Sekten und Freikirchen in der Pandemie »Sie spielen mit der Angst der Menschen«

Immer mehr Menschen suchen während der Pandemie Entlastung in religiösen Splittergruppen, sagen Experten. Demnach halten sich die meisten Akteure aber an die Corona-Regeln.
Weltbild in Schwarz-Weiß: »In Krisenzeiten ist der Wunsch nach Halt und Orientierung stärker ausgeprägt«

Weltbild in Schwarz-Weiß: »In Krisenzeiten ist der Wunsch nach Halt und Orientierung stärker ausgeprägt«

Foto: Annette Riedl / dpa

Religiöse Bewegungen halten sich nach Einschätzung von Sektenexperten überwiegend an die Corona-Regeln. »Es gibt religiöse Gruppierungen, die auf gar keinen Fall negativ auffallen wollen«, sagte Sarah Pohl von der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen in Freiburg. Die negativen Nachrichten durch Infektionsausbrüche nach Gottesdiensten wollten die meisten verhindern.

Trotz sinkender Mitgliederzahlen in den etablierten Großkirchen beobachten die Berater ein großes Bedürfnis nach sinnstiftenden Angeboten. »In Krisenzeiten ist der Wunsch nach Halt und Orientierung stärker ausgeprägt«, sagte Pohl. Einige Menschen wünschten sich schlichte Weltbilder mit geringer Komplexität. »Manche neureligiöse Gruppierungen vertreten ja genau diese Weltbilder, die schwarz-weiß sind.« (Mehr über dieses Phänomen erfahren Sie hier. )

Nach Ansicht von Jennifer Neumann, Beraterin bei der Sekteninfo Berlin, fallen einige Gruppen auch auf, »indem sie mit der Angst der Menschen spielen«. Für manche Menschen sei die aktuelle Situation so belastend, dass sie dort auf Entlastung hoffen.

Die Beratungsanfragen haben allerdings nicht zugenommen. Ähnlich wie im vorangegangenen Jahr führten die Berliner Sektenexperten etwa 600 Beratungs- und Informationsgespräche.

In den vergangenen Monaten war es vor allem in evangelikalen Freikirchen häufiger zu Masseninfektionen mit dem Coronavirus gekommen. So hatten sich erst im November mehr als 60 Menschen während eines Gottesdienstes in einer Freikirche im Kreis Lippe im Osten Nordrhein-Westfalens mit dem Coronavirus infiziert.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Textfassung war der Gottesdienst im Kreis Lippe irrtümlicherweise auf den Dezember datiert, nicht auf den November. Wir haben diese Angabe korrigiert. Zudem haben wir den Hinweis auf eine nächtliche Ausgangssperre aus dem Text entfernt – diese Maßnahme hing nicht ausschließlich mit dem Geschehen in der Freikirche zusammen.

mxw/dpa
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