Corona-Hotspot Berlin-Neukölln Eine gewisse Sorglosigkeit

Der Berliner Stadtteil Neukölln ist ein Synonym für Multikulti und Partyvolk. Aber sind für die hohen Corona-Zahlen wirklich türkische Großhochzeiten und kiffende Raver verantwortlich?
Berlin-Neukölln: Viele sind genervt von den Regeln

Berlin-Neukölln: Viele sind genervt von den Regeln

Foto: Christophe Gateau / dpa

Natürlich Neukölln. Wo sonst. Der Berliner Bezirk, immerhin mit 330.000 Einwohner so groß wie eine mittlere deutsche Großstadt, war tagelang Deutschlands Spitzenreiter bei den Corona-Neuinfektionen: Ein Hochrisikogebiet der Pandemie, von der "Bild"-Zeitung gar zum "Ultra-Risikogebiet" hochgejazzt und in einem Atemzug genannt mit dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek, wo die Neuinfektionen ungefähr vier- bis fünfmal so hoch sind.  

Molenbeek hat seine Migrantinnen und Migranten, wie auch Neukölln. In dem Bezirk leben viele Menschen, die zwar einen deutschen Pass besitzen und oft seit Jahrzehnten dort leben, aber für die zu einer richtigen Hochzeit nun einmal ein paar Hundert Gäste gehören und zum Feierabend der Besuch in der Shishabar.

Hotspot für Partygänger und Nachtschwärmer

Außerdem ist Neukölln Hotspot für Partygänger und Nachtschwärmer. Wer sich Deutschland als beschauliche und biodeutsche Modelleisenbahn-Gesellschaft herbeiträumt, verabscheut Neukölln. Für die Rechtspopulisten von der AfD, vor allem die aus der west- und ostdeutschen Provinz, ist der Berliner Bezirk seit Jahren geradezu ein Hassobjekt par excellence. 

Inzwischen ist zwar nicht mehr Neukölln, sondern das beschauliche Berchtesgadener Land Spitzenreiter bei den Corona-Infektionen. In der bayerischen Idylle ist man aber, was die Ansteckungsraten betrifft, offenbar ähnlich hilflos wie in der Multikultimetropole an der Spree. Umso mehr lohnt ein Blick auf die Vorurteile und das Geschehen in der Hauptstadt.

Martin Hikel ist Bezirksbürgermeister von Neukölln, Sozialdemokrat und mit 34 Jahren der jüngste Bürgermeister Berlins. Auch Hikel ist besorgt, seit die Corona-Zahlen in seinem Bezirk in die Höhe geschnellt sind. Er weiß auch, dass es kulturelle Besonderheiten gibt, die Neukölln womöglich anfälliger für das Virus machen als bürgerliche Randbezirke, wo Masketragen und Abstandhalten und die Einschränkung von persönlichen Kontakten inzwischen zum sozialen Comment gehören.  

Aber Hikel warnt vor voreiligen Schlüssen: "Ich halte nichts von Bashing und Schuldzuweisungen. Jetzt zu sagen, die jungen Leute sind daran schuld, oder diese türkische Hochzeit war hierfür verantwortlich, bringt uns nicht weiter." Neukölln habe inzwischen viele kleine Infektionsherde zu verzeichnen, die sich mittlerweile gar nicht mehr identifizieren und lokalisieren lassen. Deren Ursache liege vor allem darin, dass der Bezirk dichter besiedelt ist als andere Berliner Stadtteile. In Neukölln leben pro Quadratkilometer 7343 Einwohner, in Zehlendorf sind es mit 3215 nicht einmal halb so viele. 

Blick auf die Bevölkerungsdichte

Auch in Neukölln gibt es nämlich Unterschiede bei der Verteilung der Corona-Infektionen, erklärt Hikel, und die haben mitunter weniger mit kulturellen Eigenheiten denn mit Quadratmeterzahlen zu tun: "Wo die Bevölkerungsdichte verhältnismäßig hoch ist, wo es größere Siedlungen gibt, wie zum Beispiel die Altbauquartiere im Norden - überall da ist auch das Infektionsgeschehen wesentlich stärker." 

Zuletzt hatte sich eine gewisse Sorglosigkeit breitgemacht, hat auch Hikel beobachtet: Die Rückkehr gewissermaßen zur Vor-Corona-Normalität, die sich im Sommer nicht unmittelbar durch steigende Infektionen bemerkbar machte, hat im nasskalten Herbst Konsequenzen. Jedes Treffen, das draußen an der frischen Luft harmlos ist, kann in schlecht belüfteten Innenräumen schnell zu vielen Ansteckungen führen. In Kneipen und Bars, aber auch in engen Sozialwohnungen, von denen es im Bezirk reichlich gibt.  

Sperrstunde in Neukölln

Sperrstunde in Neukölln

Foto: Christophe Gateau / dpa

Die Sperrstunde, die der Berliner Senat in der Not erlassen hat, soll auch die Szenefeiern in Neukölln reduzieren. Seit etwa zwei Wochen gelten die Einschränkungen. Sämtliche Gastronomie muss zwischen 23 und 6 Uhr schließen. Alkohol darf nicht mehr verkauft werden, nicht mal an Tankstellen. Den Betreibern, die sich nicht daran halten, drohen Bußgelder. Einige Restaurant- und Kneipenbetreiber hatten deshalb einen Eilantrag gegen die Maßnahmen beim Berliner Verwaltungsgericht gestellt und bekamen - in Teilen – recht. "Bars können gerade in stressigen Pandemiezeiten einen Ausgleich bieten. Überfüllte Bahnen oder private Partys sind doch viel gefährlicher", sagt Michaela Krüger von der "Bar am Ufer", die auch zu den Antragstellern gehört. 

Genervt von den Regeln

Maik Raczkowski leitet das Restaurant "Britzer Mühle". Er beobachtet, dass seine Gäste zunehmend genervt von den Corona-Maßnahmen sind. "Hier haben wir jeden Tag Diskussionen mit Leuten, die keine Maske tragen und die Zettel nicht ausfüllen wollen, und die dann erbost sind, wenn man sie deswegen nicht bedient." Mitunter, sagt der Wirt, habe man das Gefühl, "man redet und diskutiert nicht mit Erwachsenen, sondern mit einem kleinen Kind".

Vielleicht verzichten auch deswegen manche Kneipen im Viertel auf die Durchsetzung von Hygieneauflagen. Dann jedoch werden sie zum Fall für die Ordnungsämter.

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Im Dreischichtbetrieb sind allein in Neukölln derzeit 50 Mitarbeiter damit beschäftigt, Verstöße gegen die Corona-Regeln aufzuklären und zu ahnden. Inzwischen werden sie von Landes- und Bundespolizei unterstützt. Dem Sprecher des Bezirksbürgermeisters zufolge sind in den Ordnungsämtern in den vergangenen 14 Tagen insgesamt mehr als 100 Anzeigen eingegangen und es wurden 6000 Euro an Verwarnungsgeldern eingenommen. Es ist die Rede von einer "fehlenden Auskunftsfähigkeit und -bereitschaft" bei den Infizierten.

Die Kneipenkontrolle gleicht sowieso einer Sisyphus-Arbeit. Seit März wurden in Neukölln wegen Verstößen gegen Corona-Auflagen 494 Bußgeldverfahren eingeleitet, gerade einmal 67 Bußgeldbescheide über eine Gesamthöhe von 9635 Euro verhängt.  Das Risiko, zur Kasse gebeten zu werden, ist folglich für Kneipiers und Betreiber von Spätverkaufsstellen überschaubar. Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke forderte im "Berliner Kurier" weitere Aufrüstungsmaßnahmen: "Und vielleicht könnten uns unsere Nachbarn aus Brandenburg mit Einsatzhundertschaften unterstützen. Das wäre ein Signal an alle Feierwütigen: Die Party is over."

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