Hausärzte posieren nackt "Wir wurden bisher übersehen"

Jana Husemann ist Hausärztin in Hamburg - und ließ sich wie Dutzende andere Kollegen unbekleidet fotografieren. Im Interview erklärt die Medizinerin, warum sie sich trotz Bedenken dazu entschieden hat.
Jana Husemann in ihrer Hamburger Praxis: "Ich habe einen ganzen Tag überlegt, ob ich das tun soll"

Jana Husemann in ihrer Hamburger Praxis: "Ich habe einen ganzen Tag überlegt, ob ich das tun soll"

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privat

SPIEGEL: Frau Husemann, Sie haben sich nackt fotografieren lassen und das Foto im Netz veröffentlicht. Wie viel Überwindung hat Sie das gekostet?

Jana Husemann: Ich habe einen ganzen Tag überlegt, ob ich das tun soll. Habe mit Kollegen gesprochen, mit meinem Partner. Das Internet vergisst nichts, das ist mir klar. Aber am Ende dachte ich: Das ist es mir wert.

SPIEGEL: Warum?

Husemann: Wir brauchen Aufmerksamkeit. Die Hausärzte wurden in der Pandemie bisher übersehen, obwohl sie einen großen Anteil an der Versorgung der Patienten mit Coronavirus haben.

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Jana Husemann, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2013 als Hausärztin im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Sie ist eine von vielen Medizinerinnen, die an der Aktion "Blanke Bedenken " teilnimmt. Die Ärzte fordern unter anderem eine bessere Ausstattung mit Schutzausrüstung.

SPIEGEL: Warum sind Hausärzte in der Krise so wichtig?

Husemann: Gesundheitsminister Jens Spahn hat uns als "Schutzwall" bezeichnet, da sechs von sieben Patienten mit Covid-19 von Hausärzten behandelt werden. Wir sorgen dafür, dass nur solche Patienten ins Krankenhaus kommen, die stationäre Behandlung benötigen. Gäbe es uns nicht, dann hätten wir italienische Verhältnisse, weil alle ins Krankenhaus rennen würden.

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SPIEGEL: Was wollen Sie mit der Nacktheit ausdrücken?

Husemann: Es ist ein Zeichen dafür, das wir verletzlich sind. Ein großes Problem ist die fehlende Schutzausrüstung. Anfangs musste man als Hausarzt wirklich erfinderisch sein: Ich habe in einer nächtlichen Recherche vierundzwanzig FFP2-Masken in einem Dachdeckerbedarfsshop aufgetrieben. Damit sind wir quasi in die Pandemie gestartet. Die Kassenärztlichen Vereinigungen tun, was sie können, aber in unserer Praxis kamen erst Ende März fünf Masken pro Arzt und ein Kittel an. Schutzausrüstung ist noch immer ein sehr, sehr knappes Gut.

SPIEGEL: Warum haben Sie die Aktion erst jetzt gestartet?

Husemann: Auslöser war die Entscheidung, Krankschreibungen per Telefon nicht mehr zu erlauben. Das wurde an einem Freitag verkündet und sollte am Montag darauf gelten. Da wurde ich wütend.

SPIEGEL: Auf dem Bild halten Sie eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in die Kamera. Warum ist das Thema so wichtig?

Husemann: Es war eine große Erleichterung, dass wir die Patienten mit leichten Infekten nicht in der Praxis hatten. In allen anderen Bereichen versucht man, Ansammlungen zu vermeiden. In diesem Fall wurden die Leute in die Praxis gezwungen, um sich krankschreiben zu lassen. Warum sollen sich alle in der Praxis treffen? Wir behandeln hier chronisch kranke Menschen, Diabetiker, Herzkranke. Die könnten sich anstecken.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Die Regel soll nun bis 18. Mai gelten.

Husemann: Wenn wir weiterhin alle zwei Wochen darüber diskutieren und die nächste Frist verhandeln müssen, ist das sehr kurzfristig gedacht. Aus unserer Sicht muss die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung mindestens bis zum Ende der Pandemie verlängert werden.

SPIEGEL: Wie war das Feedback auf Ihre Aktion?

Husemann: Das Medienecho war gewaltig. Es erschienen sogar Berichte in Indien und Vietnam. Wir bekommen viele Anfragen, müssen allerdings filtern. Manchen geht es nur um die Fotos und leider nicht um unsere Botschaft.