Rettungsdienste in der Coronakrise Notruf in Not

Rettungsdiensten kommt bei der Corona-Bekämpfung eine zentrale Rolle zu - doch sie selbst sind anfällig, besonders die Notrufleitstellen. Die Krise könnte das ganze System verändern.
Notarztwagen im Einsatz

Notarztwagen im Einsatz

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Es klingt paradox, wird aber von verschiedenen Rettungsdiensten bundesweit bestätigt: Von Südbaden bis Schleswig-Holstein ist aktuell die Einsatzfrequenz etwas niedriger als normal. Zwar gibt es einige Ausnahmen, doch vielerorts hört man Sätze wie diesen von Frank Koberne, Notarzt in Freiburg im Breisgau: "Das könnte die Ruhe vor dem Sturm sein."

Dennoch gilt der Rettungsdienst als massiv gefährdet, sobald sich dort unter dem Personal rasant die Corona-Fälle ausbreiten sollten. Notärzte berichten von Unsicherheit, etwa wenn sie zu Patienten mit Atemnot gerufen werden. Darf Schutzkleidung in großem Maße verwendet werden? Reicht sie?

Die Bundesländer bauen bereits vor. Manche haben Regeln erlassen, dass Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeuge in der jetzigen Krise nicht mehr korrekt besetzt sein müssen, wenn es die Personaldecke nicht hergibt. In Baden-Württemberg etwa dürfte jetzt auch ein schlechter ausgebildeter Rettungssanitäter den Notarzt zur Einsatzstelle fahren - bisher musste das zwingend ein Rettungsassistent oder gar ein Notfallsanitäter sein.

In manchen Gegenden werden Ferienwohnungen angemietet, um Einsatzfahrzeuge und damit Personal nicht gehäuft auf einer Wache herumstehen zu haben. Krankentransporte werden weniger geordert, auch weil terminierbare Operationen und Arzttermine entfallen; hier wird Personal frei, das für den Notfall aber nur bedingt vorbereitet ist. 

DER SPIEGEL 13/2020
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Experten sorgen sich vor allem um die Notrufzentralen. "Wir können nicht mal eben Kräfte anlernen", sagt Achim Hackstein, Leiter der Leitstelle Nord in Schleswig-Holstein. 27 Disponenten koordinierten 2019 rund 500.000 Anrufe; 82.000 Einsätze entstanden daraus. "Für ein Fahrzeug kann man mal eben einen Rettungssanitäter aus Bayern holen", sagt Hackstein. Leitstellen seien hingegen sehr komplex - von der Software her, aber auch von den Kenntnissen über die Region. "Das Personal ist nicht so leicht ersetzbar." 

Seit Montag arbeiten Hacksteins Disponenten nur in festen Dienstgruppen, um eine Durchmischung des Personals zu vermeiden. Notfallpläne sehen vor, dass Leitstellenmitarbeiter auf dem Gelände schlafen könnten; schlimmstenfalls dürften sie die Leitstelle gar nicht mehr verlassen und müssten darin auf Feldbetten über Wochen schlafen und abwechselnd Dienst schieben. 

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Mit Sorge beobachten Notärzte wie Frank Koberne in Freiburg, dass Atemschutzmasken und Stoff-Overalls für die Einsatzkräfte knapp werden. "Manche Besatzungen gehen mit der Ausrüstung noch so um, als hätten wir keinen Engpass. Doch das verändert sich gerade", sagt Koberne. Leitstellen müssten konsequent abfragen, ob es sich um einen Corona-Verdachtsfall handeln könnte. Es würde dann reichen, wenn zunächst ein Mitarbeiter allein schauen geht, bevor auch der Kollege sich die rare Schutzausrüstung anlegt. 

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Wenn Rettungsdienst-Personal und Kobernes Kollegen nicht mehr arbeiten können, weil sie vom Coronavirus infiziert sind, könnte auch der Katastrophenschutz greifen. Doch das System der Krisenvorsorge ist fragil und funktioniert wie eine Versicherung: Man geht von einem Fall aus, von dem man hofft, dass er nicht eintritt. So bot das System über Jahre Sparansätze, nicht nur in der Unterstützung des Regelrettungsdiensts. Behelfskrankenhäuser, etwa in Bunkern unter Schulen, sind nahezu flächendeckend aufgelöst und vielerorts kaum mehr als ein modriger Raum ohne Ausstattung.

Einst wurden Pflegehelfer flächendeckend ausgebildet - abgeschafft. Hilfszugabteilungen mit allerlei medizinischer Ausstattung wie auch Beatmungsgeräten - zurückgebaut. Berlin hatte mal eine eiserne Senatsreserve. Sie war gedacht für den Fall der Abriegelung von West-Berlin und umfasste neben Nahrung für Zehntausende auch Nachttöpfe, Rinder, Fahrräder - und medizinisches Gerät. Aufgelöst.

Eine Frage im Einsatzfall wäre, ob es ausreichend Personal gibt. Insider gehen davon aus, dass manche Helfer doppelt gemeldet sind. Manche arbeiten etwa beim örtlichen Rettungsdienst hauptberuflich, nebenbei werden sie ehrenamtlich bei derselben Organisation als Helfer geführt und fallen somit im Ernstfall weitgehend aus. Auch das Einsatzmaterial dürfte nicht immer vorhanden sein. Es gibt Katastrophenschutz-Einheiten, deren Planungen vorsehen, sich im Einsatzfall an den Beständen des Regelrettungsdiensts zu bedienen. Das geht so lange gut, wie ausreichend Material vorhanden ist. Doch Masken und Schutzkleidung werden vielerorts bereits als Verschlusssache wie Betäubungsmittel gehandelt. Das Rote Kreuz im badischen Müllheim ruft über Facebook  sogar dazu auf, Schutzmasken der Organisation zu spenden.

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