Philipp Kollenbroich

Modellprojekte Warum Tübingen nicht als Vorbild taugt

Philipp Kollenbroich
Ein Kommentar von Philipp Kollenbroich
Ein Kommentar von Philipp Kollenbroich
Sicheres Einkaufen, Konzerte, Hotelübernachtungen: Modellversuche könnten helfen, die Pandemie zu besiegen. Doch derzeit sind sie vor allem eines: planlose Öffnungen ohne jeden Erkenntnisgewinn.
Corona-Teststation in Tübingen

Corona-Teststation in Tübingen

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Manchmal ist es ein einzelnes Wort, das Wissenschaft von Wunschdenken unterscheidet. So heißt es in einer Ausschreibung des Landes Schleswig-Holstein: »Die Modellprojekte sollen dokumentieren, dass Kulturveranstaltungen auch in Pandemiezeiten mithilfe einer geordneten Teststrategie möglich sind.« Dass. Nicht ob. Stünde dort ob, wäre das Ergebnis offen. Wissenschaft. So ist das Resultat schon vorher klar und soll nur noch dokumentiert werden. Wunschdenken.

Diese gefährliche Form des Wunschdenkens greift gerade in der deutschen Politik um sich: Dass man mitten in der dritten Coronawelle alles Mögliche öffnen kann, wenn man nur ein Corona-Testzelt aufstellt und das Schild »Modellprojekt« draufklebt. Seit die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin in ihrem Beschluss Ende März Modellprojekte grundsätzlich möglich gemacht haben, wollen mehrere Hundert deutsche Kommunen solche Versuche starten, viele haben sich schon bei ihren Landesregierungen beworben.

Der Ansturm zeigt, wie groß die Sehnsucht nach Monaten des Dauer-Shutdowns ist, etwas Neues zu wagen, auszuprobieren, Perspektiven zu bieten. Und die Grundidee ist auch genau richtig: an einzelnen Orten Konzepte zu erproben, um sie im Erfolgsfall ausweiten zu können, auf eine Region oder vielleicht das ganze Land.

Leider verkommen die Modellprojekte derzeit zu planlosen Öffnungsschritten ohne jeden Erkenntnisgewinn. In Weimar etwa öffneten in dieser Woche für drei Tage die Geschäfte für Menschen mit einem negativen Corona-Schnelltest. Eine wissenschaftliche Begleitung gab es nicht.

Am Telefon erzählen Gemeindevertreter anderer Orte freimütig, sie würden halt auf ein bisschen Normalität hoffen. Ein Konzept hätten sie aber nicht, nur per Brief ihr Interesse bei der Landesregierung bekundet.

Villingen-Schwenningen in Baden-Württemberg will möglichst dauerhaft öffnen – und zwar alle Bereiche, »die möglich sind«, so die Verwaltung auf Anfrage. Die wissenschaftliche Analyse sollen Freiwillige übernehmen. In Hessen stellt es die Landesregierung den Kommunen frei, ob überhaupt wissenschaftlich evaluiert wird. Die saarländische Landesregierung hat gleich das komplette Bundesland zum Modellprojekt erklärt. In Schleswig-Holstein zählt ein Kulturprojekt als erfolgreich, »wenn das Angebot gut angenommen wurde und Ablauf und Organisation sich bewährt haben«, so das Landesministerium, das übrigens nicht nur für Kultur, sondern auch für Wissenschaft zuständig ist.

Vorbild Tübingen? Das ist gefährlich

Selbst in Tübingen, das vielen Kommunen als Vorbild dient, ist der wissenschaftliche Nutzen fragwürdig. Zum Projektstart Mitte März hatte die örtliche Pandemiebeauftragte Lisa Federle noch erklärt, man könne herausfinden, wie gefährlich Biergärten seien. »Es könnte doch sein, dass dabei beispielsweise herauskommt, dass Biergärten völlig harmlos sind«, sagte Federle. Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) sagte in dieser Woche, man müsse nun schauen, was beim Infektionsgeschehen überwiegt: der negative Effekt durch die zusätzlichen Kontakte oder der positive Effekt dadurch, dass Infektiöse schneller gefunden werden.

Allein, wer genau nachfragt, stellt fest, dass das Universitätsklinikum Tübingen keine dieser Fragestellungen überhaupt untersucht, selbst wenn es den Versuch wissenschaftlich begleitet. Es geht vielmehr darum zu erfassen, wie viele positive Schnelltests auch zu einem positiven PCR-Ergebnis führen, und die Getesteten zu ihren Lebensumständen zu befragen. Um es klar zu sagen: Es gibt bisher keine wissenschaftliche Evidenz, dass das Tübinger Modell funktioniert. Vielleicht kann es die nach zwei Wochen Versuchszeit auch noch gar nicht geben. Auch in Tübingen steigen die Infektionszahlen.

Die Stadt ohne jede wissenschaftliche Grundlage zum Vorbild für Deutschland zu machen, ist gefährlich. Denn es weckt Hoffnungen in der Bevölkerung, noch dazu in einer Phase der Pandemie, in der die Infektionszahlen wieder exponentiell steigen und Intensivmediziner vor einer Überlastung des Gesundheitssystems warnen. Falsche Versprechungen haben die Regierenden in dieser Pandemie schon zu häufig gemacht.

Statt Dutzender Tübingen-Kopien bräuchte Deutschland eine echte Modellprojekt-Strategie. Einzelne, kluge Ideen mit klaren Definitionen, wann das Projekt ein Erfolg ist – und wann nicht. Mit Daten, die die Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen erfassen und den Versuch mit anderen Orten vergleichbar machen. Mit der Freiheit, dass die Vorhaben auch scheitern dürfen, ohne in der Öffentlichkeit gegeißelt zu werden. Programme mit ausreichend Geld, denn neue Methoden sind anfangs immer teuer und werden erst später günstig. Wissenschaft statt Wunschdenken eben.

Dann könnten die Modellprojekte tatsächlich Wege aus der Pandemie aufzeigen.