Coronakrise "Man verkrümelt sich in eine Ecke, wo keiner ist"

Zu Hause bleiben - wie soll das gehen, wenn man keins hat? Auch Abstand halten ist schwierig, wenn man auf der Straße lebt. Aber das größte Problem ist die Hygiene.
Eine Reportage von Andreas Landberg und Fabian Pieper
DER SPIEGEL

Mahlzeit - aber mit Abstand. Diese im Alltag inzwischen allgegenwärtige Regel wird  auch im CaFée mit Herz seit Wochen notfalls mit dem Kochlöffel durchgesetzt. Abstand, in den eigenen vier Wänden bleiben – Corona-bedingte Einschränkungen, die Menschen ohne Zuhause besonders treffen.

 Arno Lauri, ehemals obdachlos:
"Die Obdachlosen, denen wird gesagt, sie sollen zu Hause bleiben. Wo sollen sie bleiben? Fragezeichen."

Hamburg-St Pauli. Der Hotspot für Obdachlose in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. Im Jahr 2018 lebten Schätzungen zufolge rund 2000 Menschen in Hamburg auf der Straße, landesweit waren es 41.000. Es dürfte aber eine hohe Dunkelziffer geben.

Beim Gang über die Hamburger Reeperbahn zeigt sich: Derzeit fallen Obdachlose hier noch mehr auf als vor der Krise, weil Fußgänger kaum noch unterwegs sind. Das aber wirft für die sozial Schwächsten das nächste Problem auf.

Alexander Melcher, obdachlos:
"Es ist schwierig, über die Runden zu kommen, weil normalerweise Flaschen sammeln: Am Wochenende Reeperbahn, du machst 200 - 300 Euro, das reicht für die ganze Woche. Mittlerweile ist es so, dass du nicht mal mehr 10  Euro am Tag zusammen kriegst. Und wenn du durchläuft und fragst, haben sie immer 50 Cent, dann direkt Abstand, Abstand. Du könntest was haben."

 Viele Anlaufstellen für Obdachlose und andere Hilfsbedürftige wiederum sind vom Lockdown betroffen - und wenn soziale Einrichtungen geschlossen bleiben, bleiben Menschen sich selbst überlassen.

 Jan Marquardt, Leiter CaFée mit Herz:
"Die letzten zwei Wochen waren sehr, sehr hart für die Obdachlosen in Hamburg”

Vorbereitungen fürs Mittagessen im CaFée mit Herz, 300 Meter von der Reeperbahn entfernt.  Seit Mitte März ist das Team im Krisenmodus - statt rund 40 helfen derzeit nur acht Mitarbeiter, einige von ihnen leben selber auf der Straße. Sie reichen den Bedürftigen das Essen durchs Fenster – auch der Speisesaal ist zu. Dass viele andere Hilfsangebote auf St. Pauli zwischenzeitlich oder ganz dichtgemacht haben, macht sich bemerkbar.

Jan Marquardt, Leiter CaFée mit Herz:
"Wir geben normalerweise 1500 Mahlzeiten aus, das ist hochgegangen auf 2500 in der vorletzten Woche und 2800 in der letzten Woche."

Mittlerweile ziehen andere Hilfseinrichtungen nach, haben sich auch umgestellt. Die Versorgung wird etwas besser - doch die soziale Distanzierung trifft die Menschen, die auf der Straße leben, hart.

 Andreas Wolf, obdachlos:
"Nun ja, früher hat man sich halt getroffen mit Kumpels, hat ein Bier getrunken oder so. Das fällt heute alles flach allein schon wegen dem Kontaktverbot. Und dann macht man so sein eigenes Ding. Man verkrümelt sich irgendwo in einer Ecke, wo keiner ist." 

Das größte Problem aber ist momentan die Hygiene. Sanitäre Einrichtungen sind für Obdachlose kaum noch zu finden.

Jan Marquardt, Leiter CaFée mit Herz:
"Seit dem 16.3. Hatten die Leute keine Chance mehr zu duschen oder auf Toilette zu gehen. Und das hat selbst hier haarsträubende Auswirkungen gehabt. Die Leute haben teilweise hier vor unserem Fenster auf der Treppe ihre Notdurft verrichtet.”

Auch die Duschen im CaFée mit Herz sind zu. Dasselbe gilt für die Kleiderkammer. Immerhin: Mittlerweile stehen vor der Unterkunft fünf Dixiklos, bezahlt von der Stadt. 

Millerntorstadion, nur ein Kilometer vom CaFée mit Herz entfernt. Dank der Initative GoBanyo und dem Bäderland St.Pauli können Obdachlose sich an fünf Tagen in der Woche wenigstens hier duschen und waschen.

Dominik Bloh, Initiator Duschbus "GoBanyo":
"Der eine hat gesagt, er hat vier Wochen keine Dusche gehabt, der andere hat gesagt, er hätte seit zehn Tagen die gleichen Sachen an.”

In den Genuss einer Dusche kommen aber nur wenige. Wenn sich hier 20 Menschen am Tag waschen können, dann ist das schon viel. Denn nur wenige Duschen sind auf, und das auch nicht den ganzen Tag

Auch das Krankenmobil der Caritas ist trotz Corona-Krise auf Hamburgs Straßen unterwegs. Das Ärzteteam fährt wochentags durch die Stadt, um Obdachlosen zumindest eine minimale ärztliche Versorgung zu ermöglichen - mit Schmerztabletten, Salben und viel Zuspruch. Kaum vor Ort, herrscht auch schon Andrang. 

Aber auch hier fällt auf: Das mit dem Abstand halten ist auf der Straße eben nicht ganz einfach. So führen die vielen neuen Regeln hier und da auch zu einer angespannten Stimmung.

Annette Antkowiak, Leitung Krankenmobil:
"Die können sich nicht an Abstand halten, die brauchen auch ihre Community und ihr kleines soziales Umfeld. Und es ist eine hohe Aggressivität natürlich da, wenn man sie darauf  aufmerksam macht. Wollen Sie nicht hören, schicken mich weg, beschimpfen mich oder uns. Wir denken nur an uns. Wir haben Masken, aber die haben keine. Das ist schon eine  Problematik, die ist schwer auszuhalten."

 Hinzu kommt, dass viele Obdachlose zur Risikogruppe gehören, durch Vorerkrankungen oder körperliche Schwäche. Coronatests führt das Krankenmobil gar nicht durch. Gibt es einen Verdachtsfall, wenden sie die Helfer an den ärztlichen Bereitschaftsdienst, wie jeder andere Bürger es auch tun soll. Der Unterschied bei Obdachlosen: Es ist logistisch kaum möglich, sie zu testen.

Annette Antkowiak, Leitung Krankenmobil:
"Man müsste die Menschen zu diesen Stellen fahren, um dort den Test vorzunehmen, nur dann dauert es 24 Stunden. Um das Testergebnis diesen Menschen mitzuteilen, müsste man ihn kasernieren. Und das müsste man an einem Ort machen, den es aber gar nicht gibt." 

Erreichbarkeit, ein Rückzugsort, die Chance auf Distanz – all das fehlt Menschen ohne ein Zuhause in Corona-Zeiten noch mehr als sonst. Und auch wenn sich die Versorgung langsam etwas normalisiert: In den nächsten Wochen wird die Pandemie auf der Straße eine besondere Herausforderung bleiben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.