Coronakrise Wo häusliche Gewalt zugenommen hat

Berlin hat im Juni 30 Prozent mehr Fälle registriert, in Bremen sind die Frauenhäuser überbelegt: Häusliche Gewalt hat in der Coronakrise vielerorts zugenommen. Ein Problem dabei ist das Anzeigeverhalten.
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Früh haben Expertinnen und Experten davor gewarnt, dass die Coronakrise häusliche Gewalt befördern könnte. Ein gesichertes Gesamtbild für Deutschland wird es laut Bundesfamilienministerium erst im November geben. Doch Wissenschaftlerinnen der TU München fanden bereits heraus: Frauen sollen in Quarantäne und bei akuten finanziellen Sorgen während der Krise tatsächlich verstärkt Gewalt erfahren haben.

Auch eine aktuelle Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den zuständigen Ministerien und Behörden der Länder bestätigte: Seit dem Beginn der Coronakrise sind in einigen Bundesländern mehr Fälle von häuslicher Gewalt registriert worden.

Die ersten Zahlen zeichnen ein uneinheitliches Bild für die Gesamtsituation in Deutschland. Das liegt laut offiziellen Stellen auch daran, dass viele Menschen in Zeiten von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen die Gewalt - noch - nicht angezeigt haben.

Die Bundesländer im Überblick:

  • In Berlin ist es nach Einschätzung von Justiz und Rechtsmedizin zu einem deutlichen Anstieg an Gewalttaten zu Hause gekommen. Zum Höhepunkt der Lockerungen im Juni 2020 habe die Berliner Gewaltschutzambulanz zum Beispiel einen Anstieg von 30 Prozent der Fälle im Vergleich zum Juni 2019 verzeichnet. Zunächst hatten die Behörden während der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen weniger Fälle registriert, was daran gelegen haben könnte, dass kaum jemand vor die Tür gegangen sei. Mit den Lockerungen seien die Fallzahlen in die Höhe geschnellt.

  • In Hamburg verzeichnete die Polizei in den Monaten Januar bis Juni 2020 eine höhere Zahl an Delikten im Bereich der Beziehungsgewalt (2252) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (1812). Sie rechne mit einer weiterhin ansteigenden Fallzahl, da Straftaten aus diesem Bereich des Öfteren mit Zeitverzug anzeigt würden. Sichere Ergebnisse liefere daher erst die Jahresauswertung der polizeilichen Kriminalstatistik.

  • In Bremen ist nach Informationen des Justizressorts anhand der bei der Staatsanwaltschaft eingehenden Verfahrenszahlen im Bereich "Häusliche Gewalt" kein Anstieg der Fälle zu erkennen. Gleichwohl verzeichnen die Frauenhäuser laut der Gesundheitssenatorin seit Mitte Juni eine erhöhte Nachfrage: Die Auslastung der Plätze liege derzeit bei mehr als hundert Prozent.

  • In Mecklenburg-Vorpommern erfasste die Polizei in den Monaten März bis Mai 2020 deutlich mehr Vorgänge und Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt als im Vorjahreszeitraum - im April waren es sogar doppelt so viele, wie die Landesregierung mitteilte. Im Frauenschutzhaus Rostock sei eine kurzzeitige Überbelegung durch zusätzliche Plätze in einem Hostel ausgeglichen worden.

  • Die beiden Bundesländer Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen registrierten nach eigenen Angaben hingegen rückläufige Zahlen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. Wie das Justizministerium Niedersachsen mitteilte, gab es in den Monaten von März bis Mitte Mai einen Rückgang der Fallzahlen um 11,7 Prozent. In NRW waren es nach Angaben des Innenministeriums sogar 21 Prozent.

  • Das Innenministerium in Schleswig-Holstein wies darauf hin, dass die Pandemie das Anzeigeverhalten stark beeinflusse: So habe es in den vergangenen Monaten weniger Sozialkontrolle durch Schule, Freunde, Verwandte, Ärzte und Betreuer gegeben. Es sei grundsätzlich von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, die statistische Erfassung der Fälle von häuslicher Gewalt sei grundsätzlich nur bedingt möglich, teilte auch das Sozialministerium des Saarlandes mit.

  • In Schleswig-Holstein und im Saarland ist den Angaben der Ministerien zufolge genau wie in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und den anderen Ländern bislang kein Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt verzeichnet worden - oder es lagen zum aktuellen Zeitpunkt keine aussagekräftigen Daten vor.

Sie kennen Opfer von häuslicher Gewalt? So können Sie helfen

Wenn Menschen Opfer häuslicher Gewalt werden, bekommen Bekannte oder Nachbarn das häufig mit. Die meist weiblichen Betroffenen haben etwa blaue Flecken oder wirken eingeschüchtert.

Im akuten Fall gilt dann: Sofort handeln. "Wacht man nachts auf und hört massive Schmerzensschreie, dann kann man nur eine Sache machen und zwar: Sofort die Polizei rufen und sie ins Haus lassen", sagt Saskia Etzold von der Gewaltschutzambulanz der Charité Berlin . Verdächtige Geräusche sollten Nachbarn zusätzlich per Handy aufnehmen.

Wer nicht direkt Zeuge der Gewalt werde, sondern immer wieder mögliche Hinweise wahrnehme, solle die Betroffene behutsam ansprechen. Es sei hilfreich, konkret auf Angebote wie örtliche Beratungsstellen oder das bundesweite Hilfetelefon  (Telefonnummer 08000 116 016 und Onlineberatung) hinzuweisen. Der potenzielle Täter solle bei dem Gespräch keinesfalls dabei sein, um eine zusätzliche Eskalation zu vermeiden.

Es ist laut Saskia Etzold wichtig, dass man nicht direkt hingeht und sagt: "Hören Sie mal, Sie haben da doch ein blaues Auge, das war doch bestimmt wieder Ihr Mann. Wollen Sie nicht mal was dagegen tun?" Dann machten Betroffene sofort dicht. Besser sei es, der Nachbarin behutsam Hilfe anzubieten und ihr etwa zu sagen: "Ich habe da manchmal was gehört, ich mache mir Sorgen. Kann ich irgendetwas für Sie tun?"

Interesse zeigen, Menschen ansprechen

Doch wie kann man vorgehen, wenn die Betroffene ausschließlich in Begleitung des potenziellen Täters auftritt? "Es gibt keine allgemeinen geheimen Zeichen. Man kann aber versuchen, die Nachbarin allein zu sich in die Wohnung zu holen und zum Beispiel sagen: 'Ich habe ein Paket für Sie angenommen, wollen Sie kurz mit zu mir kommen?'", sagt Expertin Etzold.

Nicht immer führt ein solcher Hilfeversuch dazu, dass Betroffene sich sofort an Beratungsstellen oder die Polizei wenden. "Wenn Betroffene nicht bereit sind, Schutzmaßnahmen zu ergreifen, haben Sie selbst keine Chance. Sie können niemanden zwingen, sich selbst Hilfe zu suchen."

Wichtig sei, dass man sich für sein Umfeld interessiere. Auf die Frage, was sie sich rückblickend gewünscht hätten, haben laut Etzold viele Opfer häuslicher Gewalt im Rahmen von Studien gesagt: "Ich hätte mir gewünscht, dass mich jemand darauf anspricht und mir Hilfe signalisiert."

jus/dpa
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