Häusliche Gewalt in der Coronakrise Notruf aus dem Kinderzimmer

Schläge mit dem Gürtel, Würgemale: In Berlin verzeichnen Justiz und Mediziner 2020 einen Anstieg häuslicher Gewalt. Für Betroffene sei WhatsApp manchmal der letzte Ausweg gewesen.
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In Berlin ist im Coronajahr 2020 mehr häusliche Gewalt registriert worden als im Jahr zuvor. Die Zahl der Strafverfahren auf diesem Feld stieg laut Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) um 7,5 Prozent auf 15.871 Fälle – der höchste Wert der vergangenen zehn Jahre. Behrendt sprach von einem »signifikanten Anstieg«.

Die Zahl der von Berliner Amts- und Staatsanwaltschaften jährlich eingeleiteten Verfahren wegen häuslicher Gewalt schwankte seit 2011 zwischen 12.381 (2015) und 15.622 im Jahr 2017, als eine ähnlich hohe Zahl wie nun während der Pandemie registriert wurde.

Die Auswirkungen der Coronakrise auf Fälle häuslicher Gewalt standen bei einer Pressekonferenz Behrendts und der Berliner Gewaltschutzambulanz an diesem Mittwoch im Vordergrund. Die Ärzte der Ambulanz bieten Gewaltopfern an, ihre Verletzungen vertraulich für ein späteres Strafverfahren zu dokumentieren . Im Jahr 2020 nahmen 1661 Personen das Angebot an. Das seien rund acht Prozent mehr als im Jahr zuvor, sagte Vizechefin Saskia Etzold. Besonders stark seien die Jüngsten betroffen: Die Zahl der Fälle mit Kindern sei um 14,4 Prozent gestiegen.

Die Fälle bei der Gewaltschutzambulanz sind seit der Gründung 2014 kontinuierlich gestiegen. Damals wurden 307 Fälle registriert, 2018 waren es 1381, nun der neue Höchstwert.

In Bezug auf die Zahlen 2020 sprach Leiterin Etzold von wellenartigen Bewegungen vor und nach einem Shutdown. Im März 2020 sanken die Zahlen in ihrer Ambulanz um 24 Prozent im Vergleich zum März 2019. Mit den Lockerungen seien die Zahlen sprunghaft angestiegen, im Juni um 30 Prozent im Vergleich zum Juni des Vorjahres. Mit den nächsten Beschränkungen im November 2020 sanken die Zahlen im Vergleich zum Vorjahresmonat wieder um 38 Prozent.

Einer der Gründe laut Etzold: In Zeiten von Homeoffice, geschlossenen Krippen und Schulen fänden Betroffene vor ihrem Partner kein Argument mehr, die Wohnung zu verlassen. Das bedeute: Sie lassen ihre Verletzungen nicht dokumentieren – oder erst später, nach einer Lockerung der Regeln. Allerdings müsse man die Verletzungen möglichst schnell erfassen, sagte Etzold. Vor allem bei Kindern seien sie rasch nicht mehr sichtbar.

Nach Etzolds Darstellung ist Gewalt 2020 nicht nur häufiger geworden – sondern auch brutaler: Sie sprach von einer »Verschlimmerung der Gewaltschwere«. Frauen trugen demnach härtere und mehr Verletzungen davon, vor allem Hämatome und Würgemale. Auch bei Kindern habe man »sehr häufig Gewalt gegen den Hals« gesehen. Aber auch Schläge mit Stöcken oder Gürteln.

Bei Minderjährigen in besonders drastischen Fällen und wenn die Ärztinnen und Ärzte eine Wiederholung befürchteten, informieren sie laut Etzold die Polizei. Man habe »mehr Fälle misshandelter Kinder« gesehen, sagte die Medizinerin. In der genannten speziellen Konstellation habe man in Einzelfällen die Schweigepflicht gebrochen und die Ermittler informiert, damit sich die Gewalt nicht wiederhole.

Eltern wollten Polizisten abwimmeln

Neu ist laut den Experten auch, dass sich jugendliche Opfer nun selbst Hilfe holen. Ein Junge habe im Sommer aus seinem Zimmer heraus die Polizei alarmiert, sagte Senator Behrendt. Die Eltern des Kindes hätten noch versucht, die Beamten abzuwimmeln. Den Polizisten sei es aber gelungen, den Jungen aus der »gewaltförmigen Situation« zu befreien.

Etzold bestätigte die Entwicklung. »Vorher war es eher selten, dass sich Kinder und Jugendliche direkt an die Polizei gewendet haben. Im Lockdown blieb ihnen nichts anderes übrig«, sagte sie dem SPIEGEL. Wenn etwa die Schulen geöffnet seien, dann wüssten die Kinder und Jugendlichen, dass sie sich in den nächsten Tagen mit Mitschülern oder Lehrern austauschen könnten. Diese Möglichkeit sei in Shutdown-Zeiten weggefallen.

Jugendliche hätten daher vermehrt selbst die Polizei gerufen. In einem Fall habe ein Opfer Fotos seiner Verletzungen per WhatsApp an einen Freund geschickt. Dessen Eltern hätten dann die Polizei eingeschaltet.

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