Jutta Allmendinger

Folgen der Coronakrise Der Schuldenberg des Vertrauens

Jutta Allmendinger
Ein Gastbeitrag von Jutta Allmendinger
Ein Gastbeitrag von Jutta Allmendinger
Die Coronakrise offenbart das Solidaritätspotenzial unserer Gesellschaft. Das reicht aber nicht. Viele Menschen haben Vorleistungen erbracht, die nun eingelöst werden müssen.
Nachbarin bringt einer Rentnerin Lebensmittel, Essen, 17. März 2020

Nachbarin bringt einer Rentnerin Lebensmittel, Essen, 17. März 2020

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Roland Weihrauch/ dpa

Solidarität hat immer Konjunktur. In keinem Wahlprogramm darf sie fehlen, jede Gesellschaft ist auf sie angewiesen. Ihre starken Gegner, die Ich-linge, Individualisten, Hedonisten und Egoisten können ihr wenig anhaben. Denn auch diese brauchen einander, brauchen das Wir von Freunden, Familien, engen Bekannten. Umfragen zeigen das stets aufs Neue. In diesen kleinen und meist sehr geschlossenen Kreisen von Ähnlichen ist die Solidarität selbstverständlich, es ist ihr Zuhause. Doch die Solidarität kann mehr. Sie kann Brücken bauen zu den fremden anderen – lange Brücken. Sie kann große Gegensätze überwinden, Unterschiede verbinden, Streit schlichten. Ohne diese Differenzen bräuchte es keine Solidarität. Sie sind ihr tägliches Brot.

Solidarität ist also ein Dauerbrenner. In diesen Wochen ist sie aber besonders gefragt. Das sieht man schon daran, wie häufig das Wort im Internet aufgerufen und bei Twitter genutzt wird. Nehmen wir den Wikipedia-Eintrag zum Begriff Solidarität. Von Anfang dieses Jahres bis zum Ende der ersten Märzwoche wurde die Seite am Tag durchschnittlich 200 Mal aufgerufen. Seit der dritten Märzwoche sind es deutlich über 1000 Aufrufe täglich. Klar, kann man sagen: Corona. Das ist richtig. Der Höhepunkt mit fast 1400 Anfragen lag am 18. März, dem Tag der Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aber wenn die Diagnose stimmt und Solidarität mit Unterschieden einhergeht, so wird auch klar: Corona macht die Unterschiede besonders sichtbar.

Die Armen lassen die Reichen nicht auflaufen

Insbesondere die harten Ausgangsbeschränkungen werfen ein grelles Licht auf Unterschiede zwischen uns. Es sind jene Differenzen, die wir sonst weit weniger wahrnehmen oder wahrnehmen wollen: zwischen den Digital Natives und den Digital Immigrants, zwischen jungen und alten Menschen, zwischen Armen und Reichen, systemrelevanten und systemirrelevanten Berufen, zwischen Menschen mit kleinen Kindern und jenen ohne.

In den Wochen einer langen Krise sind diese Gruppen von dem Hausarrest ganz unterschiedlich stark betroffen. Die Digital Natives starten gut gerüstet in die sich nun aufbauende digitale Welt und kümmern sich um die Altvorderen, die ihr Wissen Jahrzehnte lang nicht beachtet haben und es nun brauchen. Was wäre, wenn die Experten ihre Expertise nicht teilen würden? "Hätt‘scht g‘habt", sagte mein Vater oft, wenn ich zu lange zögerte Gelegenheit verpasst! Die jungen Menschen, gerade noch auf den Straßen, verzichten auf Klubs, Freunde, Schulen, Ausbildung, Reisen, Events und Konzerte. Sie tun das für die Alten, die vom Coronavirus besonders Gefährdeten, sie tun das ganz selbstverständlich und ohne großes Murren. Wir wissen, dass sie auch ganz anders könnten, artikuliert und gut vernetzt wie sie sind. Die armen Menschen lassen die reichen nicht auflaufen. All jene, die aus den teuren Skigebieten kommen, in denen zwei Wochen soviel kosten wie viele in einem ganzen Jahr nicht verdienen. All jene, die in der Welt rumjetten. All die infizierten Politiker. Ob es die Mittellosen gejuckt hat, ihre virenfreie Freiheit zu nutzen, die Reichen wegzusperren und in ihrer Quarantäne alleine zu lassen?

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Was ist mit all jenen in systemrelevanten Berufen? Was haben sie sich gewehrt in den jahrzehntelangen Runden der Tarifverträge. Wie winzig mussten sie sich gegenüber den immer länger werdenden Warteschlangen an ihren Kassen fühlen? Und nun ein Klatschen. Haben sie ein klitzekleines Mal daran gedacht, einfach daheim zu bleiben, sich dem Verkauf von Klopapier zu verweigern? Ich weiß es nicht. Und die Familien mit Kindern? Alles müssen sie nun stemmen. Alle staatlichen Aufgaben liegen in ihren Händen. Sie müssen Kita, Schule, Sportverein, Spielplatz und Musikschule sein. Zeitgleich aber auch in ihrem Beruf performen. Oft in kleinen Wohnungen ohne Grün. Die Großeltern müssen sie auch schonen, Kontaktverbot. Kam hier ein Aufschrei? Nein. Die Solidarität stand stramm, hielt, kittete.

Solidarität leiert schnell aus

Solidarität folgt einem einfachen Mechanismus: Bestimmte Güter werden von einer Gruppe der anderen übergeben, es sind einseitige, unbedingte Leistungsangebote. Meist hält die Bereitschaft nicht lange vor, Solidarität leiert schnell aus. Daher wird ein "gemeinsames solidarisches Handeln" (Angela Merkel) auch nicht reichen. Zu sehr ist es auf das Hier und Jetzt bezogen, zu wenig thematisiert es dessen langfristigen Folgen. Was wir dieser Tage sehen, ist vielmehr ein großes Maß an Vertrauen, das in den Menschen und in unserer Gesellschaft steckt. Vertrauen liegt zwischen den Menschen, nicht in einer Person. Vertrauen ist relational, setzt auf ein Geben und Nehmen, in guten wie in schlechten Tagen. Solidarisch kann man sein, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Vertrauen aber basiert auf Erwartungen. In den Worten von Georg Simmel, einem der Gründerväter der Soziologie: "Vertrauen ist eine Hypothese künftigen Verhaltens, die sicher genug ist, um praktisches Handeln darauf zu gründen".

Das heißt aber auch: In den vergangenen Wochen haben sich riesige Erwartungen aufgebaut, die weit über ökonomische Transfers hinaus gehen. Vor uns liegt ein hoher Stapel von Wechselchecks.

Die Digital Natives erwarten den nachhaltigen Ausbau von Netzen und Technik, vor allem aber mehr Aufgeschlossenheit für neues Wissen und Innovationen in der gesamten Gesellschaft.

Die Jungen erwarten, von den Alten gehört zu werden, wenn es um ihr Leben geht. Um ihre Jobs, ihre zukünftigen Renten, ihre Lebensgrundlagen auf dem gemeinsamen Planeten.

Die Armen erwarten, dass auch sie geschützt und medizinisch behandelt werden, wenn das Virus angekommen ist in den Armenvierteln unserer Städte, in den Flüchtlingscamps Griechenlands, in den vielen von Armut gebeutelten Ländern. Sie erwarten, dass ihnen nicht nur mit Einmalzahlungen geholfen wird, sondern dass sie Chancen bekommen, sich wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern, ohne große Gängelei.

Die Systemrelevanten wollen ernst genommen werden. Kollektives Klatschen freut, ja. Aber Anerkennung bedeutet auch ein der Verantwortung entsprechendes Gehalt, wirkliche Aufstiegsmöglichkeiten, mehr Zeit für Weiterbildung und Arbeitszeiten, die nicht in die körperliche und seelische Erschöpfung münden.

Und die Menschen mit Kindern? Sie hoffen auf bessere Kindertagesstätten, auf gute Schulen, auf sicheren Wohnraum. Auf Verständnis.

All diese Gruppen haben der Gesellschaft, der Politik, unserem Staat einen hohen Vertrauensvorschuss gegeben. Ja, sie waren solidarisch. Haben sich zurückgenommen. Sollten wir alle einigermaßen heil aus der Krise kommen, so haben wir es diesen Menschen und ihrem Vertrauen zu verdanken. Nicht nur Frau Merkel, Herrn Drosten, den Herren Spahn, Scholz und Heil. Nach der Krise darf daher nicht vor der Krise sein. Oder anders: Enttäuschen wir das Vertrauen, haben wir es verspielt. Wir brauchen eine geschlossene Politik des Vertrauens.

Dabei geht es nicht nur um Deutschland und nicht nur um Geld. Das kleine Virus prüft uns global, ist ein Lackmustest für Europa. Unvergessen werden die langen Staus vor den schnell wieder geschlossenen Grenzen bleiben, die Ausweis- und Begründungspflicht. Europa hat niemand Vertrauen entgegengebracht. Nicht während der Krise und wohl auch nicht in der Folge der Krise. Gleich ob Corona-Bonds, Kredite im Rahmen des Europäischen Stabilisierungsmechanismus (ESM) oder Staatsanleihen der europäischen Zentralbank (EZB), Europa tut sich schwer. Die Coronakrise führt zu der schärfsten Europa-Krise bisher. Wollen wir diese große Idee einer Union so einfach fallen lassen, nach all den Jahrzehnten? Dem Virus diese Macht geben? Oder wollen wir es nutzen, und neben die Wirtschafts- auch eine Sozialunion stellen?

Eine Politik des Vertrauens setzt auf Anerkennung, Respekt, Augenhöhe und Nachhaltigkeit, insbesondere aber auf Ermächtigung. In einem gerade erschienenen Buch, das ich mit Jan Wetzel geschrieben habe, werden die Eckpunkte einer solchen Politik ausgeführt. Wir müssen die Menschen ermächtigen, an Innovationen teilzuhaben und an ihnen mitwirken zu können, das geht nur mit guter Bildung und erstklassiger Weiterbildung. Wir müssen den Menschen helfen, sich eine Zukunft überhaupt vorstellen zu können. Das geht nur durch nachhaltiges Wirtschaften, den Schutz unseres Planeten und unseres kleinen eigenen Lebens. Das Gesundheitssystem und das Rentensystem dürfen wir nicht weiter aushöhlen. Die Solidarität ist noch da, das haben wir gesehen. Das Vertrauen auch. Wir sollten es nicht beschädigen.