Landrat des Berchtesgadener Lands über Infektionsgeschehen "Momentan können wir es uns selbst nicht erklären"

Im Berchtesgadener Land herrschen seit dem Nachmittag strikte Ausgangsbeschränkungen. Landrat Kern spricht über die Reaktionen der Bürgerinnen und Bürger - und erklärt, warum er das Wort Lockdown ablehnt.
Ein Interview von Birte Bredow
Berchtesgaden: Explodierende Infektionszahlen

Berchtesgaden: Explodierende Infektionszahlen

Foto: LEONHARD FOEGER / REUTERS

Nicht mehr Neukölln, sondern das Berchtesgadener Land: Am Montag wurde bekannt, dass laut Robert Koch-Institut nirgendwo sonst so viele Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen registriert wurden wie in dem bayerischen Landkreis - nicht einmal in dem Berliner Bezirk, der einer der jüngsten Corona-Hotspots ist .

Inzwischen ist die sogenannte 7-Tage-Inzidenz dem Landratsamt im Berchtesgadener Land zufolge von 252,06 leicht auf 236,01 gesunken. Diese Werte beziehen sich jeweils auf den Meldestand von zehn Uhr. Die bayerische Agrarministerin Michaela Kaniber hatte im weiteren Verlauf des Montags einen noch höheren Wert von 272,8 genannt. In ihm dürften Nachmeldungen berücksichtigt sein, die im Vormittagswert fehlten.

Doch noch immer sind die Zahlen besorgniserregend hoch. Das Landratsamt meldete weitere 40 bestätigte Infektionen seit Montag. Insgesamt gibt es demnach 260 Infizierte im Landkreis, neun von ihnen liegen im Krankenhaus. 698 direkte Kontaktpersonen befinden sich in häuslicher Quarantäne.

Um 14 Uhr traten an diesem Dienstag in dem Landkreis strikte Ausgangsbeschränkungen in Kraft, unter anderem ist das Verlassen der Wohnung für zunächst 14 Tage nur "bei Vorliegen triftiger Gründe" - unter anderem für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder zur Bewegung an der frischen Luft - erlaubt.

Bernhard Kern (CSU) ist seit Mai 2020 Landrat des Landkreises. Sein Kalender ist an diesem Dienstag voll mit Terminen - kurz vor der Pressekonferenz am Nachmittag erreicht der SPIEGEL ihn telefonisch. Er spricht über den Umgang der Menschen mit dem erneuten strikten Maßnahmen und erklärt, warum er ein Problem mit dem Begriff Lockdown hat.

Landrat Bernhard Kern

Landrat Bernhard Kern

Foto: Peter Kneffel / dpa

SPIEGEL: Das Berchtesgadener Land ist seit Mai der erste Landkreis bundesweit, der aufgrund der Pandemie wieder strikte Ausgangsbeschränkungen verhängt hat, Schulen und Restaurants schließt und Veranstaltungen bis auf Gottesdienste komplett untersagt. Wie gehen die Menschen damit um?

Kern: Insgesamt mit viel Verständnis. Hin und wieder bekomme ich natürlich auch mal Informationen, dass es vereinzelt Unzufriedenheit gibt. Aber ihre Gesundheit ist den meisten Menschen sehr viel wert. Aktuell sind wir der Landkreis mit der höchsten Inzidenzzahl bundesweit, deshalb ist es mir als Landrat besonders wichtig, dass die Infektionszahlen bei uns schnell wieder nach unten gehen.

SPIEGEL: Können Sie erklären, warum die Zahlen bei Ihnen so explodiert sind?

Kern: Momentan können wir es uns selbst nicht erklären. Es gibt diese sogenannten diffusen Feststellungen im gesamten Landkreis, in allen Städten, Märkten und Gemeinden. Wir haben durch eine private Feier vor einiger Zeit zwar einen kleinen Hotspot gehabt, aber diese Feier ist sicherlich nicht der alleinige Auslöser für die hohen Fallzahlen, wie wir sie jetzt haben.

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SPIEGEL: Markus Söder hat die Maßnahmen mit einem Lockdown verglichen. Sie hingegen wollen den Begriff nicht verwenden. Ist das nicht nur Wortklauberei?

Kern: Für mich ist es keiner und ich nehme das Wort deshalb auch nicht in den Mund. Wir haben die Maßnahmen so definiert, dass sie hoffentlich für alle Bürgerinnen und Bürger des Landkreises Berchtesgadener Land noch akzeptabel sind. Sie sind natürlich trotzdem einschneidend, das ist klar. Wir haben uns beispielsweise mit der Frage sehr schwergetan, ob wir wirklich alle Schulen schließen.

SPIEGEL: Was müsste denn noch dazukommen, damit es in Ihren Augen ein Lockdown wäre?

Kern: Da müsste es so sein wie im Nachbarland Salzburg in der Gemeinde Kuchl. Die haben eine Quarantäne ausgesprochen, durch die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr aus der Gemeinde rauskommen. Das öffentliche Leben steht komplett still. Bei uns ist es zumindest noch so, dass die Bürgerinnen und Bürger die Einkäufe für den täglichen Bedarf machen können. Und sie dürfen vor die Haustür - für die Gesundheit ist es förderlich, wenn man ins Freie kann, spazieren geht.

SPIEGEL: Welche Hoffnungen setzen Sie auf die Maßnahmen, die jetzt erst mal auf 14 Tage begrenzt sind?

Kern: Ich habe wirklich die Hoffnung, dass die Infektionszahlen nach unten gehen. Vermutlich wird die Inzidenzzahl noch über 35 oder 50 liegen, aber wir wollen erst einmal von den über 200 wegkommen, wo wir jetzt gerade sind. Ich hoffe, dass nach den Herbstferien am 9. November der reguläre Schulbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

SPIEGEL: Was droht Bürgerinnen und Bürgern, die sich nicht an die Maßnahmen halten?

Kern: Zentral sind die Worte Freiwilligkeit und Solidarität. Der normale Menschenverstand sagt uns, dass wir uns jetzt alle einschränken müssen. Ich gehe daher davon aus, dass die Menschen sich an die Vorgaben halten.  

SPIEGEL: Aber wenn sie es nicht tun, wird es dann Bußgelder geben? In der Allgemeinverfügung ist von bis zu 25.000 Euro die Rede.

Kern: Das wird schwierig umzusetzen sein und ist auch nicht unser Wille. Jetzt ist Vernunft angesagt und Solidarität im Landkreis Berchtesgadener Land.

SPIEGEL: Wie kommt Ihr Gesundheitsamt mit den steigenden Zahlen klar?

Kern: Wir haben keine Personalprobleme, ganz im Gegenteil. Wir haben Unterstützung von der Bundeswehr, von der Polizei und vom Gesundheitsministerium. Insgesamt haben wir mehr als hundert CTT-Personen (Contact-Tracing-Teams), die uns bei der Nachverfolgung der Infektionsketten helfen.

SPIEGEL: Haben Sie in Ihrer Zeit als Lokalpolitiker schon mal etwas Vergleichbares erlebt?

Kern: Nein. Wirklich noch nie. Ich war 2015 Bürgermeister in einer kleinen Gemeinde mit 5500 Einwohnern und habe damals die Flüchtlingsthematik miterlebt. Da habe ich schon viel gelernt. Aber das jetzt ist schon eine andere Dimension und wirklich heftig.

SPIEGEL: Wie sah Ihr Alltag aus in den letzten Tagen? Kommen Sie überhaupt noch zum Schlafen?

Kern: Natürlich. Schlafen kann ich immer. Es gehört einfach dazu, dass man sich die entsprechenden Erholungsphasen herausnimmt - das sind allerdings im Moment nicht viele.

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