Leben mit Corona Wir brauchen eine neue, kreative Normalität

Ein Kommentar von Eva Horn
Die Corona-Debatte dreht sich vornehmlich um das Thema, welche Regel als nächste gelockert wird. Das führt in die Irre - die Gesellschaft sollte sich anderen Fragen stellen.
Temporäres Autokino am Flughafen Essen

Temporäres Autokino am Flughafen Essen

Foto: Jochen Tack/ imago images/Jochen Tack

Was haben wir nicht alles gelesen in den letzten Tagen. Von "Öffnungsdiskussionsorgien" war die Rede, von der Wiedereröffnung von Küchenstudios und verkaufsoffenen Sonntagen. Während es den einen offensichtlich gar nicht schnell genug gehen kann, möglichst viele Bereiche des öffentlichen Lebens wieder auf Vor-Corona-Niveau hochzufahren, warnen die anderen vor einem erneuten Lockdown, den entsprechenden Folgen und der weiteren Gefährdung von Risikogruppen. Beide Positionen lassen einen wichtigen Aspekt außer Acht.  

Wenn kein Wunder passiert, und Wunder passieren erfahrungsgemäß ja leider eher selten, dann werden die Pandemie und ihre Auswirkungen die Gesellschaft noch über Monate, wenn nicht sogar über Jahre begleiten. Um es mit anderen Worten zu sagen: Es wird bis auf Weiteres keine Normalität geben, wie es sie vor Corona gab. Zu inkompatibel ist unsere Art des Zusammenlebens mit der weiteren Eindämmung der Verbreitung des Virus.

Sei es nun die Art und Weise, wie wir in Großraumbüros zusammenarbeiten, wie wir unsere Kinder beschulen oder sie auf Spielplätzen spielen lassen, wie wir Feste feiern oder einkaufen gehen. Zu viele Kernpfeiler unserer Gesellschaft fußen darauf, dass Menschen einander (zu) nahe sind, ob bei der Arbeit, im Theater oder im Fußballstadion.

Was also tun? Ein neues Normal muss her.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Es ist grundfalsch und sogar gefährlich, den Eindruck zu erwecken, mit dem Tragen von Mund-Nasen-Masken und der weiteren Aufstockung von Intensiv-Kapazitäten bekäme man das schon wieder hin mit der Normalität. Es ist ein viel weiter gehendes Umdenken erforderlich - und wir alle werden uns daran gewöhnen müssen, mit gewissen Unsicherheiten zu leben. Niemand kann seriös vorhersagen, wie lange es dauert, bis ein Impfstoff gegen das Sars-2-Virus gefunden ist. Und bis es so weit ist, müssen wir uns etwas einfallen lassen.

Gut leben mit und in der Pandemie

Der Lockdown kam in Deutschland zur richtigen Zeit, dank konsequenter Umsetzung und mit viel Hilfe der Bevölkerung konnte die Ausbreitung des Coronavirus gebremst werden. Was wir dadurch gewonnen haben, ist in erster Linie eines: Zeit. Und zwar Zeit, die wir eigentlich bräuchten, um unsere Gesellschaft möglichst Corona-kompatibel und gleichzeitig erträglich aufzustellen. Zeit, die wir gerade mit Öffnungsdiskussionen und Lockerungsdebatten wieder verspielen.

Anstatt darüber zu streiten, ob es nun Möbelhäuser, Biergärten oder Kitas verdient haben, als Erste wieder "normal" aufzumachen, anstatt also berechtigte Interessen gegeneinander abzuwägen oder sogar auszuspielen, sollte unser Blick viel mehr darauf ausgerichtet sein, wie wir es hinbekommen, mit und in der Pandemie möglichst gut zusammenzuleben. Wie kann Teilhabe möglich gemacht werden, ohne dass es zu unkontrollierbar vielen Neuinfektionen kommt - und Menschenleben leichtsinnig gefährdet werden?

Wie kann man etwa das System Kita so umorganisieren, dass möglichst viele Eltern wieder arbeiten gehen können - ohne sich ständig Sorgen machen zu müssen, sich bei ihren Kindern anzustecken? Wie können Besuche in Alten- und Pflegeheimen möglich gemacht werden? Wie können Konzerte oder Demonstrationen stattfinden, wie können Menschen Dinge zusammen erleben, einander nah sein, ohne sich gegenseitig anzustecken? Wie können Risikogruppen dabei effektiv geschützt werden?

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Die Lösung kann dabei nicht sein, dass man im Großraumbüro einfach nur jeden zweiten Tisch freilässt oder nur jedes zweite Kind in die Kita gehen kann, es müssen kreativere Ansätze her.

Dabei gibt es schon einige gute Ideen, die zeigen, dass sich vieles ermöglichen lässt, wenn unterschiedliche Instanzen mit gutem Willen zusammenarbeiten und wenn man vom (bisher) "normalen" Weg abweicht. Wann, wenn nicht in diesen Pandemie-Zeiten, sollte Raum sein für ungewöhnliche Ideen - Festivals im Autokino-Format, kontaktloses Einkaufen beim Bio-Lieferanten, telefonische Hausaufgabenhilfe, Beratung durch Plexiglasscheiben. Solche Konzepte müssen her, sie müssen gefördert werden - und zwar dringend. Wir brauchen sie für möglichst viele Lebensbereiche. Sowohl, um viele Arbeitsplätze erhalten zu können, als auch, um die erforderlichen Einschränkungen durchzuhalten und dabei nicht den Spaß am Leben zu verlieren.

Wenn wir nur darüber diskutieren, was man wie wieder öffnet, verpassen wir viel zu viele Aspekte des menschlichen Zusammenlebens - und laufen außerdem Gefahr, immer und immer wieder in den Lockdown zu rutschen - mit fatalen Folgen, auch für die Wirtschaft.

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