Corona-Gewissensfrage Bitte nicht den Bart!

FFP2-Masken schützen nur auf glatt rasierter Haut wirklich zuverlässig. Also gefährden Menschen mit Bart sich und andere. Bartträger Benjamin Maack fragt sich: Schulden wir der Gesellschaft eine Rasur?
Mein Bart und ich: Ein Nest, in dem mein Gesicht sich wohlfühlt

Mein Bart und ich: Ein Nest, in dem mein Gesicht sich wohlfühlt

Foto: Benjamin Maack / DER SPIEGEL

Geht es um Corona, bin ich so was von gewissenhaft. Ich fahre seit Wochen nicht mehr S-Bahn, trage im Supermarkt FFP2-Maske. Weihnachten haben wir meine Mutter erst nach einem Corona-Schnelltest für einige wenige Stunden an Heiligabend gesehen. Neulich, als ich nicht um eine Zugreise herumkam, besorgte ich mir für die Fahrt eine FFP3-Maske. Andere Menschen treffe ich nur draußen zum Spazierengehen, die Kinder bleiben bis auf Weiteres daheim, trotz Betreuungsmöglichkeiten in Schule und Kita.

Und jetzt das: Neulich erklärten Experten, dass FFP-Masken – egal ob 2 oder 3 – bei Bartträgern nicht so richtig wirken. Weil der Bart verhindere, dass die Maske fest anliege. Statt die Luft durch die Filterschichten ein- und auszuatmen, nehme sie den leichteren Umweg durch den Spalt, der durch das Barthaar entstehe. Und das sei nicht nur bei Vollbärten so, auch ein Dreitagebart würde der ungefilterten Luft schon einen Schleichweg aus der und in die Maske ermöglichen. Das heißt: Bartträger schützen mit ihren FFP-Masken weder sich noch andere. Das ist einleuchtend. Und schmerzhaft.

Es ist sogar so einleuchtend, dass eine Pro-und-Kontra-Bart-Liste bei mir so aussehen würde:
Pro
– Es schützt mich und andere.
Kontra
– Ich mag nicht ohne Bart sein
– und weiß nicht mal genau, warum.

Ein junger Mann, bartlos, nicht unsympathisch

Ich frage meine Frau, wie sie es fände, wenn ich für mehr Corona-Sicherheit für mich, sie, die Kinder und alle anderen den Bart abrasiere. »Ach«, antwortet sie, »dann geh doch lieber nicht einkaufen und lass ihn dran.«

Eine Kollegin sagt: »Ohne Bart siehst du doch bestimmt aus wie 17.«

Mein älterer Sohn sagt: »Ja, mach das. Und lass den Schnurrbart dran, dann siehst du aus wie Opa.«

Eine Ärztin, bei der ich einen Termin habe, spricht davon, wie wichtig es sei, die Sicherheitsbestimmungen ernst zu nehmen. Neben dem Mund-Nasen-Schutz habe sie einen Luftfilter im Raum und die ganze Zeit das Fenster offen. Ihre FFP2-Maske steht an beiden Seiten weit von den Wangen ab.

Vor zwei oder drei Wochen überreichte mir meine Mutter eine dicke rote Mappe. Darin waren nicht nur einige der am wenigsten schmeichelhaften Zeugnisse meiner ohnehin weitgehend unrühmlichen Schulzeit, sondern auch ein Zeitungsausschnitt mit einem Foto von mir. Das Bild entstand vor knapp 20 Jahren. Ein junger Mann schaut mich an, bartlos, nicht unsympathisch. Aber eben auch nicht so richtig ich. Also der, der ich heute bin.

Ich erinnere mich daran, wie ich in dem Alter mit meinem Selbstbild gekämpft habe: O-Beine, Hasenscharte, vorstehender Bauchnabel. Ich hielt mich für den abstoßendsten Menschen der Welt. Das war natürlich nur so, weil ich mich – wie wahrscheinlich viele junge Menschen – auch für den Nabel der Welt hielt. Warum sollte es sonst jemanden interessieren, was mit meinen Beinen los ist?

Ein Bart ist kein Finger

Heute ist mir mein Aussehen einigermaßen egal. Zugleich fühle ich mich in meinem Körper so wohl wie nie. In den Spiegel schaue ich, wenn überhaupt, beim Zähneputzen. Manchmal registriere ich erst abends, dass meine Haare vollkommen verwuschelt sind. Um dem Verwuscheltsein in der Öffentlichkeit vorzubeugen, setze ich meist ein Cap auf, bevor ich rausgehe. Haarproblem gelöst.

Doch an meinem Bart hänge ich. Ich weiß gar nicht, warum. Er ist irgendwie das Nest, in dem mein Gesicht sich sicher fühlt. Das war schon immer so und hat sich nicht geändert. Ich trage Bart, seit ich kann, also seit mehr als der Hälfte meines Lebens. Ich glaube, ich fand damals mein Kinn zu mickrig und war froh, es irgendwann unter dem Bart verschwinden lassen zu können. Aber kann mir mein Kinn nicht vollkommen egal sein? Hat jemals jemand irgendjemandes Wert an seinem Kinn bemessen – und kann mir jemand, der das ernsthaft tut, nicht total egal sein?

Kann er. Und klar ist die ganze Sache auch ganz schön lächerlich. Ein Bart ist kein Finger. Wenn man ihn abschneidet, bluten wir nicht, wenn wir ein bisschen warten, wächst er nach.

Kopf rasieren oder Augenbrauen ab

Wenn Sie jetzt denken, ich soll mich nicht so anstellen, haben Sie wahrscheinlich recht. Vielleicht ist es aber auch eine Überlegung wert, sich einmal vorzustellen, um Corona zu bekämpfen, müssten Sie Ihren Kopf kahl rasieren. Oder besser noch: Die Augenbrauen müssten ab. Die sind ja auch ein Teil des Gesichts.

Ich erinnere mich an den Pastor in meinem Dorf. Er trug immer einen Bart. Bis seine Frau und er sich eines Tages trennten. Als Jugendlicher betreute ich Kindergottesdienste und Konfirmandenfreizeiten. Ich glaubte nicht an Gott, und er fand das okay. Wir hatten ständig miteinander zu tun, ich mochte ihn sehr. Leider saß im Kirchenvorstand ein Haufen gestriger Pseudomoralisten, der ihn wegen der Trennung aus der Gemeinde warf.

Als ich ihn danach das erste Mal in seinem Garten sah, erkannte ich ihn erst, als er mich ansprach. Er hatte sich den Bart abrasiert, er sah doppelt verletzt aus. Getrennt von seiner Frau, aus der Gemeinde entfernt, das Gesicht von seinem Bart verlassen.

Gesicht aus dem Gleichgewicht

Mein Bart ist ein ganz zentraler und vollkommen selbstverständlicher Teil von mir. Schaue ich in den Spiegel, schaut der Typ mit dem Bart zurück. Das war die meiste Zeit meines Lebens so. Ich habe den Bart auch schon ein paarmal mal abrasiert – und sofort wieder wachsen lassen. Irgendwie geriet mein Gesicht aus dem Gleichgewicht. Ich bin quasi über mein Gesicht gestolpert. Alle Proportionen waren merkwürdig fremd. Meine Gesichtserkennung hat nicht mehr funktioniert. Ich fühlte mich tatsächlich weniger wie ich selbst.

Bartträger, Symbolbild

Bartträger, Symbolbild

Foto: Tetra Images / Getty Images / Tetra images RF

Bei einer Bart-ab-Entscheidung wegen Corona sprechen wir aber natürlich nicht nur von einem Experiment, einer lustigen Mutprobe – Bart weg und schon nach zwei oder drei Tagen ist sein Schatten zurück –, sondern von einer länger andauernden Veränderung. Corona wird uns noch lange beschäftigen, und will ich, dass die FFP-Maske sitzt, geht das nur glatt rasiert.

Man könnte auch sagen: genug Zeit, sich dran zu gewöhnen.

Schulde ich der Gesellschaft eine Rasur?

Aber gibt es nicht schon genug, woran wir uns gerade gewöhnen müssen? Verändert Corona nicht schon genug in unseren Leben? Die Maskenpflicht belastet alle, und der Lockdown schlägt bei vielen von uns mit der flachen Hand in unsere Ideen von einem normalen Alltag und einem guten Leben. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde die derzeitigen Einschränkungen wichtig, und ich wäre bereit, mehr zu tun, wenn die Politik sich endlich dazu durchringen könnte. Aber ich weiß nicht, ob ich es aushalte, dass der einzige Fremde, den ich in dieser Zeit regelmäßig persönlich sehe, mein eigenes Spiegelbild ist.

Rahel Jaeggi ist Sozialphilosophin und Professorin an der Humboldt-Universität in Berlin. Von ihr möchte ich wissen, ob ich mir, meiner Familie, der Gesellschaft eine Rasur schulde.

Wir sprechen über meinen Bart und kommen schnell auf eine Parallele: den Umstand, dass die meisten gerade nicht jene Sachen tun können, die für sie Normalität und Ausdruck ihrer Persönlichkeit seien: Freunde treffen, ins Kino oder Konzert gehen, ausgehen, um zu tanzen, eine Kneipe oder ein Restaurant zu besuchen. Von sich selbst und aus dem Freundeskreis weiß sie, was für eine große Belastung das sein kann. Wie ich mit meinem Bart würden viele sich dadurch sehr in ihrem Selbstbild beschnitten fühlen. Dennoch würden die meisten diese Einschränkungen akzeptieren. Jaeggi glaubt, einen wichtigen Grund dafür zu kennen: In der anderen Waagschale liege ein Gegenargument, das die derzeitigen Umstände für sie persönlich vollauf rechtfertige: »Gesellschaftliche Solidarität ist mir wichtiger. Wenn ich die aufkündigen würde, wäre alles andere, was ich mit meinem Leben verbinde, nicht viel wert.«

Eine ähnliche Konstellation erkennt sie bei der Bartfrage: Ja, sie könne durchaus verstehen, dass bei jemandem, bei dem der Bart nicht lediglich ein modisches Accessoire sei, auch Identitätsfragen damit verbunden seien. »Aber«, sagt sie, vermutlich sei es so, dass die Identitätsfragen, die mit meinem Selbstverständnis als Vater und Partner verbunden sind, tiefer gehen. »Was nützt es Ihnen, wenn Ihr Gesicht noch in der richtigen Proportion ist, wenn sie in den Spiegel gucken, aber ein ihnen nahestehender Mensch sich deshalb mit Corona infiziert hat?«

»Aber ich mag dich auch so«

Ich erinnere mich an einen Abend vor einigen Jahren. Ich moderierte eine Lesung des »Fight Club«-Autors Chuck Palahniuk. Ich kannte Fotos von ihm mit lässig zurückgegeltem Haar und einem sauber rasierten Bart. Ein lässiger, gut aussehender Typ. Darüber musste ich nicht mal nachdenken, das wusste ich einfach so.

An dem Abend traf ich dann einen Mann, der irgendwie nackt und schutzlos wirkte, rasierter Bart, rasierter Kopf. Irgendwann fragte ich ihn, was denn los sei. Ehrlich gesagt sorgte ich mich darum, dass er Krebs haben könnte. Einen anderen Grund für dieses Äußere konnte ich mir damals nicht vorstellen. »Ach, weißt du«, sagte der Schriftsteller, »früher hab ich mir ständig Gedanken um mein Äußeres gemacht. Ist der Bart ordentlich geschnitten? Sitzen die Haare?« Das habe ihn irgendwann einfach genervt, und er habe zum Langhaarschneider gegriffen: »Jetzt schaue ich jeden Morgen in den Spiegel, und mir sieht derselbe hässliche Idiot entgegen. Das ist eine ungeheure Erleichterung.«

Mit Schnurrbart, damit ich aussehe »wie Opa«

Mit Schnurrbart, damit ich aussehe »wie Opa«

Foto: Benjamin Maack / DER SPIEGEL

Am Abend greife ich zum Langhaarschneider. Danach erkennt mich die Gesichtserkennung meines Telefons nicht wieder. Meine Kinder merken erst gar nicht, dass etwas anders ist. Dann muss der Ältere lachen und hat einen riesigen Spaß daran, mir über die Wange zu streicheln.

»Und?«, frage ich meine Frau. »Ich finde dich mit Bart hübscher, aber ich mag dich auch so.«

Nach einem Tag bei der Arbeit, an dem mir in Videotelefonaten und Konferenzen ein Fremder entgegenblickt, möchte mein Gesicht zurück in sein Nest. Ich fühle mich unwohl. Das neue Gesicht zu tragen, strengt mich an. Ich werde den Bart wieder wachsen lassen. Heißt das, ich bin verantwortungslos? Oder eitel? Oder immer noch der unsichere Junge, der sein Kinn zu klein findet? Ich beschließe, nicht weiter darüber nachzudenken – und seltener einkaufen zu gehen.