sind regional fein aufgelöst. Auf folgender Karte können Sie die Rückgänge mit der Maus beziehungsweise dem Finger erkunden. Fast überall ist Deutschland inzwischen gelb oder hellblau gefärbt - deutlich weniger Bewegung (dunkelblau) gab es zuletzt fast nur noch im Osten Bayerns.

Vier Wochen vorher, kurz nach Verkündung der Kontaktsperren, sah die Situation in Deutschland noch ganz anders aus. Fast überall lag das Mobilitätsminus bei 40 Prozent - erkennbar an den kräftigen Blautönen.

Eine ganz ähnliche Entwicklung wie bei den Mobilfunkdaten zeigt sich auch im Straßenverkehr. In den Städten Berlin, Hamburg, Köln und München war die Verkehrsdichte zwischenzeitlich um etwa 40 Prozent gesunken - in München sogar um mehr als 50 Prozent. Doch der Verkehr nimmt seit Ende März wieder leicht zu, wie Daten des Navigationsanbieters TomTom belegen, die der SPIEGEL ausgewertet hat.

Die Fußgängerzonen Deutschlands hinken dieser Entwicklung noch hinterher. Kein Wunder, dürfen doch in vielen Bundesländern bislang nur kleinere Geschäfte öffnen.

Der Hamburger Jungfernstieg etwa ist noch weit entfernt von den bis zu 3000 Passanten pro Stunde an einem normalen Wochentag. Obwohl in dieser Woche bereits doppelt so viele Menschen dort unterwegs waren wie eine Woche vorher. Aktuell sind es etwa 1000 Personen pro Stunde.

Auch im Diagramm der Frankfurter Zeil muss man genauer hinschauen, um den Anstieg der Passanten in den vergangenen Tagen zu entdecken.

In anderen Städten zeigen sich ähnliche Muster. Einem sehr starken Einbruch der Passantenzahlen folgt ein Wiederanstieg in den vergangenen Tagen. Die Unterschiede von Stadt zu Stadt haben auch mit der unterschiedlichen Nutzung der Einkaufsstraßen zu tun. Wo sich Shopping-Bereiche und Büros stärker mischen wie in Stuttgart, ist der Einbruch weniger stark. Dass München in der Liste ganz unten steht, ist indes kein Zufall. In Bayern dürfen auch kleinere Läden unter 800 Quadratmeter Verkaufsfläche erst ab 27. April wieder öffnen.

Wie verschieden die Corona-Beschränkungen in den Regionen wirkten, belegen auch Daten von Google. Der Internetkonzern hat dafür gezählt, wie oft bestimmte Orte von Menschen frequentiert werden, etwa Parks, Bahnhöfe, das eigene Zuhause oder der Arbeitsplatz. Dies ist möglich, weil viele Handybesitzer Google das Tracken ihres Handys erlauben - und anonymisierte Auswertungen.

Google hat dann die Zahl der Besuche an diesen Orten ins Verhältnis gesetzt zu Durchschnittswerten aus der Vergangenheit. Dabei werden auch Unterschiede zwischen Wochentagen berücksichtigt.

Folgendes Diagramm zeigt die Präsenz am Arbeitsplatz - gemessen in allen 16 Bundesländern. Die rote Linie steht für Berlin, die dunkelblaue für Sachsen-Anhalt. Stadtstaaten wie Berlin haben offensichtlich den höchsten Homeoffice-Anteil, was mit dem vergleichsweise hohen Anteil von Bürojobs dort zusammenhängt.

Mit der Maus beziehungsweise dem Finger können Sie sich Details zu den übrigen Bundesländern anzeigen lassen, indem sie die grauen Linien berühren.

Auch bei den Aufenthalten zu Hause manifestiert sich eine auffällige Spreizung zwischen Stadtstaaten wie Hamburg und eher dünn besiedelten Bundesländern. Das Flächenland Bayern ähnelt am ehesten noch dem Profil der Stadtstaaten - in Bayern gelten allerdings auch strengere Beschränkungen als in den meisten anderen Bundesländern.

Die Besuche in Lebensmittelgeschäften, Supermärkten und Apotheken bewegen sich laut Google inzwischen fast schon wieder im üblichen Bereich. Mitte März, als die ersten Einschränkungen verkündet wurden, waren die Zahlen zunächst gestiegen. Es war die Zeit der Hamsterkäufe. Danach gingen die Menschen nicht mehr so oft einkaufen wie sonst. Seit Ostern sind die Zahlen nahezu wieder normal.

Der Trend zu immer mehr Mobilität wird sich in den kommenden Tagen noch fortsetzen. Weil dann immer mehr Schulen und noch mehr Geschäfte öffnen. Ob dies zu einem Anstieg der Infektionen führt - und der von einigen Forschern befürchteten zweiten Erkrankungswelle -, lässt sich aus den Bewegungsdaten nicht ableiten. Denn sie sagen nichts darüber aus, ob die Menschen weiterhin die Regeln des Social Distancing beachten.

Klar ist aber: Wenn zu viele Menschen die Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr ernst nehmen und die Infektionszahlen steigen, drohen neue Ausgangsbeschränkungen.

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