Eltern kämpfen um Besuch bei kranker Tochter "Wir können die Kinder doch nicht wegsperren, bis es einen Impfstoff gibt"

Wegen des Coronavirus durfte eine Familie ihre schwerbehinderte Tochter über Wochen nicht besuchen. Die Eltern klagten dagegen. Ihr Fall zeigt, wie schwer Pandemieschutz und soziale Bedürfnisse in diesen Tagen vereinbar sind.
Seit zwei Jahren lebt Linda mit zehn anderen Kindern in einer Wohngruppe (Symbolbild)

Seit zwei Jahren lebt Linda mit zehn anderen Kindern in einer Wohngruppe (Symbolbild)

Foto: LightFieldStudios/ Getty Images/iStockphoto

Die Vierjährige hatte die Augen geschlossen, als die Eltern sie nach mehr als einem Monat das erste Mal wiedersahen. Linda döste in ihrem Wagen, so erzählen es Nina und Andreas Ebert. Die beiden streichelten dem Mädchen sanft über den Kopf. Dann schoben sie die Kleine auf den Parkplatz. An einem normalen Samstag hätten sie Linda in ihr Auto gesetzt und wären nach Hause gefahren. Doch das war kein normaler Samstag. Die Eberts hatten Klage einreichen müssen, um ihre Tochter überhaupt sehen zu dürfen.

Linda Ebert kam Ende Januar 2016 in Dortmund zur Welt. Das Mädchen ist nach einem Geburtsschaden mehrfach schwerbehindert. Es leidet unter Epilepsie und Spastiken, ist blind und hat Beschwerden beim Schlucken. Linda kann ihre Umwelt nur über körperlichen Kontakt wahrnehmen. Wenn jemand ihre Hand hält, mit ihr kuschelt oder sie füttert. Unter der Woche lebt sie in der Lebensarche Königsborn, einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit körperlichen und geistigen Einschränkungen.

Die Entscheidung, ihr Kind in ein betreutes Wohnen zu geben, fiel den Eberts nicht leicht. Doch Linda braucht eine intensive 24-Stunden-Betreuung, kennt keinen Tag-Nacht-Rhythmus. Seit zwei Jahren lebt sie mit zehn anderen Kindern in einer Wohngruppe. Die Wochenenden verbringt sie mit ihren Eltern und der zweijährigen Schwester zu Hause. Doch das Coronavirus stellt ihren Alltag auf den Kopf.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Die Familie will nicht, dass ihr echter Name und der ihrer Tochter in diesem Artikel genannt werden. Dem SPIEGEL sind die Identitäten aber bekannt, die vorliegenden Dokumente bestätigen ihre Angaben. Die Eltern möchten berichten, wie die Pandemie-Verordnungen der Behörden sie in den vergangenen Wochen verzweifeln ließen und sie am Ende vor dem Verwaltungsgericht landeten. Und so schildern sie die Chronologie ihres ganz persönlichen Corona-Kampfes.

Nina und Andreas Ebert klingen abgekämpft, wenn sie über die vergangenen Tage sprechen. Ende März verordnete die Lebensarche ein Besuchsverbot aufgrund der steigenden Infektionszahlen mit Sars-CoV-2. Da die Bewohner aufgrund ihrer Erkrankungen zur Hochrisikogruppe gehören würden, sei ein Treffen vor Ort nicht mehr möglich, schrieb die Einrichtung den Eltern.

Wie die Lebensarche hatten in diesen Tagen unzählige andere Einrichtungen reagiert. Mehrere Wochen herrschte in Alters-, Senioren- und Pflegeheimen ein striktes Besuchsverbot. Die einzelnen Länder durften individuelle Regelungen treffen. So galt das Besuchsverbot in Hessen für Eltern minderjähriger Kinder nicht, während Nordrhein-Westfalen es den Einrichtungen selbst überließ, Ausnahmeregelungen in bestimmten Fällen zu treffen.

"Wir haben massiv Angst, dass jemand das Virus abbekommt"

Michael Radix, Geschäftsführer des Lebenszentrums Königsborn

Die Lebensarche trage die Verantwortung für seine Bewohner, sagt Geschäftsführer Michael Radix dem SPIEGEL. "Wir haben massiv Angst, dass jemand das Virus abbekommt." Daher habe man sich für ein striktes Besuchsverbot entschieden.

Familie Ebert nahm das nur widerwillig hin. In den Wochen zuvor waren die Möglichkeiten, ihre Tochter zu sehen, immer weiter eingeschränkt worden. Eigentlich bekommt Linda viermal pro Woche mehrstündigen Besuch. Zweimal schaut eine Studentin der Rehapädagogik nach ihr, zudem wird sie von ihrer Großmutter und einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin des Malteser Hospizdienstes betreut. Sie nehmen sich Zeit, Linda zu füttern, machen mit dem Mädchen lange Spaziergänge im nahegelegenen Kurpark.

Mitte März fielen zunächst diese Treffen sowie der Wochenendbesuch bei den Eltern weg. Das Ehepaar durfte Linda samstags und sonntags für ein paar Stunden in der Einrichtung besuchen, bis auch das zwei Wochen später komplett eingestellt wurde.

Die Eltern sahen nur eine Lösung: der Gang zum Verwaltungsgericht

Die Eberts wissen, dass Linda nicht sehr alt werden wird. Auch deshalb ist ihnen die enge Betreuung so wichtig. Ihre oberste Priorität sei, "die verkürzte Lebenszeit, die unserer Tochter bleibt, so gut wie möglich zu gestalten", sagt ihre Mutter.

Also suchten sie und ihr Mann das Gespräch mit der Einrichtung. Sie schrieben E-Mails, telefonierten mit der Leitung. Es gelang ihnen nicht, eine individuelle Abmachung zu treffen, so erzählen sie es. Das Paar kontaktierte das Landesjugendamt und einen Mitarbeiter des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums. Auch diese Versuche blieben ohne Erfolg.

Die Eberts sahen nur noch eine Lösung. Und die führte sie zum Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

Am 24. April beantragte das Paar, seine Tochter unter Einhaltung der Hygienevorschriften samstags und sonntags bis zu drei Stunden besuchen zu dürfen. Die Klage richtete sich gegen die Kreisstadt Unna, deren Ordnungsamt die Einhaltung der Corona-Maßnahmen kontrolliert.

"Wir würden Linda niemals besuchen, wenn wir oder andere aus unserem näheren Umfeld Covid-19-Symptome gezeigt hätten"

Andreas Ebert, Vater von Linda

"Wir würden Linda niemals besuchen, wenn wir oder andere aus unserem näheren Umfeld Covid-19-Symptome zeigen würden", sagt Andreas Ebert. Die Familie sei sich ihrer Verantwortung gegenüber ihrer Tochter und den anderen Hochrisikopatienten bewusst.

Lindas Zustand habe sich in der Zeit ohne sozialen Kontakt verschlechtert, so das Ehepaar Ebert. Ihr Kind habe in diesen Wochen zwei Krampfanfälle erlitten und seine Notfallmedikation gebraucht, berichten die Eltern. Vor dem Besuchsverbot habe es diese über Monate nicht benötigt. Vater und Mutter reicht es nicht, wenn ihnen die Pflegerinnen und Pfleger am Telefon berichten, wie es Linda geht. Sie wollen sich persönlich von ihrem Befinden überzeugen.

Vier Tage nach Eingang ihres Antrags genehmigte das Gericht den Eltern, ihre Tochter am ersten Maiwochenende zu sehen. Die Eberts wurden in dem Beschluss aufgefordert, sich an die Schutzmaßnahmen zu halten: Linda sollte ihnen in einem gesonderten Raum übergeben werden, das Paar sollte während der gesamten Besuchszeit einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Voraussetzung dafür sei, dass beide in den vergangenen 14 Tage vor dem Treffen keine Covid-19-Symptome gezeigt hätten, so das Gericht.

Nina und Andreas Ebert waren erleichtert. Sie kontaktierten die Leiterin der Einrichtung, vereinbarten mit ihr, zu welchen Zeiten sie Linda besuchen würden. Wenig später traf bei den Eltern ein Schreiben des Ordnungsamts ein: Demnach reichte es nicht aus, dass die Eltern eidesstattlich versicherten, seit 14 Tagen keine typischen Covid-19-Symptome gezeigt zu haben. Sie bräuchten eine Bescheinigung ihres Hausarztes.

Diese Information habe sie am späten Nachmittag des 30. Aprils auf Nachfrage bei einer Sachbearbeiterin des Ordnungsamts erreicht, erinnert sich Andreas Ebert. Kurz vor Praxisschluss und dem Feiertag fuhr das Paar zum Hausarzt. Die Erleichterung bei den Eberts war verschwunden. Für sie fühlte sich der Vorgang wie Schikane an.

Ein Gefühl, das sich verstärkte, nachdem sie am Abend mit ihrem Anwalt telefoniert hatten: Die Lebensarche Königsborn hatte gegen die Anordnung des Ordnungsamts Klage eingereicht. Angespannt fuhren die Eltern zwei Tage später zu ihrer Tochter. Sie wussten nicht, was sie in Unna erwartete. Würden sie Linda sehen dürfen?

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Dann lief alles einfacher als gedacht: Ihre Tochter wurde ihnen über den Seiteneingang gereicht. Nina und Andreas Ebert trugen einen Mundschutz, als sie Linda nach mehr als einem Monat wieder in die Arme nehmen konnten. Sie schoben Linda in ihrem Wagen über den Campus der Einrichtung, später fütterten sie ihr Kind in einem separaten Raum. "Sie war nur einmal für kurze Zeit wach", sagt ihre Mutter. "Und in dieser Zeit hat sie geweint." Dem Paar fällt es nach der langen Zeit ohne direkten Kontakt schwer, einzuschätzen, was ihre Tochter jetzt braucht und wie es ihr wirklich geht.

Am vergangenen Sonntag besuchte Nina Ebert ihre Tochter noch einmal allein. Sie setzte sich mit ihr auf eine Bank, streichelte ihr über den Rücken, rief mit Videofunktion Lindas Schwester an. Die Jüngere vermisst die Ältere sehr. Sie versteht nicht, warum sie mit ihrer Schwester nicht mehr auf der großen Nestschaukel zu Hause liegen darf, Linda nur noch über das Telefon sieht.

Lindas Leben war schon vor der Corona-Pandemie nicht einfach. Durch die Verordnungen wird es komplizierter, die Ungewissheit macht es den Eltern noch schwerer. Wie lange werden die Einschränkungen dauern? "Wir können die Kinder doch nicht wegsperren, bis es einen Impfstoff gibt", sagt Lindas Mutter. Dieser Gedanke zerreiße sie.

Überregionale Lockerungen

In Lindas Einrichtung war das Besuchsverbot inzwischen gelockert worden: Einmal pro Woche durfte eine Person für eine Stunde vorbeischauen. Den Eberts war das zu wenig. Sie reichten Anfang der Woche erneut Klage ein. Diese wurde fünf Tage später abgewiesen.

In der Zwischenzeit hatten die Länder gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) entschieden, dass Besuche in Pflegeheimen ab dem 10. Mai wieder möglich sein sollen. Auch bei der Lebensarche Königsborn gab es weitere Lockerungen: Ab sofort dürfen einmal pro Woche zwei Besucher gemeinsam für zwei Stunden vorbeikommen. Und es genügt, wenn die Angehörigen versichern, seit zwei Wochen ohne Covid-19-Symptome zu sein.

"In der Lebensarche wohnen 60 Menschen, damit haben wir 60 Ansprüche, denen wir gerecht werden müssen", sagt Geschäftsführer Michael Radix. Besucher dürften nicht in die Zimmer der Bewohner, nur ein separater Raum und das Außengelände stehen zur Verfügung. Daher müssten die Treffen zeitlich koordiniert werden. Schließlich wolle die Einrichtung alle Angehörigen gleich behandeln.

"Die Querelen der letzten Wochen waren wirklich schlimm", sagt Andreas Ebert

Andreas Ebert, Vater von Linda

Am Samstag dürfen die Eltern ihre Tochter nun für zwei Stunden sehen. Familie Ebert hat das Angebot der Einrichtung angenommen, auch weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. "Wenn wir weitere Stundenkontingente gut haben, kann der Samstagsbesuch auch verlängert werden", sagt Radix. Ein zusätzliches Treffen am Sonntag sei dann ebenfalls eventuell möglich.

"Die Querelen der letzten Wochen waren wirklich schlimm", sagt Andreas Ebert. "Wir hoffen, dass die Besuchszeiten in den nächsten Wochen weiter ausgedehnt werden und unsere Tochter wieder das bekommen kann, was sie braucht."

Auch Michael Radix wünscht sich weitere Lockerungen. Er steckt in einem Dilemma. Auf der einen Seite will er die Bewohner schützen, auf der anderen Seite ihnen Besuche ermöglichen. "Was man macht, macht man falsch", sagt er. "Ich wäre als Angehöriger auch sauer."

Bei Lindas Eltern bleiben die Sorgen groß. Sie fragen sich, wann sie ihre Tochter an den Wochenenden wieder zu sich holen dürfen, wann sich ihr Familienleben normalisieren wird. Andreas Ebert hat Angst, dass die Einschränkungen noch bis ins nächste Jahr anhalten könnten. Oder, dass auf eine zweite Infektionswelle ein zweites Besuchsverbot folgt. "Diese Gedanken bedrücken uns wirklich sehr."

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