Corona-Bekämpfung Mehrere Bundesländer schränken öffentliches Leben massiv ein

Schwimmbäder, Kinos, Fitnessstudios - auch in Deutschland müssen viele Einrichtungen schließen. Mehrere Bundesländer haben sich zu radikalen Schritten im Kampf gegen die Corona-Ausbreitung entschlossen. Der Überblick.
Blick auf den Kölner Dom: Keine öffentlichen Gottesdienste mehr

Blick auf den Kölner Dom: Keine öffentlichen Gottesdienste mehr

Foto: Roberto Pfeil/ dpa

Natürlich ging es in Angela Merkels wöchentlicher Videobotschaft um die Coronakrise - "eine riesige Herausforderung", so die Kanzlerin. "Eine Herausforderung, wie wir sie seit Langem nicht gekannt haben."

Merkel bekräftigte ihre Forderung der vergangenen Tage, soziale Kontakte weitestgehend einzustellen. "Wo immer das möglich ist."

"Jeder und jede kann mit seinem und ihrem persönlichen Verhalten dazu beitragen, dass sich die Geschwindigkeit, in der Menschen infiziert werden, so verlangsamt, dass unser Gesundheitssystem nicht überfordert wird", sagte Merkel in der am Samstag veröffentlichten Videobotschaft. Es gehe darum, den Menschen zu helfen, die durch Covid-19 besonders betroffen sein werden: Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen.

Um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, haben die Bundesländer nach und nach scharfe Maßnahmen beschlossen: Am Samstagmorgen entschied auch Mecklenburg-Vorpommern, dass Schulen und Kitas ab Montag dicht bleiben. Damit werden in ganz Deutschland in der kommenden Woche die Schulen geschlossen oder der reguläre Betrieb ausgesetzt. Notbetreuungen sollen organisiert werden, vor allem für Kinder von Eltern in sogenannten kritischen Berufen wie Polizei, Feuerwehr, Krankenpflege oder Rettungsdienst.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Das Bundesarbeitsministerium rief alle Arbeitgeber dazu auf, pragmatische Lösungen mit ihren Beschäftigten zu finden. Auf die Schließung von Schulen und Kindergärten könne mit Homeoffice, kreativen Arbeitszeitmodellen, der Nutzung von Urlaub und Arbeitszeitkonten reagiert werden, sagte ein Sprecher (mehr zu diesen Fragen lesen Sie hier).

Einzelne Städte oder Bundesländer gehen nun noch deutlich weiter und schränken das öffentliche Leben massiv ein:

  • Berlin verbietet alle Veranstaltungen und Ansammlungen mit mehr als 50 Teilnehmenden. Bei kleineren Runden müssen die Veranstalter alle Personen mit einer Anwesenheitsliste erfassen. Gaststätten müssen einen Abstand von mindestens 1,5 Metern zwischen den Tischen gewährleisten, bei Stehplätzen muss zwischen den Gästen ebenfalls ein Abstand von mindestens 1,5 Metern sichergestellt sein.

  • Der Sportbetrieb in Schwimmbädern und Fitnessstudios ist untersagt, Kneipen, Kinos, Klubs müssen geschlossen bleiben. (Hier geht's zur Verordnung der Stadt Berlin )

  • Schleswig-Holstein schließt ebenfalls alle Bars, Theater, Museen, Schwimmbäder, Saunen. Wer aus Risikogebieten zurückkehre, dürfe 14 Tage lang keine öffentlichen Einrichtungen betreten, keine Krankenhäuser, keine Hochschulen. "Alle öffentlichen Veranstaltungen sind zu untersagen", teilte die Landesregierung mit - und empfahl, private Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Trauerfeiern zu verschieben oder abzusagen. "Zusammenhalt stärken, Abstand wahren - das ist meine herzliche Bitte an alle Menschen in Schleswig-Holstein", sagte Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). "Wir werden diese Krise mit deutlichen Einschnitten für viele Menschen bestehen. Dafür sind klare Vorgaben und die Eigenverantwortung jeder Bürgerin und jedes Bürgers notwendig." (Hier geht's zur Mitteilung des Landes Schleswig-Holstein )

  • Die Stadt Köln verbietet ab Sonntag bis zum 10. April alle Veranstaltungen im Stadtgebiet. Das gilt laut einer Mitteilung auch für Gottesdienste oder Veranstaltungen anderer Religionsgemeinschaften. Der Kölner Dom ist daher ab Sonntag nur noch für Menschen geöffnet, die ihn zum Gebet aufsuchen möchten. Das teilte Domsprecher Markus Frädrich mit. Ab Sonntag würden nur noch einzelne Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefeiert und von Domradio.de übertragen. Ausgenommen von dem Kölner Verbot sind etwa Wochenmärkte. "Was wir nicht untersagen an dieser Stelle, ist der Besuch von Restaurants und Gaststätten, die mit einem Essensangebot auch eine Versorgungsfunktion wahrnehmen", sagte laut "Stadtanzeiger" Stadtdirektor Stephan Keller. Die bisherige Empfehlung, Veranstaltungen nach Möglichkeit zu meiden, sei am Freitagabend in Köln eher nicht angenommen worden, es habe sogar "Corona-Partys" gegeben. Die Kölner Verkehrsbetriebe kündigten Anpassungen im öffentlichen Nahverkehr an: So wird es etwa ab Mittwoch werktags keine Fahrten mehr vor vier Uhr morgens geben. (Hier geht's zur Mitteilung der Stadt Köln ).

  • Auch das Saarland hat entschieden, dass Veranstaltungen und Ansammlungen einer größeren Anzahl von Menschen in Einrichtungen wie Bars, Discos oder Prostitutionsbetrieben bis zum 24. April untersagt sind. Kinos müssen sicherstellen, dass ein Abstand von zwei Metern zwischen einzelnen Personen eingehalten wird. Besuche in Pflegeheimen sind ebenfalls unzulässig, Ausnahmen für Angehörige können in Einzelfällen zugelassen werden. Auch andere Bundesländer haben in diesem Bereich bereits Einschränkungen verordnet. (Hier geht's zur Allgemeinverfügung des Saarlands )

Die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) rief zudem zu Blutspenden auf. Durch die Corona-Epidemie sei die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung deutlich gesunken. "Der Besuch eines Blutspendetermins erhöht allerdings nicht das Risiko für eine Ansteckung mit dem Coronavirus", sagte Bachmann.

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) ist die Zahl der in Deutschland bestätigten Covid-19-Fälle bis zum Samstagnachmittag auf 3795 gestiegen - 733 mehr als am Vortag. Acht Menschen seien bisher an der Krankheit gestorben, teilte das RKI auf seiner Internetseite  mit. Die meisten Fälle (1154) meldete weiterhin Nordrhein-Westfalen, wo vor allem der Landkreis Heinsberg betroffen ist. Aus Bayern wurden 681 Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus gemeldet, aus Baden-Württemberg 569.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Einzelhändler bestätigten am Samstag, dass deutlich mehr Lebensmittel und Hygieneartikel gekauft wurden als zu anderen Zeiten. Dagegen werden Gaststätten eher gemieden. Die Bundesminister Julia Klöckner (CDU) und Andreas Scheuer (CSU) versicherten, es gebe keine Versorgungsengpässe - Hamsterkäufe sollten deshalb vermieden werden.

Weil viele Menschen Gaststätten meiden und wieder mehr zu Hause kochen und essen, gehen der Lebensmittelhandel und Branchenexperten davon aus, dass in Supermärkten anders und mehr eingekauft wird. So registrierte die Supermarktkette Rewe seit Mittwoch eine deutlich erhöhte Nachfrage, vor allem nach Trockenlebensmitteln wie Nudeln und Reis sowie Konserven und Drogerieartikeln. Es gebe aber kein Problem bei der Warenversorgung.

"Die Umsatzeinbußen erreichen ein nie gekanntes Ausmaß"

Die Warnungen des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga verheißen dagegen nichts Gutes. "Die Umsatzeinbußen erreichen ein nie gekanntes Ausmaß", sagte Dehoga-Präsident Guido Zöllick. "Inzwischen leidet die gesamte Branche in der gesamten Republik - ob Hotels, Restaurants, Caterer, Kneipen, Bars, Diskotheken und Klubs, ob Betriebs-, Stadion- und Verkehrsgastronomie."

Angesichts der Entwicklung warnte der Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, Jens Michow, vor schwerwiegenden Folgen für seine Branche. "Wenn derartige Veranstaltungsabsagen nur über zwei, drei Wochen erfolgen müssen, werden sich zahlreiche Firmen davon nicht wieder erholen können", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

hut, dpa