Neue Coronastrategien Wo Ungeimpfte bald nicht mehr rein dürfen

Können sich Menschen ohne Impfschutz auch künftig freitesten, um Konzerte oder Fußballspiele zu besuchen? Bund und Länder spielen auf Zeit, Wirtschaft und Vereine schaffen schon Fakten. Der Überblick.
Karneval in Düsseldorf (Archiv): Wie geht es weiter mit den großen Volksfesten?

Karneval in Düsseldorf (Archiv): Wie geht es weiter mit den großen Volksfesten?

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Die Pandemie geht weiter, sie wandelt nur immer wieder ihre Gestalt. Kein Wunder also, dass sich auch die zentralen Fragen in den politischen Debatten ständig verändern. Eine der großen Fragen dieses Herbstes lautet: Wie halten wir es mit den Ungeimpften?

Denn ab dem 23. August gilt ab Inzidenzwerten über 35 eine generelle Testpflicht für Ungeimpfte – unter anderem in Kliniken, Pflegeheimen, Restaurants, Friseursalons und Konzerthallen. Ab dem 11. Oktober übernimmt der Staat die Kosten für diese Tests nicht mehr grundsätzlich, denn, so geht die Argumentation der Regierenden: Mit der Corona-Schutzimpfung gebe es ja eine kostenlose, niedrigschwellige und sehr sicherere Alternative. 

Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Einschränkungen für Impfunwillige und Impftrödler noch größer ausfallen dürften: Die Bundesregierung will zwar am sogenannten 3G-Prinzip festhalten – also am Grundsatz, dass neben Geimpften und Genesenen auch Getestete Zutritt zu Veranstaltungen und Aktivitäten in Innenräumen erhalten. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder aber rechnet schon jetzt mit einer baldigen Kehrtwende: »2G wird so oder so ab einem bestimmten Zeitpunkt kommen, und mir wäre es lieber, wir würden jetzt ehrlich drüber reden, als es zu vertagen bis nach der Bundestagswahl«, sagte der CSU-Vorsitzende am Dienstag in den ARD-»Tagesthemen«.

Tatsächlich distanzieren sich mittlerweile die ersten Firmen und Veranstalter vom 3G-Prinzip, mancherorts gibt es schon bald nur noch für Geimpfte und Genesene Eintrittskarten. Ein Überblick:

Fußballstadien

Zumindest in einigen Fußballstadien haben ungeimpfte Menschen demnächst nur noch in Ausnahmefällen Zutritt – etwa, wenn es sich um Kinder handelt, für die es noch keine offizielle Impfempfehlung gibt. Der 1. FC Köln etwa will ab dem zweiten Heimspiel der heute beginnenden Bundesligasaison nur noch geimpfte oder genesene Zuschauer in sein Stadion lassen.

Geschäftsführer Alexander Wehrle verband diese Ankündigung mit dem Wunsch, dann auch zügig wieder das komplette Stadion mit Gästen füllen zu dürfen: »Aus unserer Sicht muss 2G in Kombination mit einer neuen Referenzgröße aus der Hospitalisierungsrate, der Impfquote und der Inzidenz betrachtet werden.« Wehrle erhielt wegen seines Vorstoßes eigenen Angaben zufolge diverse Anfeindungen.

»Wer zu dieser Form der gesellschaftlichen Solidarität nicht bereit ist, der muss auch mit möglichen Konsequenzen klarkommen.«

Rudi Völler, Sportchef von Bayer Leverkusen

Dabei ist er mit seiner Idee nicht allein: Auch Bayer Leverkusen setzt auf die 2G-Regel – jedenfalls indirekt. Man dürfe »entsprechend der aktuellen NRW-Coronaschutzverordnung 1000 Personen zulassen, die nicht geimpft oder genesen sind«, teilte der Verein am Donnerstag mit. Man habe sich entschieden, diese Plätze ausschließlich getesteten Kindern und Jugendlichen zwischen vier und 19 Jahren mit Dauerkarten zur Verfügung zu stellen. Zum ersten Heimspiel am 2. Spieltag gegen Borussia Mönchengladbach sind 15.105 Zuschauer zugelassen.

»Für den Fußball gilt wie für unsere Gesellschaft im Allgemeinen, dass es erst dann wieder eine gewisse Form von Normalität geben kann, wenn man möglichst viele Menschen von einer Impfung überzeugt«, sagte Sportchef Rudi Völler. »Wer zu dieser Form der gesellschaftlichen Solidarität nicht bereit ist, der muss auch mit möglichen Konsequenzen klarkommen.«

Unterstützung für diese Position kommt aus den Kommunen: »Grundsätzlich ist es nicht zu beanstanden, wenn ein Fußballverein wie der 1. FC Köln sagt, dass nur Geimpfte ins Stadion dürfen«, sagte Gerd Landsberg , der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds, den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. »Das ist unter Sicherheitsaspekten nachvollziehbar, da feststeht, dass ungeimpfte, nur getestete Personen ein höheres Risiko darstellen.«

Manche Klubs gehen dennoch einen anderen Weg: Eintracht Frankfurt etwa hat angekündigt, an der 3G-Regel festzuhalten. »Wir wollen versuchen, alle teilhaben zu lassen«, sagte Vorstandssprecher Axel Hellmann am Mittwoch. »Auch diejenigen, die ungeimpft sind, aber getestet.«

Klubs, Messehallen, Theater

Viele Veranstalter von Kulturevents sehnen sich nach vollen Theatern und Hallen. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft fordert ein Ende von Abstandsregeln und Kapazitätsbeschränkungen. Nur so könnte die dringend benötigte volle Auslastung erreicht werden, sagte Verbandspräsident Jens Michow.

Auf Nummer sicher: Strandkorb-Konzert des Sängers Sasha in Hamburg (im Juli)

Auf Nummer sicher: Strandkorb-Konzert des Sängers Sasha in Hamburg (im Juli)

Foto: Georg Wendt / dpa

Eine Entscheidung über 2G oder 3G ist noch nicht gefallen, Michow zeigt sich für den restriktiveren Ansatz aber offen: Nur noch Geimpften und Genesenen Eintritt zu Großveranstaltungen zu gewähren, sei »sicher nicht die beste aller Lösungen« für die Branche, sagte er. »Aber es ist ein Weg, um endlich herauszufinden, was zukünftig überhaupt noch möglich ist.«

Das Land Baden-Württemberg geht bereits ansatzweise in diese Richtung. Dort soll es nach der künftigen Corona-Verordnung bei kulturellen Veranstaltungen im Innenbereich sowie in Klubs und Diskotheken keine Personenobergrenze mehr geben. Die Besucher müssen aber geimpft oder genesen sein oder einen negativen PCR-Test vorweisen können. Ein Antigenschnelltest soll nicht ausreichen.

Ganz anders sieht es auf Messen aus: Dort sollen auch Ungeimpfte mit negativem Testergebnis Zutritt erhalten, wie der Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (AUMA) auf Anfrage mitteilt. »Mit dem 3G-Prinzip und den umfassenden Hygienemaßnahmen der Messeveranstalter existiert ein sehr gutes Instrumentarium, um die Teilnahme an Messen sicher zu ermöglichen«, heißt es. Diese Konzepte hätten sich auf Messen auch schon bewährt. »Jetzt ist es Aufgabe der Bundesländer, den entsprechenden rechtlichen Rahmen zu schaffen, damit Messen bundesweit unabhängig von Inzidenzwerten zulässig sind.«

Breitensport-Wettkämpfe

Die Debatte betrifft auch den Breitensport: Während in der Fußball-Bundesliga keine Impfpflicht für die Profis gilt, Ungeimpfte mancherorts aber bald nicht mehr ins Stadion kommen, läuft es bei anderen Sportveranstaltungen genau umgekehrt. So können sich Menschen ohne Schutzimpfung auch künftig Radrennen und Marathonläufe anschauen – wohingegen die Sportlerinnen und Sportler einen Impfnachweis vorlegen müssen.

So jedenfalls ist es in Hamburg geregelt, wie das »Hamburger Abendblatt« berichtete . Demzufolge geht es um gleich mehrere Großveranstaltungen in den kommenden Wochen: das Radrennen Cyclassics (22. August), der Ironman (29. August), die Global Champions Tour der Springreiter (26.-29. August), der Haspa-Marathon (12. September) und der World Triathlon (18./19. September).

Einige der Veranstalter zeigten sich besorgt, dass die Impfpflicht zu vielen Absagen führen könnten. Die Stadt will eigenen Angaben zufolge aber alles tun, um ein Ausfallen der Massenevents zu verhindern. »Wir sind grundsätzlich bereit, coronabedingte Mehraufwendungen oder Einnahmeverluste zu ersetzen«, sagte der Innen- und Sportsenator Andy Grote (SPD) der Zeitung. »Das wissen die Veranstalter, dass sie von uns entsprechende Hilfen erwarten dürfen.«

Volksfeste

Die meisten Volksfeste kann man sich mit strengen Abstandsregeln kaum vorstellen, das gilt für Fasching ebenso wie für Weihnachtsmärkte. In Düsseldorf haben die Karnevalisten entschieden, in der nächsten Session nur Geimpfte und Genesene zu Feiern zuzulassen. Ein negativer Test werde nicht akzeptiert, sagte der Geschäftsführer des Comitees Düsseldorfer Carneval (CC), Hans-Jürgen Tüllmann, der »Rheinischen Post«. »Das reicht uns nicht, um uns vor dem Virus zu schützen. Damit wollen wir auch dazu aufrufen, sich impfen zu lassen.«

Wie es in der benachbarten Karnevalshochburg Köln ablaufen soll, ist noch ungewiss. »Wir diskutieren das noch«, sagte eine Sprecherin am Dienstag. Die Düsseldorfer Regelung sei gewiss nicht abwegig und auch für Köln eine Option. Es sei aber noch ein wenig Zeit bis zum Beginn der neuen Karnevalssaison am 11. November. Daher könne man noch etwas abwarten, wie sich die Dinge entwickelten.

Ähnliches gilt augenscheinlich auch für die Weihnachtsmärkte, von denen unter normalen Umständen viele schon in drei Monaten aufgebaut würden. So laufen in Nürnberg die Planungen für den weltberühmten Christkindlesmarkt unter Pandemiebedingungen auf Hochtouren, wie der städtische Wirtschaftsreferent Michael Fraas sagte.

Demnach soll es mehr Platz zwischen den Buden geben, um Gedränge zu vermeiden, außerdem soll der traditionell auf dem Hauptmarkt stattfindende Markt auch auf andere Plätze in der Altstadt ausgelagert werden. »So entzerren wir auch die Besucherströme«, sagte Fraas. Die endgültige Entscheidung, ob und unter welchen Voraussetzungen in Bayern Weihnachtsmärkte stattfinden könnten, liege aber bei der Regierung in München.

So geht es derzeit vielen Veranstaltern: Was genau im Herbst und Winter überhaupt möglich ist, muss sich erst noch zeigen. In Hamburg etwa, wo in wenigen Monaten eigentlich der traditionelle Winterdom stattfände, halten sich die Organisatoren des Volksfestes bislang bedeckt: »Leider können wir zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Aussage darüber treffen, welche Regelungen auf dem Winterdom gelten werden.«

Im schlimmsten Fall kommt es dann so wie in München: Dort beschäftigt sich derzeit niemand mit der Frage, ob Ungeimpfte die weltberühmte Wiesn besuchen dürfen. Das Oktoberfest fällt nämlich auch in diesem Jahr aus.

mxw/dpa
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