Bürgermeister von Jena zur Mundschutz-Pflicht "Niemand ist ein Sonderling, wenn er eine Maske trägt"

Ab Montag dürfen Supermärkte und öffentliche Verkehrsmittel in Jena nur noch mit Mundschutz betreten werden. Der Bürgermeister der Stadt erwartet, dass die Bevölkerung mitzieht - und hofft, so die Zahl der Neuinfektionen zu drücken.
Frau mit Mundschutz in Oberhausen: In Jena soll die Bevölkerung ausreichend Zeit bekommen, sich auf die neue Maßnahme einzustellen

Frau mit Mundschutz in Oberhausen: In Jena soll die Bevölkerung ausreichend Zeit bekommen, sich auf die neue Maßnahme einzustellen

Foto: Fabian Strauch/ dpa

Als erste Stadt Deutschlands führt Jena eine Schutzmasken-Pflicht ein. Aufgrund des Coronavirus sei das Tragen eines Mund-und-Nasenschutzes ab dem kommenden Montag in "Jenaer Verkaufsstellen, dem öffentlichen Nahverkehr und Gebäuden mit Publikumsverkehr" verpflichtend, teilte die Stadt mit . Der Thüringer Landkreis Nordhausen folgte wenig später diesem Beispiel.

Christian Gerlitz (SPD), Bürgermeister von Jena, ist Mitglied im Krisenstab der Stadt. Er erklärt, warum Jena in der Covid-19-Eindämmung Vorreiter in Thüringen sein will, wie er die Maßnahmen kontrollieren möchte und weshalb er auf das Verständnis der Bevölkerung setzt.

SPIEGEL: Herr Gerlitz, von kommender Woche an gilt in Jena beim Einkaufen eine Mundschutz-Pflicht. Warum?

Gerlitz: Wir arbeiten hier bereits seit fünf Wochen mit einem Krisenstab an verschiedenen Strategien, wie wir unserer Einwohner vor dem Coronavirus schützen können. Der Schwerpunkt der Maßnahmen muss sich nun ändern, da nicht mehr die Rückkehrer aus Risikogebieten im Vordergrund stehen, sondern die Verbreitung des Virus durch Menschen, die selbst noch gar nicht merken, dass sie bereits infiziert sind. Mit der Verpflichtung, in geschlossenen, öffentlichen Räumen und im Nahverkehr einen Mundschutz zu tragen, wollen wir das Risiko einer Tröpfcheninfektion minimieren.

SPIEGEL: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat aber erklärt, dass Atemmasken lediglich für Infizierte, Kontaktpersonen und medizinisches Personal sinnvoll sind.

Gerlitz: Wir wissen, dass die WHO diese Meinung vertritt, aber andere, beispielsweise der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, empfehlen das Tragen von Masken. Wir wollen die Dunkelziffer bekämpfen. Viele Betroffene sind ansteckend, ohne in den ersten zwei Tagen Symptome zu zeigen. Wenn auch diese Personen einen Mundschutz tragen, können wir die Zahl von Neu-Infektionen reduzieren.

SPIEGEL: Masken gelten gerade als Mangelware. Wie sollen die mehr als 110.000 Bürger Jenas sich damit ausrüsten?

Gerlitz: Darüber sind wir uns im Klaren, wir wollen niemanden überfordern. Deshalb wird unsere Allgemeinverfügung auch in Stufen greifen, damit alle ausreichend Zeit haben, sich vorzubereiten.

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SPIEGEL: Was bedeutet das konkret für die Bürgerinnen und Bürger?

Gerlitz: Ab Donnerstag gilt die Maskenpflicht bereits in Dienstleistungsbereichen, in denen ein Abstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann, beispielsweise beim Physiotherapeuten, in Altenheimen und in der Pflege. Ab nächstem Montag betrifft es dann den Einzelhandel und den Nahverkehr. Und wieder eine Woche später, ab dem 13. April, soll auch am Arbeitsplatz ein Mundschutz getragen werden, wenn der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann.

SPIEGEL: Trotzdem bleiben den meisten Menschen nun maximal sechs Tage, um sich einen Mundschutz zu besorgen.

Gerlitz: Deswegen hat die Stadt schon vor einigen Wochen einen Vertrag mit einer lokalen Näherei abgeschlossen. Dort werden in der Woche über 1500 Masken genäht. Diese können wir an Pflege- und Altenheime sowie medizinisches Personal verteilen. Zudem möchte die Initiative Innenstadt, ein Zusammenschluss von Einzelhändlern, den Kunden und Mitarbeitern noch in dieser Woche 10.000 Masken zur Verfügung stellen.

SPIEGEL: Aber für mehr als 100.000 Bürger wird auch das nicht reichen.

Gerlitz: Wir kommunizieren deshalb diese Maßnahme so zeitig wie möglich und rufen alle dazu auf, sich zu engagieren und selbst Masken zu nähen. Notfalls reicht es aber auch, sich einen Schal über das Gesicht zu ziehen. Hauptsache, Mund und Nase sind bedeckt.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Aber die WHO sagt ganz klar, dass Masken aus Baumwolle oder Gaze zum Schutz vor dem Virus ungeeignet sind.

Gerlitz: In der Tat sind diese nicht geeignet, um sich selbst vor einer Ansteckung zu schützen. Vielmehr steht hier der Schutz der anderen im Vordergrund. Diese Maßnahme wird umso wirksamer, je flächendeckender sie zum Tragen kommt. So angewendet können auch Mehrwegmasken sehr wohl geeignet sein, auch aus Baumwolle. Zusätzlich muss auf adäquate Reinigung geachtet werden, damit etwa die Gefahr einer Schmiereninfektionen reduziert wird.

SPIEGEL: Wie wollen Sie die Masken-Pflicht kontrollieren?

Gerlitz: Seit Beginn der Pandemie haben wir das Personal unseres Ordnungsamts aufgestockt. Jeden Tag sind zwischen fünf und zehn Teams in der Stadt unterwegs. Sie achten darauf, dass die Maßnahmen eingehalten werden.

SPIEGEL: Und funktioniert das?

Gerlitz: 99 Prozent der Bevölkerung halten sich an die Regeln, die große Mehrheit der Menschen benimmt sich sehr vernünftig. Nur selten müssen Ordnungsamt oder Polizei eingreifen - und wenn, dann reicht oft schon die Androhung eines Bußgelds, damit Verständnis einkehrt.

SPIEGEL: Dennoch wird es Menschen geben, die auf die WHO verweisen und keine Maske anziehen werden.

Gerlitz: Denen sage ich ganz klar: Wir meinen es ernst. Wir wünschen uns, dass mit unserer neuen Allgemeinverordnung ein neues Bewusstsein in die Bevölkerung getragen wird: Niemand ist ein Sonderling, wenn er eine Maske trägt. Das dient dem Schutz der Allgemeinheit. Die Maßnahmen greifen nur, wenn alle sich daran halten. Wer nicht mitmacht, gefährdet andere.

Vor einem Lebensmittelgeschäft in Jena stehen Kunden in großem Abstand an: "Der Druck auf die Einzelhändler steigt", sagt Christian Gerlitz

Vor einem Lebensmittelgeschäft in Jena stehen Kunden in großem Abstand an: "Der Druck auf die Einzelhändler steigt", sagt Christian Gerlitz

Foto: Bodo Schackow/ dpa

SPIEGEL: In einem Büro wird die Kontrolle ab Mitte April aber schwierig.

Gerlitz: Wir wissen, dass wir schwer überprüfen können, was etwa am Arbeitsplatz passiert. In diesem Fall setzen wir auf das Bewusstsein der Bevölkerung. Alle Menschen in Jena kennen die Allgemeinverfügung und wir glauben, dass sie gegenseitig auf deren Umsetzung bestehen werden.

SPIEGEL: Wie werden die Einzelhändler auf Ihre Verordnung reagieren?

Gerlitz: Wir werden in einer Telefonkonferenz mit den betroffenen Märkten die Einzelheiten besprechen. Schon seit zwei Wochen tauschen wir uns regelmäßig aus und haben gemerkt, dass der Druck auf die Einzelhändler steigt. Sie müssen die politischen Maßnahmen in die Lebensrealität umsetzen. Gleichzeitig sind sie dankbar über unsere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, denn auch sie sind in Sorge, dass sich ihr Personal ansteckt und ein Laden letztendlich komplett geschlossen werden muss.

SPIEGEL: Jena prescht mit der Maskenpflicht als erste Stadt Deutschlands nach vorn. Wie kommt das?

Gerlitz: Wir glauben, dass wir die Infektionsrate in unserer Stadt konstant reduzieren können, indem wir schnell Maßnahmen umsetzten und nicht erst darauf warten, dass alle Diskussionsprozesse auf Landes- oder Bundesebene abgeschlossen sind. Wenn Entscheidungen bei einer Infektionskrankheit mit exponentiellem Wachstum auch nur eine Woche später getroffen werden, haben wir im Zweifelsfall schon wieder doppelt so viele Infizierte.

SPIEGEL: Sie haben also schon in der Vergangenheit auf kommunaler Ebene früher Entscheidungen gefällt?

Gerlitz: Ja, wir haben beispielsweise schon vor über zwei Wochen Österreich zum Risikogebiet erklärt und Rückkehrer unter eine zweiwöchige Quarantäne gestellt - mit großem Erfolg. Bei einer Reisegruppe aus dem Salzburger Land mit etwa 80 Personen haben wir mittlerweile zwölf positive Fälle getestet. Im Bund ist Österreich erst seit vergangenem Freitag ein Risikogebiet und die Betroffenen wären demnach zu spät getestet worden. Die Summe der Maßnahmen entscheidet, ob und wie die Infektionsrate sich entwickeln wird.

SPIEGEL: In Jena sind aktuell 119 Menschen an Covid-19 erkrankt. In Thüringen weist nur die Stadt Greiz mehr Infizierte auf.

Gerlitz: Das ist der aktuelle Stand, aber entscheidend ist die Dunkelziffer. Ich meine damit all die Fälle, die noch nicht registriert sind, weil die Leute vielleicht selbst noch nicht ahnen, dass sie infiziert sind. Wir haben aktuell eine Kapazität von bis zu 2000 Corona-Tests pro Tag für die Stadt und umliegende Landkreise, aber nur eine niedrige einstellige Quote an positiven Testergebnissen. Wir glauben, dass es in Jena weniger unerkannte Fälle gibt als anderswo und unsere Eindämmungsmaßnahmen Wirkung zeigen. Wir sind davon überzeugt, dass wir gegen das Coronavirus kämpfen und die Infektionsrate weiter minimieren können und müssen. Einen Deutschlandtrend können wir damit zwar nicht aufhalten, aber in Thüringen sind wir Taktgeber, was die Eindämmung der Epidemie angeht.

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