Glaube in Zeiten von Corona Wie Christen, Muslime und Juden auf das Gottesdienstverbot reagieren

Jedes Wochenende kommen in Deutschland deutlich mehr Menschen in Gotteshäusern zusammen als in Fußballstadien. Das geht nun nicht mehr. Wie reagieren gläubige Christen, Juden und Muslime?
Kirche in Oberhausen-Osterfeld: Für viele Gläubige ist der Wegfall der Gottesdienste ein schmerzlicher Verlust

Kirche in Oberhausen-Osterfeld: Für viele Gläubige ist der Wegfall der Gottesdienste ein schmerzlicher Verlust

Foto: Fabian Strauch/ dpa

Viele Menschen, die in Deutschland Kirchen, Moscheen oder Synagogen besuchen, sind betagt - und damit bei einer Corona-Infektion gesundheitlich besonders gefährdet. Vertreter der drei großen Konfessionen empfehlen, Gottesdienste und Gebete, Seniorentreffen oder Frauenkreise bis auf Weiteres ausfallen zu lassen - so hat es auch die Bundesregierung am Montagabend vorgegeben.

Wie viele Menschen das Verbot trifft, macht ein Vergleich deutlich: Allein rund 2,8 Millionen Christen besuchen nach Angaben der Amtskirchen jeden Sonntag Gottesdienste - das sind deutlich mehr, als jedes Wochenende in die Stadien der ersten und Zweiten Bundesliga pilgern.

Wie geht es den Gläubigen mit dem Wegfall der Rituale - in einer Zeit, in der sie ganz besonders auf Zuspruch, Unterstützung und Gesellschaft angewiesen sind? Was tun die Glaubensgemeinschaften, um trotz erforderlicher Isolation weiter Seelsorge möglich zu machen?

Christen, Juden und Muslime berichten über ihren Glauben in Zeiten von Corona.

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Edelgard Kripke, 81, aus Schleswig-Holstein, evangelisch

Die Kirche gehört zu meinem Leben, mein Körper und meine Seele brauchen den Austausch mit anderen Gläubigen. Ich habe drei Partner durch Krankheit und Unfall verloren, nirgendwo habe ich so viel Unterstützung erfahren wie in unserer Gemeinde. Die Menschen sind verlässlich, wir haben einen guten Umgang miteinander, auch wenn wir mal streiten. Wenn der Gottesdienst ausfällt, fehlt mir dieser Rückhalt.

Die Gleichnisse aus der Bibel sind zeitlos – sie helfen heute genauso im Alltag wie früher. Ich glaube nicht, dass nach der Coronakrise weniger Menschen in die Kirche gehen. Der Zuspruch war in den letzten Jahren kontinuierlich und es kamen auch immer wieder neue, jüngere Leute.

Ich weiß, dass ich in meinem Alter Teil der Corona-Risikogruppe bin. Aber ich bin eine zuversichtliche Person, deshalb halte ich Panik und Hamsterkäufe angesichts der Coronakrise für albern. Ich habe meinen Garten, meine Gefriertruhe, ich wecke selbst ein und mache Marmelade, das reicht. Und wenn mich der Virus erwischt, dann ist das eben so.

Langfristig wird es eine Lösung geben. Der Mensch passt sich so schnell an, er zieht aus allem den größtmöglichen Vorteil.

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Heiner Wilmer, 58, Bischof von Hildesheim, katholisch

Ich bin ein Mensch, der gern andere um sich herum hat. Insofern ist die jetzige Lage natürlich sehr schwierig. Es widerspricht dem menschlichen Bedürfnis nach Nähe. Aber es ist notwendig, damit wir uns schützen. Deshalb wurden viele öffentliche Veranstaltungen auch mit meiner Beteiligung abgesagt.

Der Wegfall des Gottesdienstes ist ein tiefer Einschnitt für jeden gläubigen Menschen. Die gemeinsame Feier der Eucharistie ist der Mittelpunkt kirchlichen Lebens, sie ist zentral für uns Katholikinnen und Katholiken. Wir müssen jetzt kreativ werden, um das zu kompensieren. Wir haben einige liturgische Empfehlungen  auf der Website unseres Bistums zusammengetragen.

Als Bischof rufe ich zur Solidarität mit Menschen auf, die in der jetzigen Situation besonders eingeschränkt sind. Da ist unsere Nächstenliebe gefordert. Wie können wir helfen, ohne uns und unsere Mitmenschen zu gefährden? Mein Appell ist: Lasst uns die Herausforderung annehmen. Wir können daran wachsen, als Einzelne und als Gesellschaft, indem wir nicht nur auf uns selbst schauen, sondern solidarisch denken und handeln. Ich rate zu Besonnenheit, verantwortungsbewusstem Handeln und Gottvertrauen.

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Nasir Ahmad, 35, Blogger und Publizist, Muslim aus der Ahmadiyya-Gemeinde im hessischen Wetteraukreis.

Am Montagabend haben wir alle die Nachricht von unserem Bundesvorstand bekommen, dass die gemeinsamen Gebete und Versammlungen bis auf Weiteres nicht stattfinden. Die Moscheen bleiben jedoch geöffnet. Kurz davor war ich noch beim Abendgebet. Die Predigt war da noch ganz gut besucht, allerdings hatte jeder seinen eigenen Gebetsteppich dabei. Auf dem Boden können sich ja auch Viren und Bakterien festsetzen.

Die Stimmung war sehr emotional. Der Imam rezitierte immer wieder eine Passage aus dem Koran, in der es heißt, Allah möge Erbarmen mit uns haben. Ab jetzt bete ich zu Hause. Auch da kann ich Gott gedenken. Mir gibt mein Glaube in diesen Zeiten Halt und schützt mich davor, in Panik zu geraten. Ich höre in mich selbst und finde dort Ruhe. Gottvertrauen ist auch ein Vertrauen in die Wissenschaft.

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Ingrid Wettberg, 73, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover

Der Gottesdienst am Freitagabend, der Kabbalat Schabbat, in dem wir den Schabbat willkommen heißen, ist für mich ein sehr wichtiges Ritual. Dieser Abend am Ende der Woche hat für mich eine ganz tiefe Bedeutung. Es ist ein Gefühl von großer Gemeinschaft.

Nun wird unser Kantor allein einen verkürzten Gottesdienst halten, der erstmals auf YouTube übertragen wird. Über einen Link können sich dann alle zuschalten. Das werde ich auch tun. Ich bin sehr gespannt, wie es sein wird, es ist Neuland für uns. Toll, dass wir das Medium haben, sonst wären wir ganz abgeschnitten. Natürlich können wir auch online das Kaddisch für die Verstorbenen sagen, Schabbatlieder singen, und wir werden auch ein besonderes Gebet für die Zeiten des Coronavirus hören.

Doch zum Freitagsgottesdienst gehören auch der anschließende Kiddusch mit der Segnung von Brot und Wein und die Gespräche miteinander bei der gemeinsamen Mahlzeit. Daraus schöpfe ich immer viel Kraft für die Woche. Das wird mir fehlen. 

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Kirsten Fehrs, 58, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland

Die Entwicklungen in der Coronakrise schreiten so schnell voran, dass wir in der Kirche kaum nachkommen mit unseren Entscheidungen. Die Einschränkungen für die Menschen werden immer größer, die Grundlinien enger - aber es ist völlig klar, dass wir den Staat dabei unterstützen, die Infektionsketten zu durchbrechen.

Gleichzeitig brauchen die Menschen gerade jetzt Trost, Ansprache und Hoffnung. Zum Glück sind wir in der Nordkirche digital gut aufgestellt und können vieles über die sozialen Medien und andere Plattformen auffangen. Es gibt Videos, TV- und Radioandachten, Predigten, Gebete, Aufmunterung jeder Art. Um ältere Menschen zu erreichen, setzen wir auf das gute, alte Telefon.

Nach allem, was wir hören, begleiten Pastorinnen und Pastoren die Menschen vor Ort sehr liebevoll und einfallsreich. Es gibt Einkaufsgruppen, die Lebensmittel nach Hause bringen, oder Helfer, die Segensworte in die Briefkästen werfen. Mein Eindruck ist: Die Menschen haben absolutes Verständnis dafür, dass Gottesdienste ausfallen, und gehen sehr klug mit den Herausforderungen durch Corona um.

Es ist eine Zeit der Angst und der Zumutung, aber auch eine Zeit zum Innehalten. Es geht um ein ganz neues Nachdenken – über Krankheit, Leben und Tod. Und über den Sinn dahinter.

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Zsolt Balla, 39, orthodoxer Landesrabbiner von Sachsen

Die Anleitung für mein Handeln finde ich auch jetzt in der Thora, der Halacha, also den jüdischen Rechtsvorschriften, und der rabbinischen Literatur. Diese Regeln sagen mir, nicht zu fragen, warum das gerade passiert, sondern was ich in der Situation tun soll. In der Thora heißt es: Wir sollen unsere Seele sehr schützen, das heißt auch unsere Gesundheit. Wir müssen allen medizinischen Hinweisen folgen und auch den staatlichen Gesetzen, wenn sie der Thora nicht widersprechen, aber das tun sie nicht.

Die mündliche Thora sagt, die Gesetze sind da, damit wir leben und nicht sterben. Wenn eine Gefahr für das Leben in meiner Gemeinde besteht, dann kann ich religiöse Verpflichtungen aussetzen. Wenn in Zeiten von Corona hier zehn Männer zusammen beten würden, wie es die Mindestzahl für einen jüdischen Gottesdienst, der Minjan, fordert, und etliche davon sind über 70 Jahre alt, dann besteht eine Lebensgefahr.

Wir sind eine sehr alte Gemeinde in Leipzig, und deshalb haben wir schon am Montag alle unsere Gottesdienste eingestellt, denn wir haben die Pflicht, unsere Mitglieder zu schützen. Ich gehe jetzt nur noch allein in die Synagoge, und wir schalten uns dann in einem Livestream zusammen. Heute morgen waren wir neun Männer, die so zusammen gebetet haben. Nach der Halacha hat das keine Bedeutung, nach dem Gesetz muss man physisch an einem Ort sein. Trotzdem: Das Gefühl, dass man zusammen ist, das ist ja da, und das ist auch sehr wichtig.

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Anna Marx, 38, Architektin in Elternzeit in Berlin, katholisch

Mir ist natürlich klar, dass die Schließung der Kirchen in der jetzigen Situation konsequent und wichtig ist. Als dann aber am Sonntag die Zeit zum Gottesdienst nahte und ich normalerweise mit meinem Mann und unseren vier Kindern im Auto Richtung Kirche sitzen würde, hatte ich plötzlich einen Kloß im Hals.

Die Perspektive, dass ich in den nächsten Wochen nicht in die Kirche darf, macht mich traurig, gerade weil es auf Ostern zugeht. Für das gemeinsame Gebet in Form eines Gottesdienstes gibt es halt keinen Ersatz. In unserer Gemeinde St. Christophorus in Berlin-Neukölln sind wir eine tolle Gemeinschaft. Wir singen gemeinsam, preisen und feiern. Gerade in diesen schwierigen Zeiten spüre ich den Wunsch zu beten. Das gibt mir viel Kraft. Erst mal werden wir einfach hier zu Hause kleine Gottesdienste feiern.

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Eyüp Kalyon, 30, Religionsbeauftragter der türkischen Moscheegemeinde Ditib aus Essen

Unsere Moscheen sind noch geöffnet, es finden aber natürlich keine gemeinsamen Gebete mehr statt. Viele bei der Ditib arbeiten jetzt im Homeoffice. Ich bin für unsere Gemeindemitglieder jederzeit per Telefon oder über Social Media erreichbar. Die Leute können sich auch um Mitternacht noch bei uns melden. Es gibt viele Fragen, die das alltägliche Leben betreffen, ich habe aber nicht das Gefühl, dass die Leute große Angst haben. Das Leben ist eine Gabe Gottes, der Tod ist die natürliche Konsequenz. So sehen wir Muslime das.

Eine solche Weltsicht verleiht eine gewisse Ruhe. Das soll aber nicht heißen, dass wir die Corona-Epidemie auf die leichte Schulter nehmen. Rituelle Waschungen sind Teil unserer Religion. In der jetzigen Situation empfehlen wir besonders Jugendlichen vorsichtig zu sein, auch wenn viele nicht zur Risikogruppe gehören, um mehr Rücksicht auf Gefährdete zu nehmen. Dazu gehört es nicht nur die Hände zu waschen, sondern auch das Gesicht, Arme und Füße usw. Hygiene ist bei uns also immer wichtig. Dementsprechend haben wir unseren Gemeindemitgliedern die Hinweise des Robert Koch-Instituts empfohlen."

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Petra Sander, 46, Mitarbeiterin der Gemeinde Lensahn, evangelisch

Ich leite den Kindergottesdienst in unserer Gemeinde und bedaure, dass wir jetzt eine Zwangspause einlegen müssen. Unsere Gruppe ist gerade auf 15 Kinder angewachsen, die so richtig mitgehen. Wir tanzen, singen, spielen Bibelgeschichten nach und beten zusammen. Ich versuche zu vermitteln, dass es gar nicht albern ist, sich mit Gott zu unterhalten.

Persönlich werde ich gerade auf mich selbst zurückgeworfen. Zwar gibt es WhatsApp-Gruppen, über die ich mich mit anderen Christen austausche. Aber das ist irgendwie blasser, als sich persönlich gute Worte zu sagen. Von Angesicht zu Angesicht dringt die Botschaft tiefer ins Innere. Aber wir müssen jetzt verantwortungsvoll handeln. Älteren Gemeindemitgliedern empfehlen wir TV- und Radiopredigten oder Onlinetexte.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Was die Coronakrise langfristig für die Kirche bedeutet, ist schwer zu sagen: Vielleicht wird es eine Entfremdung geben. Vielleicht lernen die Menschen aber auch gerade in der Not, die Kirche wieder zu schätzen und haben besonders viel Lust, in den Gottesdienst zu gehen.