Corona-Lockerungen Deutschland flirtet mit der Normalität - nur das Homeoffice bleibt

Die Lockerungen zeigen Wirkung: Deutschland ist der Normalität inzwischen deutlich näher als viele andere Länder.
Foto: DER SPIEGEL

Erst haben die Geschäfte wieder aufgemacht, nun die Restaurants und bald auch alle Hotels. Die Bundesliga spielt wieder, der Amateursport folgt langsam. Es wird immer schwieriger, einen genauen Überblick über die Lockerungen der Corona-Beschränkungen in den einzelnen Bundesländern zu behalten.

Sollte ein erneuter Anstieg der Neuinfektionen ausbleiben, könnte die derzeit zu beobachtende Annäherung an die Normalität von Dauer sein. Aber wie normal ist das Leben in Deutschland mittlerweile wieder? Repräsentative Umfragedaten der Universität Mannheim zeigen, dass die Zeiten des strengen Social Distancing zu Ende gehen. Die Menschen treffen sich immer häufiger mit Freunden und Bekannten.

Ende März hatten noch 70 Prozent der Befragten erklärt, sich in den vergangenen sieben Tagen weder mit Freunden noch mit Bekannten getroffen zu haben. Inzwischen liegt dieser Wert bei nur noch 25 Prozent - siehe rote Säulen im folgenden Diagramm.

Die aktuellen Werte entsprechen damit noch nicht ganz denen, die vor Beginn der Coronakrise üblich waren. Doch sie haben sich schon deutlich angenähert, wie ein Vergleich der Säulen ganz links (Umfragedaten vom 8. März - also vor Beginn der Vorsichtsmaßnahmen) und ganz rechts (17. Mai) klarmacht.

Die Daten zum Kontaktverhalten stammen aus der Mannheimer Corona-Studie , in der Soziologen seit dem 20. März jeden Tag rund 500 Teilnehmer eines 4000 Personen umfassenden repräsentativen Panels befragen.

Ein wichtiger Indikator für die Lockerungen im Alltag ist die Mobilität der Menschen. Diese war bis Ende März um fast 40 Prozent zurückgegangen, nachdem Bundesregierung und Bundesländer diverse Beschränkungen zu Kontakten und Aufenthalten in der Öffentlichkeit beschlossen hatten.

Doch inzwischen liegt das Minus nur noch bei rund 14 Prozent, wie eine Auswertung von Mobilfunkdaten zeigt, vorgenommen von Forschern der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Unternehmen Teralytics. Die Daten stammen von Telefónica.

Das Diagramm oben zeigt die Entwicklung der Bewegungen im Vergleich zu Durchschnittszahlen aus dem März 2019. Die Forscher haben diesen Vergleichsmonat gewählt, um über den gesamten Zeitraum mit denselben Daten als Vergleichswert rechnen zu können. Normalerweise ändern sich Mobilitätszahlen von Monat zu Monat ohnehin kaum.

Wenn ein Mobiltelefon eine Funkzelle verlässt und später für mindestens 15 Minuten die neue Position nicht mehr ändert, zählt dies als eine Bewegung. Wie sich Handybesitzer dabei bewegen, ob zu Fuß, mit der Bahn oder mit dem Auto, spielt keine Rolle.

Dass Deutschland aktuell noch bei einem Mobilitätsminus von 14 Prozent steht, könnte mit der nach wie vor hohen Homeoffice-Quote zusammenhängen - und womöglich auch mit Kurzarbeit. Typische Pendlerwege von zu Hause zum Arbeitsplatz und zurück entfallen dadurch. Daten dazu hat der Internetkonzern Google geliefert.

Was Google sieht

Der Internetkonzern zählt permanent, wie oft bestimmte Orte von Menschen frequentiert werden, etwa Parks, Bahnhöfe, das eigene Zuhause oder der Arbeitsplatz. Dies ist möglich, weil viele Handybesitzer Google das Tracken ihres Handys erlauben - und anonymisierte Auswertungen.

Google hat dann die Zahl der Besuche an diesen Orten ins Verhältnis gesetzt zu Durchschnittswerten aus der Vergangenheit. Dabei werden auch Unterschiede zwischen Wochentagen berücksichtigt.

Folgendes Diagramm zeigt die Präsenz am Arbeitsplatz - gemessen in allen 16 Bundesländern. Die rote Linie steht für Berlin, die dunkelblaue für Sachsen-Anhalt. Stadtstaaten wie Berlin haben offensichtlich den höchsten Homeoffice-Anteil, was mit dem vergleichsweise hohen Anteil von Bürojobs dort zusammenhängt.

Zwischen Mitte März und Mitte April lag der Rückgang in Metropolen wie Berlin und Hamburg bei mehr als 50 Prozent. Bis Anfang Mai hat die Präsenz an Arbeitsplätzen bundesweit wieder zugenommen. Doch in den Großstädten beträgt das Minus immer noch 40 Prozent.

Homeoffice ist dort also weiterhin weitverbreitet - allen Lockerungen zum Trotz. Die reduzierten Kontakte an vielen Arbeitsplätzen könnten auch einer der Gründe dafür sein, dass die Infektionen trotz diverser Lockerungsmaßnahmen vorerst nicht gestiegen sind.

Normalität im Supermarkt

Mit der Maus beziehungsweise dem Finger können Sie sich Details zu den einzelnen Bundesländern anzeigen lassen, indem sie die grauen Linien berühren.

Nahezu Normalität herrscht den Google-Daten zufolge in Lebensmittelgeschäften, Supermärkten und Apotheken. Hier bestehen auch nur geringe Unterschiede von Bundesland zu Bundesland.

Anders sieht es bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel aus, sie ist nach wie vor stark reduziert. Viele Menschen fürchten offenbar das Infektionsrisiko in Bussen und Bahnen und folgen der Empfehlung, zu Fuß zu gehen, Fahrrad zu fahren oder das Auto zu nehmen. Google hat die ÖPNV-Nutzung indirekt gemessen - über die Präsenz von Handybesitzern an Haltestellen und Bahnhöfen.

Schon seit Wochen wird in Deutschland über die Frage diskutiert, wie stark die Einschränkungen der persönlichen Freiheiten hierzulande waren und aktuell sind. Erhellende Perspektiven liefern dabei Daten aus dem Ausland. Etwa aus Schweden, einem Land, dass angeblich ganz anders in der Coronakrise agiert als Deutschland. Oder auch aus direkten Nachbarländern wie Österreich, Tschechien, Polen, Frankreich. Und natürlich auch aus Asien und Amerika.

Weil Google Handydaten weltweit auswertet, sind solche Vergleiche kein Problem. Dabei sollte man jedoch nicht so sehr auf Mittelwerte von Ländern schauen, weil diese ganz unterschiedlich besiedelt sind und verschiedene Mobilitätsmuster besitzen.

Sinnvoller ist es, Großstädte wie Stockholm, London, Kairo, Prag oder New York mit Hamburg und Berlin zu vergleichen. Folgende Diagramme zeigen die Daten aus diesen Metropolen - und zwar hier nur von den Tagen 4. bis 7. Mai (Montag bis Donnerstag) im Vergleich zu Durchschnittswerten.

Die Präsenz an Arbeitsplätzen ist weltweit drastisch zurückgegangen. Doch die Prozentzahlen sind in vielen Metropolen größer als in Berlin und Hamburg, die nur ein Stück hinter der Provinz Stockholm liegen, zu der auch das Umland der schwedischen Hauptstadt gehört.

Ähnlich sieht die Lage bei öffentlichen Verkehrsmitteln aus, die Google über Besuche von Haltestellen und Bahnhöfen erfasst.

Viele Menschen weltweit durften in den vergangenen Wochen ihr Zuhause nur zum Einkaufen verlassen - etwa in Spanien oder Italien. Google zählt auch, wie oft Menschen sich in ihrem Zuhause aufhalten - und hat diese Zahlen mit Werten vor der Coronakrise verglichen.

Die Zahlen sind weltweit gestiegen - aber Berlin und Hamburg liegen mit 14 bis 15 Prozent in der Übersicht weit oben, wieder nur kurz hinter der Provinz Stockholm.

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Der internationale Vergleich macht deutlich: Deutschland gehört zu den Ländern, die sich der Normalität bereits am weitesten genähert haben. Vollständige Normalität wird es aber in absehbarer Zeit weiterhin nicht geben.

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