Handel mit Atemschutzmasken "Die Preise sind schon wieder gestiegen!"

Krankenhäuser und Politiker verzweifeln bei der Suche nach Masken und Kitteln. Eine Unternehmerin berichtet von ihren Erfahrungen im Geschäft mit China.
Ein Interview von Lukas Eberle
Masken bei einer Produktionsfirma in Shanghai

Masken bei einer Produktionsfirma in Shanghai

Foto: ALY SONG/ REUTERS

Sabine Harmsen, 53, ist Geschäftsführerin der Firma Harmsen Trading in Troisdorf. Sie lässt seit Jahren Reinigungstextilien in China produzieren und beliefert unter anderem deutsche Krankenhäuser. Neuerdings handelt sie auch mit Atemschutzmasken.

SPIEGEL: Krankenhäuser und Arztpraxen sind auf der Suche nach Schutzmasken und Schutzkitteln für das Personal. Die Politik scheint machtlos, der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sagt, er könne das Material nicht herbeizaubern. Ist die Lage aussichtslos?

Sabine Harmsen: Nein, vor wenigen Tagen habe ich für einen unserer Kunden fünf Millionen Masken in China angefragt. Innerhalb von 24 Stunden stand das Angebot. Das zeigt: Es gibt die Quellen. Es geht, wenn man es richtig macht.

SPIEGEL: Wie geht es richtig?

Harmsen: Sie müssen die Firmen, Lieferanten und Prozesse in China kennen. Die Bestellung läuft derzeit natürlich nur über das Telefon, über Einkaufsagenturen, die das Geschäft in China abwickeln. Wer dort bestellt, muss sich mit DIN-Normen und Schutzklassen auskennen, doch vielen Kunden fehlt das Fachwissen. Der Knackpunkt ist: Die Chinesen akzeptieren nur Vorkasse. Ich bekomme derzeit Hunderte Anfragen von Hausärzten, Apotheken, vom Roten Kreuz und Krankenhausketten. Sie alle wollen Millionen von Masken bestellen, in ihren Zahlungsbedingungen steht aber: Zahlung nur nach Warenerhalt. So läuft das Geschäft nicht.

SPIEGEL: Können chinesische Firmen derzeit überhaupt Schutzbekleidung produzieren? 

Harmsen: Ja, das Land wacht langsam wieder auf. Das Grundmaterial ist auch da, die Stoffe sind vorhanden, und in den Firmen wird bereits wieder ohne Ende produziert. Eine Fabrik kann an einem Tag locker 100.000 Masken herstellen. China ist einfach der größte Anbieter von Masken, und sie liefern gute Qualität.  

SPIEGEL: Allerdings ist momentan fast jedes Land der Welt auf der Suche nach Masken und Kitteln.

Harmsen: Deswegen ändern sich die Preise fast täglich. Vor der Coronakrise kostete ein einfacher Mund-Nasen-Schutz ungefähr fünf Cent pro Stück. Jetzt sind wir bei einem Preis von 50 Cent pro Stück, mitunter ist es noch teurer. Wir haben kürzlich ein Geschäft abgeschlossen, aber so ein Vertrag ist derzeit nicht viel wert. Wenige Stunden später schrieb uns die chinesische Firma: Sorry, die Preise sind schon wieder gestiegen, wir müssen einen neuen Vertrag machen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Wie bekommen Sie Ihre Ware von China nach Deutschland?

Harmsen: Die Firma, mit der wir meistens arbeiten, produziert in der Nähe des Flughafens in Peking. Das ist ein großer Vorteil. Passagierflugzeuge fliegen derzeit nicht, also sind wir ständig auf der Suche nach Platz in Frachtflugzeugen. Alle zwei, drei Tage haben wir ein Kontingent. Auf dem Seeweg ginge es auch, aber auf dem Schiff braucht die Ladung rund sechs Wochen, bis sie bei uns ist.

SPIEGEL: Das Bundesgesundheitsministerium hat vorige Woche verkündet, dass man zehn Millionen Masken besorgen konnte, die jetzt verteilt würden.

Harmsen: Sagen wir so: Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Es geht hier um Einweg-Produkte, die Masken müssen nach ein paar Stunden entsorgt werden, sonst schützen sie nicht mehr richtig.

SPIEGEL: Der Landrat im Kreis Heinsberg, Stephan Pusch, hat in einem Brief an den chinesischen Staatschef um Hilfe bei der Schutzbekleidung gebeten. Wie stehen seine Chancen auf Erfolg?

Harmsen: Ich befürchte schlecht. Geschäfte in China funktionieren fast nur über persönliche Beziehungen, die man vorher aufgebaut haben muss. Außerdem muss man als Auftraggeber derzeit richtig viel Geld in die Hand nehmen. Es gibt Händler aus dem Mittleren Osten, die mal kurz 900 Millionen Masken in China bestellen und die Produktion komplett auslasten. Eine deutsche Kreisverwaltung hat dagegen wohl kaum eine Chance.