Kirchliche Verschwörungstheoretiker Die Sache mit der Wahrheit

Ein Kommentar von Annette Langer
Ein Kommentar von Annette Langer
Katholische Hardliner warnen in der Coronakrise vor "hasserfüllter technokratischer Tyrannei" und einer Weltverschwörung. Das ist leider mehr als ein Schrei alter Männer nach Aufmerksamkeit - es ist gefährlich.
Der Petersdom in Rom

Der Petersdom in Rom

Foto: Evandro Inetti/ dpa

Es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Da erheben sich Stimmen aus der Vatikanmonarchie, die eine Lanze brechen für die demokratische Freiheit des Individuums: In der Coronakrise würden Regierungen weltweit "unveräußerliche Rechte der Bürger verletzen", heißt es in einem Aufruf aus dem Umfeld des ehemaligen Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo Maria Viganò. Die Religionsfreiheit und die freie Meinungsäußerung seien in Gefahr, es drohe "eine subtile Form der Diktatur".

Es gebe Zweifel an der "tatsächlichen Ansteckungsgefahr, der Gefährlichkeit und der Resistenz des Virus", liest man in dem Schreiben, das von drei Kardinälen, acht Bischöfen und etlichen "Experten" unterzeichnet wurde.

Zunächst scheint es, als würden die Verfasser nur perpetuieren, was Demonstranten und Befürworter von Lockerungen derzeit überall auf der Welt vorbringen. Aber dann wird es konspirativ: Man habe Grund zu der Annahme, "dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen". Menschen sollten kontrolliert und überwacht werden, dies sei "der beunruhigende Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht". Die Eindämmungsmaßnahmen seien ergriffen worden, "um eine Einmischung von fremden Mächten zu begünstigen", eine "hasserfüllte technokratische Tyrannei" zu errichten.

"Die Wahrheit wird euch frei machen!"

Alarmistische Medien, ominöse Kräfte, fremde Mächte? Panik und Kontrollverlust? Nein, dieser Aufruf ist kein Twitter-Post aus AfD-Kreisen - er ist mit einem Bibel-Motto überschrieben: "Die Wahrheit wird euch frei machen!", sagt Jesus im Johannesevangelium. Aber befreit sie uns auch vom Sterberisiko bei einer Corona-Infektion, möchte man fragen und darauf hinweisen, dass die Corona-Einschränkungen vor allem deshalb in Kraft gesetzt wurden, um eine Überlastung der Gesundheitssysteme und noch mehr Tote durch das unerforschte Virus zu vermeiden.

Ein Blick auf die Liste der Unterzeichner verrät: Es sind die üblichen Verdächtigen, die hier zum Rundumschlag ausholen. Während überall auf der Welt Kirchen in der Coronakrise ihre Tore schließen und Priester sterben, weil sie sich bei der Seelsorge infiziert haben, fordert Erzbischof Carlo Maria Viganò, die Bäder von Lourdes wieder zu öffnen, weil man in dem Wallfahrtsort vor Ansteckung sicher sei. Hier steht also Aufklärung gegen Aberglauben. Aber nicht nur. 

Militante Papstgegner

Viganò ist militanter Papstgegner, 2018 forderte er öffentlich Franziskus' Rücktritt. Auch der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller schießt immer wieder aus dem Off gegen den Pontifex. Ebenso Mitunterzeichner Michael Matt vom US-Blatt "The Remnant", das Franziskus als Che Guevara, den "roten Papst", inszeniert, Verbindungen zu den Piusbrüdern hat und unter Bürgerrechtlern als Hate Group gilt.

Ebenfalls unterschrieben hat der ehemalige Erzbischof des kasachischen Karaganda, Jan Pawel Lenga, der Papst Franziskus einen "Antichristen" genannt hatte und dafür mit dem Predigtverbot belegt wurde. Bischof Joseph Strickland aus dem US-Bundesstaat Texas bezeichnete unlängst Äußerungen des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode auf einer Versammlung zum "Synodalen Weg" als "lächerlich und häretisch". Hier tut sich der Abgrund auf, der die für weltkirchliche Verhältnisse liberalen deutschen Katholiken von ihren teils fundamentalistischen Glaubensbrüdern in den USA oder Afrika trennt.

Zwar hat sich der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, umgehend von den Verschwörungstheoretikern distanziert. Klaus Pfeffer, Generalvikar im Bistum Essen, stellte im SPIEGEL klar, dass "derart wirre Thesen, die Ängste schüren, Schwarz-Weiß-Denken verfolgen, üble Feindbilder zeichnen und das Miteinander in unseren Gesellschaften vergiften", mit Jesus nichts zu tun hätten. 

Doch die Empfehlungen der katholischen Hardliner sind mehr als spaltend, sie sind potenziell lebensgefährlich. Einer der Unterzeichner ist Robert Francis Kennedy jr., ein Neffe des ehemaligen US-Präsidenten und bekannter Impfgegner. Während Papst Benedikt XVI. und Franziskus sich in der Vergangenheit für Impfungen aussprachen, erinnern die Reaktionäre in ihrem Schreiben daran, "dass es für Katholiken moralisch inakzeptabel sei, sich mit Impfstoffen behandeln zu lassen, zu deren Herstellung Material von abgetriebenen Föten verwendet wird".

Keine homogene, verschworene Truppe

Die Konservativen wollen sich nicht reinreden lassen. Letztlich geht es bei dem Aufruf auch um die uralte Frage vom Verhältnis zwischen Kirche und Staat. "Der Staat hat keinerlei Recht, sich aus irgendeinem Grund in die Souveränität der Kirche einzumischen", heißt es in dem Schreiben. "Diese Autonomie und Freiheit der Kirche ist ein Grundrecht, das der Herr Jesus Christus ihr gegeben hat." 

Es ist eine amüsante Randnote, dass Kardinal Robert Sarah sich nach Veröffentlichung des Schreibens ausbat, als Unterzeichner entfernt zu werden - er habe die Petition nie firmiert. Denselben Vorwurf hatte ihm Papst Benedikt XVI. in einer Posse um Autorenrechte gemacht.

Erzbischof Viganò erklärte, Sarah habe seine Unterschrift erst zugesagt und dann per SMS zurückgezogen. Die Kurznachricht habe ihn aber erst nach Veröffentlichung des Manifests erreicht. Er habe Sarah aber "unverzüglich vergeben für das schwere Unrecht, das er gegen die Wahrheit und mich als Person begangen hat".

Die Reaktionäre, so scheint es, sind also keineswegs eine homogene, verschworene Truppe, die in allem konform geht. 

Hier agiert eine Gruppe betagter Geistlicher, die vorgibt, aus theologischen und philanthropischen Motiven zu handeln, in Wahrheit aber von bisweilen sehr persönlichen Partikularinteressen getrieben ist. Papst Franziskus soll demontiert werden, da sind Allianzen mit politisch rechten Kräften weltweit willkommen, gerade, wenn sie finanzstark und gut vernetzt sind wie in den USA.

Man könnte das abtun als den Schrei alter Männer nach Aufmerksamkeit, als Folge ihrer Trauer über den eigenen Machtverlust, wie ihn die Emeritierten Viganò und Müller erlebt haben. Aber dieser Schrei weckt Ängste und Unsicherheit bei den Gläubigen, nutzt Unwissenheit und Desorientierung für politische Zwecke. Das ist schändlich.

​Anmerkung: In einer ersten Version des Textes wurde Erzbischof Carlo Maria Viganò fälschlicherweise als Kardinal bezeichnet. Wir haben die Stelle korrigiert.