Corona in Wolfsburger Pflegeheim Trauer und Kampf

In einem Wolfsburger Heim für Demente hat sich fast die Hälfte der Bewohner mit dem Coronavirus infiziert. Während Angehörige aus der Ferne die ersten Toten betrauern, kämpft die Belegschaft um jedes Leben.
Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg: Vier Infizierte seien im Klinikum Wolfsburg untergebracht, zwei auf der Intensivstation

Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg: Vier Infizierte seien im Klinikum Wolfsburg untergebracht, zwei auf der Intensivstation

Foto: Ole Spata/ dpa

Die Bewohner des Hanns-Lilje-Heims verstehen nicht, warum sie ihren Wohnbereich oder ihre Zimmer nicht mehr verlassen dürfen. Warum sie ihr Frühstück jetzt ohne die ihnen vertraute Begleitperson einnehmen sollen. Warum manche von ihnen bald ins Obergeschoss des Heims ziehen sollen.

Die 165 Menschen, die in dem Pflegeheim im niedersächsischen Wolfsburg leben, sind alle mehr oder weniger dement. Es ist schwierig, ihnen zu erklären, dass die Heimleitung gerade alles versucht, um ihre Leben zu schützen.

Dass es Corona-Fälle im Hanns-Lilje-Heim gibt, war schon länger bekannt, die regionale Presse berichtet seit dem vergangenen Wochenende  darüber. Seit diesem Samstagabend bekommt der Fall bundesweit Beachtung: Denn das Ausmaß der Infektion ist weit größer als befürchtet. Fast die Hälfte der Heimbewohner wurde inzwischen positiv auf Corona getestet.

Mindestens 72 alte Menschen seien infiziert, sagte der Leiter des Wolfsburger Gesundheitsamts, Friedrich Habermann. Vier seien im Klinikum Wolfsburg untergebracht, zwei auf der Intensivstation.

Zwölf Bewohner des Hanns-Lilje-Heims sind bereits an den Folgen des Virus gestorben, manche noch bevor man sie ins Krankenhaus bringen konnte. Ein letztes Mal sehen konnten Angehörige die Toten nicht, Besucher dürfen das Heim nicht mehr betreten. Ob alle anderen Infizierten die Krankheit überstehen, ist fraglich.

"Es tut uns unendlich leid"

"Es tut uns unendlich leid, und wir versuchen alles, um die anderen Menschen noch zu schützen", sagte Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD).

Das Hanns-Lilje-Heim dürfte, neben einem Würzburger Altenheim, bislang am schwersten von der Corona-Pandemie betroffen sein. Und doch zeigt sich dort nur, was weiteren Einrichtungen womöglich bevorsteht: Alten- und Pflegeheime in Deutschland sind dem Virus bislang bedenklich schutzlos ausgeliefert - auch weil das Krisenmanagement der Behörden lückenhaft wirkt .

Atemschutzmasken für Pfleger zum Beispiel sind bisher vielerorts kaum zu bekommen - obwohl das Robert Koch-Institut Pflegern dringend empfiehlt, solche zu tragen. Auch prophylaktische Tests werden bislang kaum in Alten- und Pflegeheimen durchgeführt. Dabei zeigen gerade stark infektiöse Menschen teils kaum Symptome, und gerade alte Menschen haben ein besonders hohes Risiko, an den Folgen des Coronavirus zu sterben.

Im Hanns-Lilje-Heim hätten Masken und Tests vielleicht Leben retten können. Alle anderen Vorsichtsmaßnahmen scheinen jedenfalls wenig gebracht zu haben.

Heimleiter Torsten Juch: Strenge Maßnahmen seit dem 13. März

Heimleiter Torsten Juch: Strenge Maßnahmen seit dem 13. März

Foto: Ole Spata/ dpa

Bereits seit dem 13. März hätten in dem Heim strenge Sicherheitsregeln gegolten, sagte Heimleiter Torsten Juch der "Bild"-Zeitung. Außer Bewohnern und Pflegern hätte seitdem niemand mehr das Haus betreten dürfen. Man habe sich früh abgeschottet - lange bevor die Bundesregierung begann, das öffentliche Leben einzuschränken. Geholfen hat das offenbar wenig.

Die Politik wirkt beim Schutz der Heime bislang ziemlich ratlos. Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) beteuerte, Seniorinnen und Senioren müssten besonders geschützt werden. Niedersachsens Gesundheitsstaatssekretär Heiger Scholz (SPD) sagte, die Erfahrung mit früheren Pandemien zeige, dass das Virus gerade in Pflegeheimen regelrecht von Zimmer zu Zimmer springe, wenn es einmal den Weg hineingefunden habe.

Vorschläge, wie man ähnliche Vorfälle in anderen Heimen besser verhindern kann, machten beide nicht.

Foto: Ole Spata/ dpa

Die Leitung des Hanns-Lilje-Heims sagt, das Virus konnte sich vor allem deshalb so stark verbreiten, weil manche Erkrankten überhaupt keine Symptome zeigten. Man wolle die noch gesunden Bewohner nun besonders schützen.

Die obere Etage des Hauses wird derzeit desinfiziert, sagte Juch. Wer noch nicht erkrankt sei, solle rasch dorthin umziehen und sicherheitshalber alle drei Tage erneut auf Corona getestet werden. Spezielle Schleusen sollen verhindern, dass Menschen aus den getrennten Bereichen aufeinandertreffen.

Kurzzeitig sei auch darüber nachgedacht worden, ein Wolfsburger Hotel für die Pflegepatienten umzurüsten, sagte Juch. Doch den Plan habe man rasch wieder verworfen, weil bei Dementen jegliche Form der Veränderung Irritationen und Ängste auslöse. "Eine Evakuierung hätte eine Verschlechterung der Demenzerkrankungen zur Folge gehabt."

Ob sich das Virus noch aufhalten lässt, scheint fraglich. Und ob Besuchsverbote allein andere Heime wirklich schützen können, ist ebenso zweifelhaft. Manche Heimleitungen dürften sich mittlerweile fragen, warum sie eigentlich so schwer an Atemmasken kommen - und an prophylaktische Tests.