Nachbarschaftshilfe in Bremen "Die Senioren sind glücklich, dass sie sich an uns wenden können"

In Bremen hat sich ein großes Team für Nachbarschaftshilfe gebildet - die Mitglieder gehen unter anderem für Menschen aus Corona-Risikogruppen einkaufen. Zwei Fotografen dokumentieren das Projekt.
Auch unter Nachbarinnen muss in Zeiten von Corona telefonischer Kontakt reichen - so wie hier in Bremen

Auch unter Nachbarinnen muss in Zeiten von Corona telefonischer Kontakt reichen - so wie hier in Bremen

Foto: Michael Galian

Die Corona-Pandemie bestimmt den Alltag in ganz Deutschland. Schulen, Kindergärten, Bars, Restaurants, Sportvereine sind geschlossen. Viele Menschen arbeiten von zu Hause aus, manche verlassen nur noch selten die eigenen vier Wände - so wird es vor allem Menschen aus Risikogruppen empfohlen. Dazu zählen Alte und Schwache, aber auch Männer und Frauen mit Vorerkrankungen. Um ihnen den Alltag zu erleichtern, hat sich Mitte März in Bremen eine Initiative gegründet.

Die "Nachbarschaftshilfe Bremen" richtet sich an Menschen, die in der Coronakrise Hilfe benötigen. Freiwillige erledigen Einkäufe, gehen für Betroffene zur Post oder Apotheke. In einem Reportageprojekt dokumentiert der Fotografen Michael Galian das Engagement der Bremerinnen und Bremer, die Bilder sehen Sie unten in einer Fotostrecke.

Die Hilfsbereitschaft sei enorm, sagt Mirka Lenz, Studentin und Mit-Koordinatorin des Hilfsprojekts. Im Interview erzählt sie, wer bei ihr Unterstützung sucht, was eine Gesellschaft in diesen Zeiten braucht und warum jede kleine Aktion einen großen Einfluss haben kann.

SPIEGEL: Frau Lenz, Sie engagieren sich in der Initiative "Nachbarschaftshilfe Bremen ". Wie organisieren Sie sich in einer Stadt, die mehr als eine halbe Million Einwohner zählt?

Mirka Lenz: Über eine Telegram-Gruppe. Anfangs wollten sich dort nur eine Handvoll Leute organisieren, um in ihrer Nachbarschaft Menschen zu unterstützen. Dann ist die Gruppe wie durch ein Schnellballsystem enorm gewachsen.

SPIEGEL: Was heißt das?

Lenz: Als ich mich der Gruppe anschloss, zählte sie 75 Mitglieder. Doch dann traten immer mehr ein, nun sind es 1100 Menschen. Inzwischen haben wir einen Facebook-Auftritt  und eine Website erstellt und Untergruppen für die einzelnen Stadtteile gebildet, um uns dezentral zu kümmern.

Fotostrecke

Nachbarschaftshilfe in Bremen: Kleine Schritte für etwas Großes

Foto: Michael Galian

SPIEGEL: Wie erreichen Sie Menschen, die Hilfe brauchen?

Lenz: Zum einen über die Website , zum anderen über Flyer und Poster, die wir in den Stadtteilen verteilen. Darauf stehen zwei Telefonnummern, über die Hilfe angefordert werden kann - eine davon gehört mir.

SPIEGEL: Wer ruft Sie an?

Lenz: Vor allem ältere Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Oft suchen sie jemanden, der für sie einkauft. Wir bieten aber auch Kinderbetreuung an, gehen mit dem Hund Gassi oder holen Medikamente in der Apotheke ab.

SPIEGEL: Wie geht es den Menschen?

Lenz: Die Situation schränkt ihr Leben massiv ein. Zudem hören sie von anderen, die auf Intensivstationen liegen oder gestorben sind. Das löst bei vielen Ängste aus, sie machen sich Sorgen und haben ein großes Bedürfnis über die Lage zu sprechen. Sie sind dankbar dafür, dass sie nicht allein gelassen werden, und erleichtert, dass sie nicht das Haus verlassen müssen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Das klingt schon fast nach einem Seelsorge-Angebot.

Lenz: In manchen Fällen brauchen die Menschen mehr als eine Einkaufshilfe. Eine Mitstreiterin von mir hat kürzlich eine Stunde mit einer älteren Dame telefoniert, weil sie sich solche Sorgen machte. Das ist aber eher die Ausnahme. Die Senioren sind glücklich, dass sie sich an uns wenden können. Manchmal bedanken sie sich so oft, dass wir sie stoppen müssen. Für uns ist diese Hilfe eine Selbstverständlichkeit.

SPIEGEL: Wie oft klingelt ihr Telefon denn?

Lenz: Ungefähr zehnmal am Tag. Wir hören aber auch von Freiwilligen, die Senioren, denen sie einmal geholfen haben, ihre Nummer geben und sich persönlich mit ihnen absprechen. Diese Menschen melden sich dann nicht mehr auf meinem Handy.

SPIEGEL: Wer hilft in Ihrer Initiative als Freiwilliger?

Lenz: Menschen aus der ganzen Gesellschaft. Unter ihnen sind Studenten wie ich, aber auch Leute, die aufgrund der Coronakrise gerade ohne Beschäftigung sind. Andere erledigen die Nachbarschaftshilfe wiederum in ihrem Feierabend.

SPIEGEL: Was ist in der Coronakrise fehl am Platz?

Lenz: Das Horten von Unmengen Toilettenpapier und Nudeln. Ich bin vergangene Woche mit einer angebrochenen Packung Toilettenpapier zu einer Mitstreiterin gefahren, weil sie keines mehr bekam und ich allein nicht zehn Rollen benötige. Zu Beginn der Krise war ich erschrocken, wie egoistisch Menschen reagieren können.

SPIEGEL: Worauf kommt es jetzt also an?

Lenz: Zusammenhalt und Engagement. Nicht jeder hat eine medizinische Ausbildung und kann im Krankenhaus helfen, aber alle können sich für andere an die Supermarktkasse stellen. Wir sollten den Blick für unser Umfeld schärfen und schauen, was dort gebraucht wird. Wenn viele kleine Menschen kleine Schritte gehen, entsteht etwas Großes.

SPIEGEL: Wie soll es mit der Nachbarschaftshilfe weitergehen?

Lenz: Wir haben uns fest vorgenommen, auch nach der Coronakrise weiterzumachen. Wir wollen den Tatendrang und das neue Netzwerk nicht verpuffen lassen. Weil es auch abseits des Coronavirus Menschen gibt, die auf Hilfe angewiesen sind.