Corona und Obdachlosigkeit »Es geht jetzt darum, Leben zu retten«

Innerhalb weniger Tage sind in Hamburg fünf Obdachlose auf der Straße gestorben. Politiker wollen Hotels zu Notunterkünften machen – das funktioniert bereits auf Spendenbasis. Doch die Stadt lehnt die Lösung ab.
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Obdachlose in der Hamburger Innenstadt: »Zustand nicht zumutbar«

Foto: imago images / Chris Emil Janßen

Die genauen Todesumstände sind ungeklärt. Doch klar ist: Die Männer starben auf der Straße. Ein Passant entdeckte einen 45-Jährigen vor einem Mehrfamilienhaus, ein älterer Mann wurde tot auf der Hamburger Reeperbahn gefunden. Ein weiterer Mann verbrannte offenbar in seinem Zelt, das er auf einem Friedhof aufgestellt hatte, so berichtet es das Straßenmagazin »Hinz&Kunzt« . Der Obdachlose hatte sich wohl an seinem Gasbrenner wärmen wollen.

Drei tote Obdachlose in den vergangenen Tagen allein in Hamburg. Und es gibt weitere Fälle: Seit Jahresbeginn sind in der Hansestadt fünf Menschen gestorben, die auf der Straße lebten. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Winter waren es laut Sozialbehörde in Hamburg zwei. Diese Entwicklung mitten in der Corona-Pandemie, in der die Schwächsten der Gesellschaft ohnehin noch schwerer zu schützen sind, ruft neben den Wohlfahrtsverbänden auch die Politik auf den Plan.

In ungewohnter Einigkeit fordern die Oppositionsparteien CDU und Linke: Hotels müssen zu Notunterkünften für Obdachlose werden. Sie könnten dort in Einzelzimmern übernachten, gut geschützt vor der Kälte – und einer Infektion mit dem Coronavirus, so fordert es unter anderem Andreas Grutzeck, sozialpolitischer Sprecher der Hamburger CDU-Fraktion. »Der Tod von fünf Obdachlosen seit Silvester hätte zumindest zum Teil wohl vermieden werden können, wenn ausreichend Hotelzimmer zur Verfügung gestanden hätten«, sagt Grutzeck.

Auch die Hotels selbst hätten nach dieser Logik gewonnen. Denn sie stehen wegen des Shutdowns zum größten Teil leer. Mit einer Finanzierungslösung für Obdachlose würde endlich wieder Geld in die Kasse kommen.

Die Stadt Hamburg aber stellt sich quer. Obdachlose könnten »in Ausnahmefällen« in Einzelzimmern im Hotel untergebracht werden, sagt Martin Helfrich, Sprecher der SPD-geführten Hamburger Sozialbehörde – so wie in anderen Wintern auch. Grundsätzlich aber hält Helfrich daran fest, dass die bestehenden Angebote ausreichen.

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Rund 1000 Übernachtungsplätze hält die Stadt laut Helfrich in ihrem Winternotprogramm vor, überwiegend verteilt auf mehrere große Sammelunterkünfte. Am 10. Januar waren demnach 607 Plätze belegt, einige Dutzend mehr als ein Jahr zuvor.

Die Zustände in den Notunterkünften sind grundsätzlich verbesserungswürdig, Obdachlose berichten von Gewalt und Diebstahl, Privatsphäre gibt es dort nicht. Die Bewohner sind in Mehrbettzimmern untergebracht, üblicherweise teilen sich vier Menschen einen Raum. Jeden Morgen müssen die Obdachlosen die Unterkunft verlassen und dürfen erst am Abend zurückkehren, diese Regel besteht weiterhin.

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Viele haben Gewicht verloren

In der Pandemie verstärken sich die Probleme noch: Wegen der Angst vor einer Infektion mit Corona suchten viele Obdachlose die Notunterkünfte in diesem Winter gar nicht erst auf, sagt Christiane Hartkopf von der Kältebus-Initiative. Auf ihren Fahrten durch die Hamburger Nacht hat sie in diesem Winter einen erschreckenden Eindruck gewonnen. »Für die Obdachlosen ist die jetzige Situation nicht zumutbar«, sagt Hartkopf, es gehe den Menschen deutlich schlechter als in anderen Wintern. »Es geht jetzt darum, Leben zu retten«, sagt Hartkopf.

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Die Obdachlosen, die Hartkopf trifft, hätten in der Pandemie stark abgebaut. Ihnen fehlten die Spenden der Berufspendler, die sonst in die Innenstadt kämen, und die Weihnachtsmärkte, von denen ihnen jemand etwas zu essen mitbrächte. Viele müssten mit einer Mahlzeit am Tag auskommen – und hätten Gewicht verloren. »Unsere Kleiderkammer braucht nur noch die Größen S und M«, sagt Hartkopf. »Das habe ich so noch nie erlebt.«

Obdachlose sind in der Pandemie besonders gefährdet. Viele von ihnen haben Vorerkrankungen oder sind immungeschwächt – sie gelten als Corona-Risikopatienten. Doch Tagesangebote, die normalerweise im Winter geöffnet haben und Schutz und Wärme bieten, sind wegen der Pandemie zum großen Teil geschlossen. Hygieneempfehlungen lassen sich so kaum einhalten. Schon regelmäßiges Händewaschen wird zur Herausforderung.

Die Stadt verteidigt das Notprogramm

Die Behörde tue nur das, was juristisch vorgeschrieben sei, sagt die frühere SPIEGEL-Redakteurin und heutige »Hinz&Kunzt«-Chefredakteurin Annette Bruhns. Mit dem aktuellen Winternotprogramm bewahre die Stadt Menschen vor dem akuten Kältetod. Vor dem Coronavirus aber schütze sie die Obdachlosen nicht. »Aus infektiologischer Sicht ist die Unterbringung von Menschen in Sammelunterkünften der helle Wahnsinn«, sagt Bruhns. Auch sie fordert ebenso wie Christiane Hartkopf vom Kältebus Hotelübernachtungen für Obdachlose.

Die Sozialbehörde verteidigt das aktuelle Notprogramm. »Es gibt bei öffentlichen Unterkünften der Stadt Hamburg keine höheren Corona-Fallzahlen. Wir haben umfassende Hygienekonzepte, die greifen«, sagt Behördensprecher Helfrich. Hamburg leiste im Rahmen des Winternotprogamms eine umfassende Beratung für Obdachlose und biete Hilfe an, damit die betroffenen Menschen ihre persönliche Situation verbessern könnten.

Eine solche Hilfe sei bei einer überwiegend dezentralen Unterbringung in Hotels nicht zu leisten. Die Behörde lehne die Forderungen von CDU und Linken nach einer umfassenden Unterbringung in Hotelzimmern daher ab. »Wer das Winternotprogramm schlechtredet, trägt dazu bei, dass Menschen es nicht nutzen und gefährdet sie dadurch«, so Helfrich.

Hotelmanagerin Myléne Delattre: »Wir können nicht jedem helfen. Aber wir wollen jedem die Chance geben«

Foto: Charlotte Lensing / DER SPIEGEL

Dabei ist das Konzept nicht neu – und hat sich an anderer Stelle bereits bewährt. 80 Obdachlose sind schon jetzt in Zimmern mehrerer Hamburger Hotels einquartiert. Das machte ein Zusammenschluss unterschiedlicher Hilfsorganisationen möglich – und eine Großspende über 300.000 Euro des Unternehmens Reemtsma, wie der NDR  und das »Hamburger Abendblatt«  berichten. Die Stadt ist an dem Projekt nicht beteiligt.

Myléne Delattre ist eine von denen, die als Hotelmanagerin schon seit vergangenem März Obdachlose aufnimmt. 45 Menschen gewährt sie inzwischen seit Monaten Unterkunft. Sie mache damit fast ausschließlich positive Erfahrungen, erzählt die 30-Jährige am Telefon.

Für ihre obdachlosen Gäste stellt sie in ihren beiden »Bedpark«-Hotels je eine eigene Etage zur Verfügung. Jeder habe dort sein eigenes Zimmer, mindestens bis März gelte das Angebot. Auf den anderen Etagen übernachten weiterhin Geschäftsreisende. »Das klappt wunderbar«, sagt Delattre. »Die Menschen sind so dankbar.« Zusätzlich haben die Obdachlosen Anrecht auf die Betreuung durch einen Sozialarbeiter, der bei Problemen hilft und immer ansprechbar ist.

Finanziert wird das Projekt ausschließlich durch Spenden, zwischen 20 und 30 Euro kostet die Übernachtung für einen Obdachlosen. Normalerweise zahlen Reisende für ein Zimmer mehr als doppelt so viel – doch Delattre gewährt den Rabatt nach eigener Aussage gern.

Probleme gibt es laut der Hotelbetreiberin selten. Nur ein Obdachloser habe bisher wieder ausziehen müssen. »Wir können nicht jedem helfen. Aber wir wollen jedem die Chance geben«, sagt Delattre.

In anderen Fällen laufe es dafür umso besser. Zwei ihrer Gäste habe sie inzwischen als Hausmeister angestellt, erzählt Delattre. Ein weiterer sei vor Kurzem in eine feste Wohnung vermittelt worden. »Das ist natürlich das Beste, was passieren kann.«