Melbourne nach dem Lockdown »Ich habe aufs Meer geguckt und angefangen zu weinen«

112 Tage galten im australischen Melbourne drastische Corona-Einschränkungen. Jetzt haben die Menschen ihr Leben wieder. Drei von ihnen erzählen, wie sie den Shutdown erlebt haben – und ob er es wert war.
Ein Video von Andreas Landberg
DER SPIEGEL

Volle Straßen, geöffnete Cafés und Bars, Sportveranstaltungen mit Tausenden Zuschauern – während Deutschland und die meisten anderen Länder noch schwer unter der Corona-Pandemie leiden, haben die Menschen in Australien ihr altes Leben praktisch zurück.

Bashi Basserabie, Bewohnerin von Melbourne:
»Ich kann sagen, dass mein Leben jetzt weitestgehend wieder normal ist.«

Thomas Gaudry, Bewohner von Melbourne
»Im vergangenen Monat hatte ich zum Beispiel eine extrem glückliche Zeit.«

Claire Crowthie, verbrachte den Lockdown in Melbourne
»Das erste Mal in eine Bar zu gehen – ein Bier vom Fass zu trinken – das war himmlisch.«

Aber der Weg dorthin war gerade für Menschen im Bundesstaat Victoria und dessen Hauptstadt Melbourne eine extreme Herausforderung.

Thomas Gaudry, Bewohner von Melbourne:
»Ich war fast an dem Punkt von Hoffnungslosigkeit. Und so traurig das klingt, so weit war es wirklich.«

Claire Crowthie, verbrachte den Lockdown in Melbourne
»Meine Psyche hat wahrscheinlich den größten Schlag meines Lebens abbekommen.«

Bashi Basserabie, Bewohnerin von Melbourne:
»Ich war über die größten Teile des Jahres wohl ziemlich demprimiert.«

Alle drei haben den Lockdown in Melbourne erlebt – von Juli bis Oktober, 112 Tage lang, fast vier Monate. Es war die Reaktion auf eine zweite Welle: In Victoria gab es im August 687 neue Fälle innerhalb eines Tages. Das war der Höchststand. Die Regierung setzte auf eine No-Covid-Strategie: Menschen im ganzen Bundesstaat durften einen Radius von fünf Kilometern um die eigene Wohnung nicht verlassen, auch beim Sport an der frischen Luft, der war außerdem nur maximal eine Stunde täglich erlaubt. Sie durften keine Besucher zu Hause empfangen, es galt eine nächtliche Ausgangssperre. Das traf viele Menschen unterschiedlich hart. Je nach Lebenssituation.

Bashi Basserabie, Bewohnerin von Melbourne:
»Ich habe in einem recht großen, weiträumigen Haus gewohnt, mit meinem Freund und drei weiteren Freunden. Ich war also nicht total ausgehungert, was menschliche Kontakte angeht.«

Claire Crowthie, verbrachte den Lockdown in Melbourne:
»Ich habe mit einigen wirklich tollen Menschen zusammen gewohnt, wir sind eine eigene kleine Familie geworden.«

Beide Frauen konnten zudem arbeiten beziehungsweise studieren, wenn auch von zu Hause aus. Thomas Gaudry hingegen lebte – eigentlich übergangsweise – mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung, als die Pandemie begann, verlor dann gleich zwei Jobs und war beschäftigungs- und perspektivlos.

Thomas Gaudry, Bewohner von Melbourne:
»Es war fast jeden Tag dasselbe und für mich galt: Ich weiß nicht, wann das aufhört, wozu sollte ich also überhaupt jeden Tag aufstehen, weil es doch eh der gleiche Tag ist. Es ist buchstäblich Murmeltiertag, jeden Tag.«

Aber selbst in besseren Wohnsituationen hatte die Isolation direkte Auswirkungen auf die Psyche, erzählt Claire Crowther, eine Kanadierin, die den kompletten Lockdown in Melbourne verbrachte.

Claire Crowthie, verbrachte den Lockdown in Melbourne:
»Man hatte so viel Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, über seine eigenen Probleme nachzudenken und über Dinge zu grübeln. Meine normalen Bewältigungsstrategien funktionierten nicht mehr. Das wäre entweder Freunde zu treffen oder Sport zu machen und ich konnte beides nicht mehr.«

So brauchte es kleine Tricks, um die immer gleiche Routine zu durchbrechen und irgendwie durch den Alltag zu kommen.

Thomas Gaudry, Bewohner von Melbourne:
»Auch wenn es nur etwas Kleines war: einen anderen Weg zu laufen, wenn ich für etwas Bewegung nach draußen gegangen bin. Oder etwas zu versuchen, was nicht genau das gleiche war jeden Tag. Das hat mir durch die Zeit geholfen.«

Claire Crowthie, verbrachte den Lockdown in Melbourne:
»Meine Mitbewohnerin hat mit "Eine Umarmung am Tag für Claire" angefangen, weil wir gesagt haben: "Claire bekommt über Wochen keinen Körperkontakt." Also habe ich eine Umarmung am Morgen und eine am Abend bekommen.«

Umso emotionaler war schließlich der Moment, in dem der Lockdown endete.

Thomas Gaudry, Bewohner von Melbourne:
»An dem Tag, an dem wir den 5-Kilometer-Radius verlassen haben und zur Bucht gegangen sind, zur Port Phillip Bay, da habe ich aufs Meer geguckt und einfach angefangen zu weinen. Ich war so glücklich, etwas anderes zu sehen.«

Bashi Basserabie, Bewohnerin von Melbourne:
»Es war vor allem Erleichterung und Begeisterung, da raus zu sein.«

Claire Crowthie, verbrachte den Lockdown in Melbourne:
»Als der Lockdown vorbei war, entstand dieses kollektive Gefühl von: Schaut, was wir erreicht haben.«

Tatsächlich aber war der Übergang zurück ins normale Leben gar nicht so einfach, so tiefe Spuren hatten die Monate des Lockdowns hinterlassen.

Thomas Gaudry, Bewohner von Melbourne:
»Es war zu Beginn wirklich anstrengend, andere Menschen zu sehen. Ich habe festgestellt, dass ich gar nicht mehr gewöhnt war, mich zu unterhalten. Und nicht, weil ich keine Menschen sehen wollte. Ich glaube aber, dass es viel mehr Energie und Aufwand gekostet hat als früher.«

Claire Crowthie, verbrachte den Lockdown in Melbourne:
»Vor Covid bin ich an einem Wochenende mit Freunden zum Brunch und dann spazieren gegangen oder habe einige Erledigungen gemacht. Dann bin ich ausgegangen, bis spät in die Nacht. Jetzt habe ich nur noch den Bruchteil einer sozialen Aktivität am Tag geschafft. Es stimmt, das war emotional anstrengend.«

Der australische Umgang mit der Pandemie war in vielen Punkten besonders. Als Insel fiel es dem Land leicht, früh die Grenzen zu schließen. Das Infektionsgeschehen blieb so stets vergleichsweise gering. Insgesamt gab es in Australien weniger als 30.000 Infektionsfälle. Weniger als 1000 Menschen starben in Folge einer Corona-Infektion. Außerdem war der Ansatz sehr regional. So erlebte Sydney im bevölkerungsreichsten Bundesstaat New South Wales deutlich mehr Freiheiten. Das fanden dort nicht alle richtig – manch einer hätte sich schon bei kleineren Ausbrüchen härtere Maßnahmen gewünscht.

Christopher Brown, Bewohner von Sydney:
»New South Wales geht die Sache viel zu schleppend an. Wir hätten hart und schnell reagieren müssen, als wir gemerkt haben, dass es ein Problem gibt und uns dann damit auseinandersetzen. Wir kämpfen immer noch mit Problemen, weil wir den Mittelweg gewählt haben. Und es scheint sinnlos, zwei Monate lang auf diesem Mittelweg zu bleiben, wenn man schon in den ersten Tagen damit fertigwerden kann.«

Das ist die Strategie, die Victoria heute, Monate nach dem langen Lockdown, verfolgt. Als ein Ausbruch in einem Quarantänehotel in Melbourne im Februar auf 13 Fälle anwuchs, verhängte die Regierung für fünf Tage erneut einen Lockdown höchster Stufe – für den kompletten Bundesstaat Victoria.

Aber was denken Menschen, die die monatelange Isolation durchgemacht haben? War es das wert? Sind Sie mit der Politik ihrer Regierung einverstanden?

Bashi Basserabie, Bewohnerin von Melbourne:
»Es war fast ein Segen, dass es in Melbourne so stark passiert ist, weil wir dann einfach das getan haben, was notwendig war, damit es nicht schlimmer wird.«

Claire Crowthie, verbrachte den Lockdown in Melbourne:
»Ich glaube, dass `Teile des Lockdowns wirklich großartig waren, um die Zahlen zu senken. Ich glaube allerdings, dass der Tribut, den wir dafür noch in anderen Bereichen der Gesundheit zahlen werden – wie zum Beispiel der psychischen Krankheiten – für lange Zeit nicht zu messen sein wird. Und ich werde mich fragen, ob es das tatsächlich wert war.«

Thomas Gaudry, Bewohner von Melbourne:
»Wenn ich jetzt darüber nachdenke: So schwierig und herausfordernd diese Zeit auch war, glaube ich, dass es das Richtige war. Wenn wir das zu diesem Zeitpunkt nicht getan hätten, könnten wir all die Dinge, die ich wieder tun kann, jetzt nicht tun.«

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