Patientenvertreter zu Todesfällen in Altersheimen "Kaskade der Verantwortungslosigkeit"

In Alten- und Pflegeheimen hat es zahlreiche Todesfälle gegeben. Die Verantwortung sieht Patientenvertreter Eugen Brysch in der Politik: Die Fürsorgepflicht für die Alten wurde nicht ernst genommen.
Ein Interview von Michael Fröhlingsdorf
Eugen Brysch: "Auch die Feuerwehr darf Wasser beschlagnahmen, wenn ein Brand gelöscht werden muss"

Eugen Brysch: "Auch die Feuerwehr darf Wasser beschlagnahmen, wenn ein Brand gelöscht werden muss"

Foto: Rainer Droese/ imago images/ localpic

Die vielen Todesnachrichten aus deutschen Alten- und Pflegeheimen aufgrund des Coronavirus sorgen derzeit bundesweit für Entsetzen. Die Situation ist nicht nur für die Heimbewohner selbst, sondern auch für die Mitarbeiter und Angehörigen extrem belastend.

Eugen Brysch, 57, ist seit 25 Jahren Vorsitzender der gemeinnützigen Stiftung Patientenschutz mit Sitz in Dortmund. Die Einrichtung versteht sich als Interessenvertretung schwerstkranker, pflegebedürftiger und sterbender Menschen und will deren Situation verbessern.

SPIEGEL: Mindestens 17 Patienten sind in einem Wolfsburger Pflegeheim an Corona gestorben. Nun gibt es in Niedersachsen einen Aufnahmestopp für alle Pflegeheime. Wird das helfen?

Brysch: Das ist ein Schritt der Hilflosigkeit. Denn damit wird das Grundproblem ja nicht gelöst. Die Not wird einfach in die Familien zurückverlagert, die nun sehen müssen, wie sie mit einem pflegebedürftigen Angehörigen ohne Pflegeheim klarkommen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: Alte Menschen gelten als Hochrisikogruppe und müssen vor dem Virus besonders geschützt werden. Inzwischen sind aber schon 60 bis 70 Menschen in Pflegeinrichtungen gestorben. Entwickeln sich die Heime zu Todesfallen?

Brysch: Das sieht leider so aus und kann sich zu einem Flächenbrand entwickeln. Das liegt auch daran, dass sich die Politik darauf konzentriert hat, die Krankenhäuser fit zu machen, statt sich um den Schutz der Risikogruppen zu Hause beziehungsweise in den Pflegeheimen zu kümmern. Das rächt sich jetzt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: Was ist falsch gelaufen?

Brysch: Es gibt seit vielen Jahren Pläne, Handreichungen und Risikoanalysen für eine solche Pandemie. Darin steht nicht nur, welche Menschen besonders geschützt werden müssen, sondern auch wie. Jetzt sehen wir, dass die Fürsorgepflicht für die Alten nicht ernst genommen worden ist.

SPIEGEL: Was kritisieren Sie konkret?

Brysch: Die Strategie, die Heimbewohner grundsätzlich nicht zu testen, war falsch. Das muss sich jetzt ändern. Wir brauchen Tests, sowohl bei der Aufnahme in ein Heim als auch bei Bewohnern und Pflegepersonal, wenn Grippesymptome auftauchen. Bis zum Vorliegen des Ergebnisses muss streng isoliert werden.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Wie steht es um die Schutzausrüstungen?

Brysch: Das ist der größte Skandal. Es gibt trotz der Pandemiepläne keine Vorräte in den Alten- und Pflegeheimen. Die Preise auf dem Markt sind schon um das Hundertfache gestiegen, das kann sich keine Einrichtung mehr leisten. Die Maßnahmen, die getroffen wurden, also die Schließung von Kitas, Schulen, Geschäften, sollen doch angeblich dazu dienen, die sechs Millionen der besonders Gefährdeten - also Alte und chronisch Kranke - zu schützen. So wurde uns das von den Politikern gesagt. Doch wieso tun die Verantwortlichen dann für diese Risikogruppe konkret kaum etwas? Ich mache mal eine Rechnung auf: Die gesamten Corona-Maßnahmen in Deutschland sollen den Staat angeblich 750 Milliarden Euro kosten. Da kommen also rechnerisch auf jeden Vertreter der Risikogruppe 125.000 Euro. Ich bezweifle, dass das Geld so richtig eingesetzt wird.

SPIEGEL: Wie steht es um die Seniorinnen und Senioren, die von ambulanten Pflegekräften betreut werden?

Brysch: Da geht die Kaskade der Verantwortungslosigkeit weiter. Es gibt ambulante Pflegedienste, die Senioren auch jetzt noch komplett ohne Schutzausrüstung besuchen, einfach weil sie keine zur Verfügung haben. Das ist wie Russisch-Roulette. Manche Angehörigen bestellen inzwischen sogar den Pflegedienst ab, weil ihnen das zu riskant ist. Nicht besser sieht es mit den Hunderttausenden osteuropäischen Pflegekräften aus, die oft illegal hier sind und damit völlig unter dem Radar bleiben oder Hals über Kopf abreisen.

SPIEGEL: Die Krankenkassen haben einen Pflegerettungsschirm angekündigt. Mehrkosten für Schutzausrüstung und Personal werden von der Pflegeversicherung übernommen. Ein richtiger Schritt?

Brysch: Das hört sich super an. Aber was wir brauchen, ist nicht Geld, sondern Personal und Schutzausrüstungen. Darum kümmert sich aber weder ein Minister Spahn noch die Landesminister. Es ist aber Aufgabe der Exekutive, das zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen.

SPIEGEL: Zurzeit wird schon wieder über einen baldigen Ausstieg aus dem Lockdown diskutiert. Wie könnten dann die Risikogruppen noch geschützt werden?

Brysch: Dazu müsste man endlich mal das machen, was seit Monaten überfällig ist. Wir brauchen auf jeder kommunalen Ebene eine Taskforce, in der Krankenhausärzte, niedergelassene Mediziner und Pflegekräfte zusammenarbeiten. Diese Teams müssen dahin, wo es am meisten brennt. Wir brauchen viel engmaschigere Tests. Und wir brauchen ausreichend Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. Notfalls muss der Staat diese beschlagnahmen. Wo ist das Problem? Auch die Feuerwehr darf Wasser beschlagnahmen, wenn ein Brand gelöscht werden muss.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.