Seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie herrscht in vielen deutschen Krankenhäusern Ausnahmezustand. Davon sind auch werdende Mütter betroffen (Symbolfoto)
Seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie herrscht in vielen deutschen Krankenhäusern Ausnahmezustand. Davon sind auch werdende Mütter betroffen (Symbolfoto)
Foto: Berat Flugaj/ Getty Images

Coronavirus-Schutz im Kreißsaal Wenn Papa die Geburt verpasst

Wegen des Coronavirus müssen Frauen in manchen Kliniken ihre Kinder ohne eine private Begleitperson zur Welt bringen. Viele Paare wollen das nicht hinnehmen und suchen nach Lösungen.
Von Lisa Duhm und Sarah Heidi Engel

Eigentlich lief bei Michelle Webers letzter Vorsorgeuntersuchung alles gut. In wenigen Tagen soll ihr zweites Kind zur Welt kommen, ein Mädchen. Errechneter Geburtstermin: 5. April 2020. Das Baby hat sich bereits in Position gebracht, die Herztöne sind in Ordnung. Die Wehen könnten nun jederzeit einsetzen. Doch bevor Weber die Frauenarztpraxis verließ, gab die Sprechstundenhilfe ihr noch eine Info mit: Das Krankenhaus, in dem Weber entbinden wollte, hat aufgrund des Coronavirus entschieden, dass Partner oder Angehörige nicht mehr mit in den Kreißsaal dürfen. Weber, 29, würde dort ihr Kind allein zur Welt bringen müssen.

Sie sei entsetzt gewesen, erinnert sich Weber. Die Mutter einer achtjährigen Tochter weiß, wie lange sich eine Geburt hinziehen kann, wie sich die Schmerzen anfühlen. Die Hebammen wechseln im Schichtdienst und müssen sich um mehrere Schwangere gleichzeitig kümmern. Gerade deshalb möchte sie auf ihren Lebensgefährten nicht verzichten. "Zu Hause bin ich in Tränen ausgebrochen", sagt sie.

"Ich war wütend und enttäuscht"

Ihr Partner Jan Kloft war bei allen Untersuchungen und im Geburtsvorbereitungskurs dabei. "Ich war wütend und enttäuscht", sagt er. Die beiden sehen sich als Team, als gleichberechtigte Partner. Auch wenn er seiner Freundin die Geburt nicht abnehmen könne, sagt Kloft, sie dabei zu unterstützen, sei für ihn selbstverständlich. Nun hat das Coronavirus all diese Überlegungen auf den Kopf gestellt.

Seit dem Ausbruch der Pandemie herrscht in vielen deutschen Krankenhäusern Ausnahmezustand. Immer mehr an Covid-19 erkrankte Menschen müssen versorgt werden. Die Angst vor einer Infektion des Klinikpersonals ist groß, ganze Stationen könnten unter Quarantäne gestellt werden, wenn sich nur ein einzelner Mitarbeiter ansteckt. Mit allen Mitteln will man einen Kollaps des Gesundheitssystems wie in einigen Regionen Italiens verhindern - auch deshalb sind in vielen deutschen Krankenhäusern Patientenbesuche inzwischen strikt verboten, das gilt selbst für die Wöchnerinnenstation.

Einige Geburtsstationen sprachen inzwischen eine besonders strenge Regelung aus: Gebärende dürfen derzeit nicht mehr von ihrem Partner oder einer anderen Vertrauensperson in den Kreißsaal begleitet werden. Die Schwangeren müssen allein kommen.

Michelle Weber und Jan Kloft werden Anfang April Eltern einer Tochter

Michelle Weber und Jan Kloft werden Anfang April Eltern einer Tochter

Foto: privat

Auch das Klinikum Dillenburg in Hessen, in dem Michelle Webers und Jan Klofts Tochter zur Welt kommen sollte, hat sich für diese strikte Regelung entschieden. Man habe es sich nicht leicht gemacht, sagt Ulrich Winkler, Leiter der Geburtsstation. "Auch für uns ist das ein großes Opfer."

Doch die Männer, die ihre Partnerinnen begleiteten, stellten derzeit ein zu hohes Risiko dar: Auf seiner Station würden nicht nur Kinder geboren, auch immungeschwächte Krebspatientinnen erhielten dort ihre Behandlung. Die Patientinnen müsse man schützen.

"Ich verstehe, dass dies zu Ängsten führt"

Chefarzt Winkler hat in den vergangenen Tagen mit vielen werdenden Eltern telefoniert oder deren Anfragen schriftlich beantwortet. "Ich verstehe, dass dies zu Ängsten führt, auch zu Verärgerung und Wut, in jedem Fall zu einer schweren Enttäuschung, denn das Geburtserlebnis ist ja schon tausendfach durchträumt", schrieb der Mediziner in einer Mail an eine werdende Mutter.

Jan Kloft wollte sich damit nicht abfinden. Der 29-Jährige hakte bei der Klinik in Dillenburg nach, rief beim Gesundheitsamt seines Landkreises an, kontaktierte das zuständige Ministerium für Soziales und Integration in Wiesbaden. Niemand machte ihm Hoffnungen. Es sei notwendig, Personal und andere Patienten zu schützen, hieß es. Jede zusätzliche Person im Krankenhaus erhöhe die Gefahr, das Coronavirus vom Kreißsaal auf die Flure und von dort auf die Stationen zu tragen.

"Eine 1:1-Betreuung zu versprechen, ist unseriös."

Andrea Ramsell vom Deutschen Hebammenverband

"Die Geburt ist ein einschneidendes biografisches Ereignis", sagt Andrea Ramsell vom Deutschen Hebammenverband. Dass werdende Eltern sich neben der Aufregung vor der Geburt zusätzlich Sorgen um die Begleitung in den Kreißsaal machen müssten, empfindet sie als inakzeptabel.

Jede Geburt sei außergewöhnlich, sagt Ramsell. Eine Frau sollte dabei die maximale emotionale Unterstützung erhalten. Zudem könnten die Hebammen im Krankenhaus nicht ununterbrochen am Bett einer werdenden Mutter stehen, wenn weitere Frauen auf der Station in den Wehen liegen. "Das Personal in den Kliniken wurde in den vergangenen Jahren so stark ausgedünnt. Eine 1:1-Betreuung zu versprechen, ist unseriös."

"Hebammen ersetzen nicht den Partner"

Das weiß auch Tanja Schmitt. Sie erwartet ebenfalls Anfang April ihr zweites Kind. Ihr Mann sei bei der ersten Geburt eine wichtige Stütze für sie gewesen. "Hebammen ersetzen nicht den Partner", sagt die 40-Jährige aus Bonn. Weil beide Angst hatten, dass er sich mit Covid-19 anstecken könnte, arbeitete ihr Mann früher als manch andere von zu Hause aus. Doch dann entschieden Mitte März alle Bonner Kliniken, dass Partner nicht mehr mit in den Kreißsaal und auf die Wöchnerinnenstation dürfen.

Schmitt leidet unter Schwangerschaftsdiabetes, sie ist deshalb auf ein Krankenhaus mit Kinderklinik angewiesen - und die Auswahl in ihrem Umkreis begrenzt. Trotzdem telefonierte sie auch Krankenhäuser in Köln ab. Die meisten lehnten sie ab.

Die 40-Jährige packte ihre Tasche wieder aus und alles in einen Rollkoffer. Er ist größer und praktischer, sie kann ihn allein bewegen, mehr Sachen mit in die Klinik nehmen. Denn jetzt darf Schmitts Mann ihr nicht einfach den Bademantel oder ein Kopfkissen von zu Hause mitbringen. Sie muss nach der Geburt erst einmal ohne Hilfe von außen zurechtkommen, wer weiß, wie lange.

Wenig Platz für Empathie

Seit der Nachricht wache sie nachts öfter auf, ihre Gedanken kreisten um die bevorstehende Geburt, erzählt sie am Telefon. Sie fühle sich gestresst, sei dünnhäutiger, habe keinen Appetit mehr. Besonders ärgert sie sich über die Vorwürfe, die momentan überall im Netz zu finden sind: Frauen sollten sich nicht so anstellen und an das Gemeinwohl denken, habe sie neulich in einer Chatgruppe gelesen. Es scheint, als sei in Zeiten des Coronavirus für Empathie wenig Platz.

Auch mit Frauen, denen es ähnlich geht wie ihr selbst, kann Schmitt zurzeit nur per Smartphone kommunizieren - persönliche Kontakte hat sie eingestellt , aus Sorge vor einer Ansteckung. Manche Schwangere seien so verzweifelt, dass sie ihren Geburtsplan ganz umwerfen wollen. Einige überlegten, in ein Geburtshaus zu gehen oder gar ihr Kind mit einer Hebamme zu Hause zu bekommen.

"Das Paar ist eine Einheit. Gerade während einer Geburt darf man es nicht einfach trennen."

Melani Trofimow vom Marburger Geburtshaus

Sie erhalte seit einigen Tagen viele Anfragen, sagt Melani Trofimow vom Marburger Geburtshaus . Dort sind Partner weiterhin willkommen. "Das Paar ist eine Einheit. Gerade während einer Geburt darf man es nicht einfach trennen", sagt die Hebamme.

Vor einer Covid-19-Ansteckung habe sie keine Angst. Sie und ihr Team würden die üblichen Hygienevorschriften anwenden, seit Kurzem trage sie während der Geburt zusätzlich zu den Handschuhen auch einen Mundschutz. Jede Hebamme betreue nur eine Gebärende zur gleichen Zeit, deshalb sei das Ansteckungsrisiko für alle Beteiligten gering.

Mindestens zehn Frauen hätten sich schon bei ihr gemeldet, sagt Trofimow. Sie alle seien von dem Partnerverbot im Kreißsaal betroffen und suchten nun dringend nach einer anderen Lösung.

Frauen, deren Termin vor Mai liege, müsse sie allerdings direkt absagen. Ein Kind im Geburtshaus auf die Welt zu bringen, erfordere viel Vorbereitung - so kurzfristig sei das nicht möglich. "Wir können leider nicht alle aufnehmen", sagt Trofimow.

Hebamme Andrea Ramsell rät von einer Änderung des Geburtsplans entschieden ab. Wer sich anfangs für eine Klinik oder ein Geburtshaus entschieden habe, solle auch jetzt besser dabei bleiben. Vor jeder Hausgeburt sei eine ausführliche Risikoanamnese erforderlich. Infrastruktur und Versorgungswege würden geprüft, in der aktuellen Situation hätten Hebammen dafür ad hoc keine Kapazitäten. Zudem können unvorhersehbare Komplikationen während der Geburt für Mutter und Kinder mitunter lebensgefährlich sein.

"Niemand sollte eine Alleingeburt wagen", sagt Andrea Ramsell vom Deutschen Hebammenverband

"Niemand sollte eine Alleingeburt wagen", sagt Andrea Ramsell vom Deutschen Hebammenverband

Foto: Hans-Christian Plambeck

Im Internet liest Ramsell auch von Frauen, die notfalls ohne Hilfe ihr Kind bekommen wollen. Ohne Hebamme. Ohne Arzt. Dafür zu Hause. Mit seelischem Beistand. "Niemand sollte eine Alleingeburt wagen", sagt Ramsell. "Die Gesundheit der Mutter und des Ungeborenen darf nicht gefährdet werden." Sie empfiehlt den werdenden Eltern, in jedem Fall das persönliche Gespräch mit den Kliniken zu suchen. Krankenhäuser hingegen sollten individuell abwägen, ob sie nicht doch Ausnahmefälle gestatten könnten.

Die Vorsichtsmaßnahmen gegen das Coronavirus im Kreißsaal bedeuteten für das Personal ein Spagat, sagt Ramsell. Auf der einen Seite sollen sich die Mütter wohlfühlen, zugleich müsse das Personal geschützt werden. Ärzte, Pfleger und Hebammen müssten sich auf die Kooperation und Ehrlichkeit der Eltern verlassen können. Wer augenscheinlich gesund sei, nicht aus einem Risikogebiet komme und keinen Kontakt zu einer infizierten Person habe, solle seine Partnerin begleiten dürfen, findet sie. "Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht."

"Wenn mein Mann an Covid-19 erkrankt ist, dann habe ich es auch."

Tanja Schmitt über die aktuelle Situation. Sie erwartet Anfang April ihr zweites Kind

Viele Betroffene sehen das ähnlich. Sie verbringen derzeit meist sowieso Tag und Nacht an der Seite ihrer Partner, nur noch selten verlassen die Schwangeren die Wohnung. "Wenn mein Mann an Covid-19 erkrankt ist, dann habe ich es auch", sagt Tanja Schmitt.

Dieses Argument höre er häufig, sagt Chef-Gynäkologe Winkler. Doch selbst wenn beide Partner infiziert seien, seien sie meist zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich ansteckend. Bisher hätten um die zehn Frauen auf seiner Station ohne ihren Partner entbunden. Alle Geburten seien "sehr gut" verlaufen.

Noch in den Fünfzigerjahren hätten Väter Frau und Kind nach der Geburt nur durch eine Glasscheibe ansehen dürfen. Das würde er heute natürlich nicht als erstrebenswert darstellen wollen, trotzdem zeige die Praxis: "Es ist möglich", sagt Winkler.

Auf Facebook veröffentlichte der Arzt ein Statement , um die Situation seiner Klinik zu erklären. Er hoffe auf Verständnis "für diese noch nie dagewesene Ausnahmesituation".

Fragebogen zum Gesundheitszustand

Gegen die Schritte der Krankenhäuser regte sich in den vergangenen Tagen viel Protest - und mancherorts hatten die Beschwerden Erfolg. Wenige Tage nachdem die Bonner Kliniken die Begleitung in den Kreißsaal verboten hatten, ruderten sie zurück. Väter oder eine andere Bezugsperson dürften künftig bei Geburten doch wieder dabei sein, teilte die Uniklinik Bonn dazu mit .

Zuvor müssten sie einen Fragebogen zu ihrem Gesundheitszustand ausfüllen und sich einer strengen Handdesinfektion unterziehen. Die Begleitung erfolge erst ab dem Zeitpunkt "der aktiven Geburt", dabei sei ein Mundschutz zu tragen und zur Hebamme ein Abstand von 1,5 Metern zu wahren. Ein Besuch der Wöchnerinnenstation bleibt aber weiter untersagt.

Tanja Schmitt wird ihren Sohn daher doch in Bonn auf die Welt bringen. Ihr Mann kommt mit, der Rollkoffer aber auch. Man werde ihren Partner kurz vor der sogenannten Austreibungsphase kontaktieren, sei ihr gesagt worden, so Schmitt. Wann das genau sei? Nicht fünf Stunden vor der Geburt, aber auch nicht in den letzten fünf Minuten. Schmitt kann damit leben.

Das Klinikum Dillenburg hingegen bleibt bei seiner Entscheidung. Michelle Weber und Jan Kloft wollen deshalb für die Geburt ihrer Tochter nun aus ihrer hessischen Heimatgemeinde über die Landesgrenze nach Nordrhein-Westfalen fahren. Nach Dillenburg wären es nur zehn Minuten mit dem Auto gewesen, in das Krankenhaus nach Siegen brauchen sie über eine halbe Stunde. Dort darf Kloft seine Freundin bei der Geburt unterstützen und trotz Corona-Pandemie im entscheidenden Moment dabei sein.

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