"Aussteigekarten" bei Zugfahrten und grenznahe Kontrollen Krisenstab beschließt neue Maßnahmen gegen Virus-Ausbreitung

Um die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland einzudämmen, hat der Krisenstab der Bundesregierung neue Schritte beschlossen. Kanzlerin Merkel sprach sich für einen Umgang mit "Maß und Mitte" aus. China meldet neue Infiziertenzahlen.
Krisenstab der Bundesregierung: Wird getanzt?

Krisenstab der Bundesregierung: Wird getanzt?

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Kay Nietfeld/ dpa

Im Kampf gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in Deutschland sollen zusätzliche Schutzvorkehrungen greifen. Das hat ein Krisenstab der Bundesregierung beschlossen.

  • So sollen Großveranstaltungen von umfassenden Risikobewertungen abhängig gemacht werden. Konkrete Entscheidungen liegen aber bei den Veranstaltern und zuständigen Behörden vor Ort.

  • Sollten in Fern- und Regionalzügen Verdachtsfälle festgestellt werden, müssen Bahnunternehmen dies melden. Die Bundespolizei hat zudem angewiesen, dass Reisende in Zügen im Regional- und Fernverkehr Aussteigekarten ausfüllen müssen, wenn dort Verdachtsfälle festgestellt wurden. So soll eine schnelle spätere Kontaktaufnahme möglich sein.

  • Auch verstärkte grenznahe Kontrollen der Bundespolizei sollen kommen. Kontrollen im 30-Kilometer-Raum an den Grenzen werden verstärkt. Erforderliche Maßnahmen würden jeweils mit den örtlichen Gesundheitsbehörden abgestimmt.

  • Fluggesellschaften müssen künftig Angaben zur Gesundheit von Passagieren machen, die mit Maschinen aus insgesamt fünf Staaten kommen. Zusätzlich zu Ankünften aus China ist nun auch für Reisende aus Südkorea, Japan, Italien und Iran vor der Einreise der Gesundheitsstatus der Passagiere zu melden. Dies gilt ebenso für den Schiffsverkehr. Der Krisenstab hatte bereits beschlossen, dass Ankommende aus diesen Staaten "Aussteigekarten" ausfüllen müssen.

  • Der Krisenstab beschloss außerdem, einen Vorrat an Schutzausstattung wie Atemmasken und Spezialanzügen - nicht nur für medizinisches Personal - anzulegen. Vorbereitet werden soll dafür eine zentrale Beschaffung durch den Bund. Der Expertenkreis, den Innen- und Gesundheitsministerium gemeinsam eingerichtet haben, soll sich nun zweimal pro Woche treffen. Die nächste Sitzung ist an diesem Dienstag vorgesehen.

Wird getanzt, steigt das Infektionsrisiko

Der Krisenstab beschloss als Empfehlung, bei der Risikobewertung unverzüglich Prinzipien des Robert Koch-Instituts (RKI) zu berücksichtigen. Bei Anwendung dieser Kriterien sollten "unmittelbar bevorstehende internationale Großveranstaltungen wie die ITB abgesagt werden". Die weltgrößte Reisemesse ITB, die kommende Woche in Berlin starten sollte, wurde von den Veranstaltern am Freitagabend bereits abgesagt.

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In den Leitlinien des RKI heißt es: "Die Risiken sind nicht bei allen Veranstaltungen gleich groß." Daher sollten die Verantwortlichen eine sorgfältige Abwägung treffen. Höhere Risiken könnten etwa angenommen werden, wenn Menschen aus bekannten Risikogebieten oder Ältere mit Vorerkrankungen teilnehmen. Zu prüfen sei, ob eine "enge Interaktion" wie Tanzen vorgesehen ist oder Räume schlecht belüftet sind. Zudem könne es auf Desinfektionsmöglichkeiten für Besucher ankommen - oder darauf, ob Kontaktpersonen notfalls rasch ausfindig zu machen wären. Möglich sei, Veranstaltungen mit Auflagen zu erlauben, Teilnehmer auszuschließen - und Veranstaltungen zu verschieben oder abzusagen.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich für ein Vorgehen mit "Maß und Mitte" beim Umgang mit dem Virus aus. Es sollten nicht alle Veranstaltungen deshalb abgesagt werden, sagte sie bei einem Empfang in ihrem Wahlkreis in Stralsund.

Das neuartige Coronavirus breitet sich derweil in Deutschland weiter aus. In der Nacht zum Samstag wurden unter anderem aus Hessen und aus Baden-Württemberg neue Infektionsfälle gemeldet. Im besonders betroffenen Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen erhöhte sich die Zahl der Infizierten nach Behördenangaben um zwei auf 37. In dem Landkreis befinden sich rund tausend Menschen unter Quarantäne.

China meldet mehr als 79.000 Infizierte und mehr als 2800 Tote

Die hessische Landesregierung meldete, dass eine 1996 geborene Frau aus dem Landkreis Gießen erkrankt sei. Sie zeige derzeit "milde Krankheitszeichen", ihre Kontaktpersonen würden ermittelt. Der Fall stehe in Zusammenhang mit einem Infektionsfall in NRW. Ebenfalls milde Krankheitszeichen zeigt demnach ein 29-jähriger Infizierter im Hochtaunuskreis. Auch bei ihm scheint der Weg der Ansteckung den Angaben zufolge klar zu sein. Nun würden Kontaktpersonen gesucht, die der 29-Jährige seinerseits angesteckt haben könnte.

In Baden-Württemberg wurde ein weiterer Fall im Landkreis Göppingen bestätigt. Es handele sich um einen Mann, der als Kontaktperson eines infizierten Patienten bereits häuslich abgesondert gewesen sei, teilte das Sozialministerium mit.

Auch in China steigt die Zahl der Neuinfektionen weiter an. Es habe 427 neue Fälle gegeben, teilte die Nationalen Gesundheitsbehörde mit. Damit wurden in China insgesamt 79.252 Fälle bestätigt. Am Donnerstag war der Anstieg in dem Land mit 327 auf dem niedrigsten Stand seit gut einem Monat gefallen.

Die Zahl der Todesfälle in China erhöhte sich ebenfalls weiter. 47 weitere Menschen sind an der durch das Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Wie die Pekinger Gesundheitskommission mitteilte, stammen allein 45 der neuen Opfer aus der besonders schwer betroffenen Provinz Hubei, wo das Virus zuerst in großem Maßstab nachgewiesen worden war. Damit stieg die Zahl der Todesfälle auf insgesamt 2835.

ptz/apr/dpa/Reuters/AFP
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