Geschlossene Kitas Kinder dürfen nicht zu Kollateralschäden der Pandemie werden

Ein Gastbeitrag von Melanie Leonhard und Joachim Stamp
Die Jugend- und Familienministerkonferenz berät, wie Kitas schrittweise wieder öffnen könnten. Unsere Autoren erklären als Verantwortliche von Hamburg und Nordrhein-Westfalen, worauf es ihnen dabei ankommt.
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Auf die hohe Geschwindigkeit der Corona-Pandemie wurde in den vergangenen Wochen mit Maßnahmen reagiert, die in der Bundesrepublik in ihrem Ausmaß ohne Beispiel waren. Kein Lebensbereich bleibt davon unberührt: Berufs- und Familienleben, soziale Kontakte, Bildung und Alltagsleben wurden massiv eingeschränkt. Gerade die Schließung der Kitas wirkt sich weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus aus: Sie erhöht den Druck auf Familien, auf die innerhalb weniger Tage soziale und ökonomische Unsicherheiten eingestürzt sind. Sie erzeugt aber auch einen ausgesprochen hohen Druck: Ein Wegfall von Teilen des Einkommens, existenzielle Sorgen über die Zukunft, und zusätzliche Belastungen durch Kinderbetreuung und Alltagsorganisation sind eine für viele Eltern kaum zu bewältigende Situation.

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Dr. Melanie Leonhard (SPD) ist Senatorin für Arbeit, Soziales, Familie und Integration der Freien und Hansestadt Hamburg.

Nicht nur in beengten Wohnverhältnissen entstehen Spannungen und besteht die Gefahr zunehmender Konflikte und steigender Aggression, unter der insbesondere Kinder physisch und psychisch leiden. Vor allem aber setzt die Schließung der Kitas ausgerechnet die Jüngsten in unserer Gesellschaft den stärksten Einschränkungen aus.

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Dr. Joachim Stamp (FDP) ist Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen.

Denn jeder Tag ohne Kita oder Grundschule beeinträchtigt die Bildungs- und Entwicklungschancen unserer Kinder. Können manche bildungsstarken Familien dies durch Improvisation zu Hause noch einigermaßen kompensieren, sind andere damit überfordert. Für alle Kinder gilt aber gleichermaßen, dass sie den Austausch mit Gleichaltrigen brauchen. Es geht auch um soziales Lernen.

Für Kinder, die zu Hause nicht mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen, kommt es zu einem monatelangen Bruch beim Erlernen unserer Sprache. Kindern aus prekären Verhältnissen fehlen Tagesstruktur und das geregelte Essen in Kita oder Grundschule. Dass beinahe achselzuckend hingenommen wird, diesen Verlust an Bildungsgerechtigkeit bis zum Ende der Sommerferien hinzunehmen, ist aus Kinderperspektive nicht akzeptabel. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist es verheerend.

Wir müssen die Balance finden

Wir begeben uns zunehmend in eine Situation, in der zusätzlich zu den ökonomischen Folgen der Krise auch schwerwiegende soziale Folgekosten drohen. Die massiven Beschränkungen müssen daher sehr sorgfältig geprüft und immer wieder neu gerechtfertigt werden. Als politische Verantwortliche müssen wir derzeit unter hohem zeitlichen Druck Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen für das Leben und die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger treffen.

Gerade deshalb müssen wir die Balance finden. In unsere Abwägungen müssen wir neben Erkenntnissen aus der medizinisch-wissenschaftlichen Perspektive auch weitere Argumente einbeziehen, entscheiden muss jedoch die Politik. Dabei gilt es, am Wohl der Kinder Maß zu nehmen. Das ist nicht nur eine gesellschaftliche und moralische Notwendigkeit, sondern auch eine in den Kinderrechten verankerte rechtliche Verpflichtung. Die oberste Priorität gilt weiterhin der Unterbrechung von Infektionsketten zur Vermeidung schwerer Krankheitsverläufe und der Sicherung der Stabilität des Leistungsvermögens unseres Gesundheitssystems.

Jedoch auf frühe Bildung zu verzichten, Spielplätze langfristig zu sperren und keine Perspektive für die Kita-Betreuung aufzuzeigen, ist dauerhaft mit dem Kindeswohl nicht vereinbar. Wir müssen die Rechte der Kinder, die Bedürfnisse von Eltern und den Schutz der Gesundheit für alle an der Kindertagesbetreuung Beteiligten und ihre Angehörigen in Einklang bringen.

Eine Öffnung der Kindertagesbetreuung ist dann verantwortbar, möglich und sogar geboten, wenn wir diese berechtigten Interessen durch die Umsetzung von Schutzmaßnahmen vereinen können. Klar ist, dass es nicht einfach einen Kita-Betrieb wie vor der Coronakrise geben kann.

Ängste können überwunden werden

Erzieherinnen und Eltern haben Sorge vor Ansteckungsrisiken, da im frühkindlichen Bereich das Distanzgebot nicht durchzuhalten ist und gerade die Jüngsten auch auf körperliche Nähe angewiesen sind. Diese Ängste nehmen wir sehr ernst. Sie können aber überwunden werden, wenn hygienische und organisatorische Spielregeln definiert und umgesetzt werden.

Dabei muss gesagt werden, dass mittlerweile zahlreiche Wissenschaftler darauf hinweisen, dass durch Hygienemaßnahmen das Ansteckungsrisiko minimiert werden kann. Laboruntersuchungen zeigen, dass die Virenkonzentration bei Ansteckung wesentlich ist für die Schwere der Symptomatik. Da Kinder auch nach einer wissenschaftlichen Studie aus den Niederlanden nur ein geringes Infektionsrisiko haben, kann offenbar auch aus hygienewissenschaftlicher Sicht das Distanzgebot in der Betreuung von Kindern anders bewertet werden, wenn stattdessen andere hygienische Präventionsmaßnahmen wie Händewaschen, gründliche Lüftung und Reinigungsmaßnahmen konsequent eingehalten werden.

In jedem Fall werden wir konsequente Hygiene und vorübergehend veränderte Organisation der Abläufe in der Kita sowie angepasste Gruppensettings und Tagesabläufe brauchen. So kann es gelingen, die Zahl der neu entstehenden Kontaktnetzwerke möglichst zu begrenzen. Kleine Gruppen können sich zwar gleichzeitig in der Kita aufhalten, können jedoch räumlich voneinander getrennt bleiben und Abstand halten.

Viele dieser Kleingruppen ergeben sich von selbst: Die bisher in der Notbetreuung betreuten Kinder bilden zusammen schon länger ein soziales Kontaktnetzwerk. Auch Kinder, die ohnehin viel und gern miteinander spielen, sollten gemeinsam betreut werden. Neu aufgenommene Kinder können dann, je nach Bedarf, bestehenden Gruppen hinzugefügt werden oder gemeinsam neue Kleingruppen bilden. In diesen Kleingruppen können die notwendigen Hygieneregeln spielerisch und in permanenter Wiederholung erlernt und verinnerlicht werden.

Gleichzeitig kann mit dem Aufbau der Gruppen in wöchentlichen Schritten so vielen Kindern wie möglich schon vor den Sommerferien wieder Zugang zu frühkindlicher Bildung ermöglicht werden. Hier muss jetzt den Ländern Freiraum gegeben werden, angesichts der regional sehr unterschiedlichen Entwicklung der Pandemie ihr eigenes Tempo zu finden. Wir wollen dafür Sorge tragen, dass Politik und Wissenschaft nicht länger in einem Elfenbeinturm verharren, in dem die Lebenswirklichkeit von Kindern und Familien aus dem Blick gerät. Denn Kinder dürfen nicht zu Kollateralschäden der Pandemie werden.

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