Corona-Verschwörungstheorien in der katholischen Kirche "Das macht mich fassungslos"

Die Corona-Maßnahmen als Weltverschwörung: Katholische Geistliche verbreiten in einem Text krude Theorien. Klaus Pfeffer, Generalvikar des Bistums Essen, fürchtet um den Ruf der Kirche.
Ein Interview von Steffen Lüdke
"Ich wünsche mir noch mehr deutliche Worte": Priester bei einer Messe in Ralbitz

"Ich wünsche mir noch mehr deutliche Worte": Priester bei einer Messe in Ralbitz

Foto: Jens Meyer/ AP

1300 Wörter lang ist der Text, den katholische Kardinäle, Bischöfe, Ärzte und Journalisten am Donnerstag ins Netz gestellt haben, er wurde in acht Sprachen übersetzt. In ihm bezeichnen teils hochrangige Geistliche die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie als Weltverschwörung.

Die Autoren raunen von "Kräften", die die Bevölkerung in Panik versetzen wollten. Sie bezweifeln die Ansteckungsgefahr des Virus und warnen vor Impfstoffen, die mit "Material von abgetriebenen Föten" hergestellt worden seien.

Initiiert hat den Aufruf der Erzbischof Carlo Maria Viganò. Er gilt als einer der bekanntesten Gegner von Papst Franziskus. Zu den Unterzeichnern gehört auch der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller.

Am Sonntag verteidigte Müller seine Unterschrift: Kritiker hätten den Text benutzt, "um Empörungskapital gegen ihre vermeintlichen Gegner zu schlagen", sagte Müller der katholischen Zeitung "Tagespost". Der Text werde bewusst missverstanden. Ihm sei es um die zum Teil unzulänglichen kirchlichen Reaktionen gegangen, nicht um die medizinischen Aspekte der Krise.

Medien auf der ganzen Welt berichten über den kruden Brief . Die Deutsche Bischofskonferenz distanzierte sich von dem Schreiben. Klaus Pfeffer, Generalvikar des Bistums Essen, empörte sich auf Facebook . Im Interview spricht er über die Gefahr, die seiner Meinung nach von dem Aufruf ausgeht - und das Verhältnis von Religion und Verschwörungstheorien.

Zur Person
Foto: Bistum Essen

Klaus Pfeffer, Jahrgang 1963, ist Generalvikar des Bistums Essen. Vor dem Studium der Theologie arbeitete er als Journalist bei einer Lokalzeitung. 1992 wurde er zum Priester geweiht. Seit 2012 ist er Generalvikar des Bischofs von Essen und Moderator der Bischöflichen Kurie.

SPIEGEL: Herr Pfeffer, in dem Aufruf der Bischöfe heißt es, die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie seien der "Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung". Was halten Sie davon?

Pfeffer: Das sind krude Verschwörungsmythen, es werden keine Fakten und Belege präsentiert. Stattdessen wird von finsteren Mächten geraunt. Ich erkenne in dem Text eine Nähe zu Rechtspopulisten und auch zu den Anti-Corona-Demonstrationen, die in vielen Städten Deutschlands stattfinden. Diese Thesen werden in dem Text nun in ein religiöses Gewand gehüllt. Dass hochrangige Vertreter der katholischen Kirche so etwas verbreiten, ist erschreckend und gefährlich. Es macht mich fassungslos.

SPIEGEL: Welche Teile der katholischen Kirche repräsentieren die Unterzeichner?

Pfeffer: Kardinal Gerhard Ludwig Müller und auch Erzbischof Carlo Maria Viganò stehen für eine besonders konservative Strömung innerhalb der katholischen Kirche. Sie haben sich von Papst Franziskus distanziert und vertreten eine sehr traditionalistische Auffassung des Katholizismus. Ganz viele normale Katholiken sind entsetzt. Sie setzen sich jeden Tag dafür ein, die Pandemie einzudämmen und die Probleme zu bewältigen, die aus ihr entstehen. Und nun bekommen sie so einen Aufruf vorgesetzt.

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SPIEGEL: Bisher hat sich vor allem der Vorsitzende des Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, vorsichtig distanziert.

Pfeffer: Ja, darüber habe ich mich gefreut. Auch unser Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, hat sich klar positioniert. Davon abgesehen hält sich der Widerspruch aber in Grenzen. Ich wünsche mir noch mehr deutliche Worte.

SPIEGEL: Wie ist denn die Stimmung unter den Gläubigen in Ihrem Bistum?

Pfeffer: Die breite Mehrheit der Gläubigen trägt die Maßnahmen der Regierung mit, das ist zumindest mein Eindruck. Die Menschen waren zunächst sehr verunsichert. Um Ostern herum hat sich dann eine gewisse Ungeduld breitgemacht. Der Ruf nach Lockerungen wurde rund um dieses wichtige Fest lauter, aber er war nie massiv. Deshalb überrascht es mich, dass diese Verschwörungstheorien nun offenbar in kirchlichen Kreisen aber auch in Teilen der Gesellschaft insgesamt Zuspruch finden.

SPIEGEL: Ist die katholische Kirche besonders anfällig für solche Corona-Verschwörungstheorien?

Pfeffer: Ich glaube nicht, dass die katholische Kirche ein generelles Problem hat. Religiöse Menschen begeben sich aber immer auf eine Gratwanderung. Wer religiös ist, glaubt an etwas, was übermenschlich ist; es ist jenseits dessen, was wir mit Vernunft begreifen können. Gleichzeitig ist es aber wichtig, dass Gläubige mit beiden Beinen auf dieser Erde bleiben. In der Geschichte des Christentums ist das nicht immer gelungen, es ist unsere große Aufgabe, das in der Moderne zu schaffen. Nun aber zeigt sich, dass der eine oder andere abrutscht und sich von vernünftigen Argumenten verabschiedet. Das ist schon heftig.