Peter Maxwill

Missbrauch historischer Vergleiche Lesen Sie hier die klügsten Thesen seit Christi Geburt

Peter Maxwill
Eine Analyse von Peter Maxwill
Eine Analyse von Peter Maxwill
Die AfD ist die neue NPD, die Regierung handelt wie Hitler, Corona-Leugner wiederholen die Revolution von 1989: Der pseudohistorische Vergleich ist in Mode. Das ist manchmal zum Lachen – und immer gefährlich.
Demonstrant mit Honecker-Plakat am 7. November in Leipzig: Überall »Stasi-Methoden«

Demonstrant mit Honecker-Plakat am 7. November in Leipzig: Überall »Stasi-Methoden«

Foto:

opokupix / imago images/opokupix

Es braucht nicht viel, um ein bisschen Ruhm zu erlangen. Von Jana aus Kassel etwa ist nicht einmal der Nachname bekannt. Bundesweit bekannt ist die junge Frau trotzdem, und zwar dank eines Auftritts auf einer »Querdenken«-Kundgebung vor überschaubarem Publikum in Hannover: Auf der Bühne verglich sie sich mit Sophie Scholl – woraufhin ein junger Mann ihr wutentbrannt seine Ordnerweste vor die Füße warf.

Diese in Videos festgehaltene Groteske löste viel Spott aus, dabei illustriert sie ein ernst zu nehmendes Problem: Verschwörungsgläubige, Rechtsextreme und Populisten haben den historischen Vergleich gekapert und zur gefährlichen Waffe im Meinungskampf umfunktioniert. Das ist kein wissenschaftstheoretisches Phänomen aus dem Elfenbeinturm, sondern eine reale Gefahr für Demokratie und Debattenkultur.

Mal wird die bundesdeutsche Demokratie mit dem NS-Terror verglichen, mal mit dem SED-Überwachungsstaat. Mal ist von »Stasi-Methoden« die Rede, mal von der »Nazi-Keule«. Was genau da miteinander vergleichbar sein soll, bleibt meist unklar, und so ist es auch gewollt: Der historische Vergleich soll seine einschüchternde Wirkung unabhängig von den Fakten entfalten.

Die AfD zur neuen NPD umdeuten? Bitte nicht!

Umso alarmierender ist es, dass nicht nur diejenigen solche Vergleiche bemühen, die von künstlich erzeugter Endzeitstimmung profitieren. Der CSU-Abgeordnete Alexander Dobrindt stellte jüngst die These auf, die AfD sei »auf dem direkten Weg, zur neuen NPD zu werden«. Das ist griffig, weil die einst in mehreren Landtagen vertretene NPD als Inbegriff des organisierten Neonazismus gilt – und 2017 vom Bundesverfassungsgericht das Prädikat »verfassungsfeindlich« erhielt.

Der Vergleich geht trotzdem nicht auf: weil die NPD für den harten Kern der rechtsextremen Szene noch immer wichtig, parteipolitisch inzwischen aber unbedeutend ist. Der Verweis auf die selbst ernannten Nationaldemokraten, die im extrem rechten Spektrum lange die tonangebende Kraft waren, verzerrt zudem die Rolle der AfD. Denn die Rechtspopulisten sind im Bundestag ebenso vertreten wie in sämtlichen Landesparlamenten.

In Thüringen schien im Februar eine Regierungsbildung ohne die AfD unmöglich, schließlich hievte die Rechtsaußenpartei mit ihren Stimmen einen FDP-Ministerpräsidenten ins Amt. Spätestens da war offenkundig: Die AfD strebt nicht nur nach Regierungsmacht, im Gegensatz zur NPD könnte sie dieses Ziel womöglich auch in absehbarer Zeit erreichen. Für die AfD wäre es de facto also ein großer Rückschritt, befände sie sich tatsächlich auf dem direkten Weg, zur neuen NPD zu werden.

Schon Willy Brandt griff zum Goebbels-Vergleich

Natürlich sind schiefe Vergleiche keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Schon Willy Brandt giftete, sein CDU-Widersacher Heiner Geißler sei »seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land«. Neu und alarmierend aber ist, wie häufig und vor allem wie wahllos historische Vor- und Zerrbilder inzwischen instrumentalisiert werden. Womit wir wieder bei Jana aus Kassel wären: Sie fühle sich auch deshalb mit Sophie Scholl verbunden, tönte die »Querdenkerin« ins Mikrofon, weil sie so alt sei wie die 1943 hingerichtete NS-Widerstandskämpferin – gerade mal 22 Jahre.

Man mag diese Begründung so lächerlich finden wie den Vergleich an sich, aber das Publikum von Jana aus Kassel dürfte die Botschaft verstanden haben: In Wahrheit, so glauben es viele der selbst ernannten »Querdenker«, kämpfen sie gegen eine faschistoide Corona-Diktatur. Gegen die neuen Nazis also, quasi wie einst die Geschwister Scholl, irgendwie. Und Jana aus Kassel ist dann logischerweise eine Protagonistin der Bewegung, weil sie ja so alt ist wie damals Sophie Scholl.

Das ist ein bisschen so, als würde dieser Artikel seine Überzeugungskraft daraus speisen, dass der Autor ungefähr so alt ist wie Jesus von Nazareth bei seiner Kreuzigung. Schließlich prangerte auch der Sozialrevolutionär Jesus Missstände an und verärgerte damit die Mächtigen ebenso wie einige seiner Mitbürger.

Seine Überzeugungskraft zieht der missbrauchte Vergleich nicht aus Fakten, sondern nur aus sich selbst.

Total bescheuerter Vergleich, anmaßend und ahistorisch? Selbstverständlich, aber das ist völlig egal: Seine Überzeugungskraft zieht der missbrauchte Vergleich nicht aus Fakten, sondern nur aus sich selbst. Inzwischen kann es schon ausreichen, eine Parallele zu behaupten, um so Überzeugungskraft zu fabrizieren. Je größer das historische Vorbild, desto effektiver: 

  • Die AfD plakatierte im vergangenen Jahr bei mehreren Landtagswahlen in Ostdeutschland den Slogan »Vollende die Wende«, in Leipzig wollten die »Querdenker« zuletzt die friedliche Revolution von 1989 reinszenieren. Beides zielt darauf, die legitime Kritik an demokratisch gewählten Regierungen zum Widerstand gegen ein Unrechtssystem umzudeuten. So lassen sich nicht nur Verschwörungsfantasien rechtfertigen, sondern auch Straftaten. Müßig zu erwähnen, dass »Querdenker« und AfD-Politiker nichts mit den Helden von 1989 verbindet.

  • Noch hanebüchener sind Versuche, das überarbeitete Infektionsschutzgesetz mit dem sogenannten Ermächtigungsgesetz von 1933 zu vergleichen – so wie es ebenfalls AfD-Politiker und »Querdenker« tun. Mit dem Ermächtigungsgesetz übertrug der Reichstag seine Kompetenzen an die Regierung Hitlers, der so die Gewaltenteilung aufheben und die Diktatur errichten konnte. Müßig zu erwähnen, dass sich all das nicht im Entferntesten mit den Entscheidungen des Bundestags in der vergangenen Woche vergleichen lässt.

Vergleiche hinken bisweilen, solche pseudohistorischen Verweise aber gehen gar nicht: Sie dienen nicht der sachdienlichen Zuspitzung und Pointierung in wichtigen Debatten, sondern verunmöglichen den produktiven Austausch von Argumenten.

Denn wer Maximalvergleiche heranzieht, überzeugt maximal die ohnehin schon Überzeugten. Alle anderen diskutieren dann eher über den Tabubruch und die durchschaubare Provokation, während die eigentlich notwendige Debatte – etwa über das Spannungsverhältnis von Grundrechten und Infektionsschutz in der Corona-Pandemie – zum Erliegen kommt.

Sophie Scholl war übrigens nie 22 Jahre alt

Hinzu kommt ein Ermüdungseffekt: Je häufiger der Nationalsozialismus bagatellisiert oder die friedliche Revolution instrumentalisiert wird, desto mehr schwindet die historische Sensibilität für diese Themen. Im schlimmsten Fall verkommen die beiden deutschen Diktaturen zu entkernten Worthülsen, zu beliebig einsetzbaren Kampfbegriffen ohne Wahrheitsgehalt und Vorgeschichte.

Dabei wäre das Gegenteil so wichtig. Ein fundiertes und differenziertes Wissen etwa über die NS-Diktatur und den Widerstand dagegen könnte verhindern, dass Menschen erneut totalitären Parolen folgen – und dabei womöglich sogar glauben, die nächste Diktatur zu verhindern.

Jana aus Kassel brüstete sich in ihrer kurzen Rede damit, als Teil des »Widerstands« Flyer zu verteilen und Versammlungen anzumelden. Vielleicht hätte ihr jemand verraten sollen, dass Sophie Scholl all das 1943 nicht tun konnte, weil regierungskritische Reden und Demos in echten Diktaturen verboten sind. Und vielleicht hätte man ihr auch sagen sollen, dass schon eine oberflächliche Google-Recherche die von ihr beschworene Parallele zur NS-Widerstandskämpferin widerlegt: Im Gegensatz zu Jana aus Kassel war Sophie Scholl nämlich nie 22 Jahre alt. Sie starb noch als 21-Jährige unter dem Fallbeil.