Solidarität in Zeiten von Corona Die lieben Nachbarn

Einkaufshilfen, Fahrradkuriere, Krisen-Hotlines: Viele Menschen zeigen sich solidarisch und helfen Menschen, die sich in die häusliche Isolation zurückgezogen haben. Die Angebote nehmen täglich zu.
Einkaufshilfe unter Nachbarn: Die Solidarität, die gerade aufkommt, gibt vielen Hoffnung.

Einkaufshilfe unter Nachbarn: Die Solidarität, die gerade aufkommt, gibt vielen Hoffnung.

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Roland Weihrauch/ dpa

Die Welt von Karin Grade wurde in den vergangenen Tagen immer kleiner. Vor zwei Wochen sagte sie die erste Feier ab, eine türkische Hochzeit, mehrere Hundert Gäste, das war ihr zu riskant. Und so blieb sie zu Hause.

Vor wenigen Tagen lehnte sie ein Treffen bei Nachbarn ab. Viele Kinder wären da gekommen, auch das: zu riskant.

Und seit dieser Woche versucht Karin Grade, ihre Wohnung nicht mehr zu verlassen. Kein Gang mehr zur Sparkasse, zur Apotheke, zum Supermarkt. Auch die Physiotherapie hat sie abgesagt.

Grade ist 67 Jahre alt, Diabetikerin. Sie gehört damit zur Risikogruppe und gilt als besonders anfällig, an der Lungenkrankheit Covid-19 zu erkranken. Die beste Prävention: zu Hause bleiben. Und möglichst viel Abstand zu anderen Menschen halten.

Das Leben ist leiser geworden

Karin Grade lebt allein in Schwerte, einer Kleinstadt bei Dortmund, Nordrhein-Westfalen. Ihre Wohnung liegt in einer Stichstraße, dreieinhalb Zimmer, Balkon, ein Glück in diesen Tagen. So erzählt sie es am Telefon. Das Leben um sie herum ist in den vergangenen Tagen leiser geworden. Die Schule und der Kindergarten hinter ihrem Haus sind geschlossen, auf einer Baustelle ruht die Arbeit. Doch der Alltag muss weitergehen, irgendwie.

Die ersten Hilfsangebote las sie am Wochenende im Internet. Auf der Nachbarschaftsbörse nebenan.de  schrieb eine Frau, sie würde größere Mengen Suppen oder Eintöpfe kochen und die gern mit Menschen teilen. Ein Mann bot an, Einkäufe für diejenigen zu erledigen, die über 65 Jahre alt sind oder ein schwaches Immunsystem haben.

Solidarität gibt vielen Hoffnung 

Anfangs dachte Grade, sie komme allein zurecht. Doch sie brauchte Insulin. Für den Weg zum Arzt muss sie mit dem Bus fahren. Im Wartezimmer warten. Danach in die Apotheke gehen. Überall Menschen, überall Kontakte. Sie schrieb den Mann auf nebenan.de an. Kurze Zeit später gab sie ihm ihre Versichertenkarte und eine Vollmacht für den Arzt mit. Außerdem einen Einkaufszettel.

Auch wenn es vielleicht zunächst merkwürdig klingt, in einer solchen Krise, in der Menschen leiden und sterben, nach dem Guten zu suchen: Die Solidarität, die gerade aufkommt, gibt vielen Hoffnung.

Klickt man sich in diesen Tagen durch soziale Medien oder Plattformen wie nebenan.de, reihen sich Solidaritätsaufrufe und Hilfsangebote aneinander, es sind Tausende. Nutzer wie die Wienerin Sabine Beck posten Fotos handgeschriebener Zettel, die sie bei sich im Treppenhaus aufgehängt haben. Auf ihnen bieten sie Menschen der Risikogruppe an, Besorgungen für zu erledigen.

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Allein Becks Post wurde über 1300-mal auf Twitter geteilt, unter anderem von Bundesaußenminister Heiko Maas. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bat die Bürger, "aufeinander Acht zu geben". Und auch Kanzlerin Angela Merkel appellierte in Ihrer Fernsehansprache an die Nation an das Verantwortungsbewusstsein der Menschen im Land und lobte die zahlreichen Nachbarschaftshilfen. (Sehen Sie hier die ganze Rede im Video.)

Auf der Plattform nebenan.de registrierten sich seit vergangenem Sonntag fünfmal so viele Menschen wie üblich. Seitdem sind 30 Prozent mehr Nutzer aktiv, teilte das Onlineforum mit. Auf Twitter und Instagram posten Tausende unter Hashtags wie #nachbarschaftschallenge oder #coronahilfe ihre Hilfsangebote. Auf Facebook bilden sich neue Gruppen wie "Coronahilfe Hamburg" oder "Solidarität statt Hamsterkäufe - Corona Support Magdeburg".

Auf Internetseiten wie lasshelfen.de können Menschen Aushänge für das Treppenhaus erstellen, um ihre Hilfe anzubieten. Überall Schlaglichter der Solidarität.

Babysitter für Krankenhausmitarbeiter 

Der 15-jährige Schüler Noah Adler hat fast über Nacht eine Plattform aufgebaut, die Hilfsangebote in Berlin sammelt: coronaport.net. Mitbürger können sich in eine Tabelle eintragen, dazu ihren Stadtteil, die Handynummer, Mailadresse, und wobei sie unterstützen könnten. Innerhalb weniger Tage sammelten sich hier mehr als 1500 Kontakte. Adler weitet die Plattform jetzt auf alle Bundesländer aus.

Das Unternehmen Yoopies, nach eigenen Angaben eine der größten Kinderbetreuungsplattformen in Europa, vermittelt Freiwillige, die sich um Kinder von Krankenhausmitarbeitern kümmern können. In Frankreich registrierten sich laut einer Mitteilung des Unternehmens innerhalb weniger Stunden 1000 Babysitter.

Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz bieten online eine Einkaufshilfe  an. Die Junge Union hat die Initiative Einkaufshelden  ins Leben gerufen. Außerdem gibt es viele lokale Initiativen: In Bielefeld und Paderborn haben sich inzwischen mehr als 150 Freiwillige beim sogenannten Lokalportal  registriert. In Erfurt haben Studenten einen kostenfreien Fahrradkurierdienst für Menschen in häuslicher Quarantäne gegründet: Sie erledigen Einkäufe, holen Medikamente oder bringen Postsendungen weg.

Die Hilfsangebote sind da. Und doch stehen Menschen an vielen Orten vor einem Problem: Wie schaffen sie es, dass jene, die Unterstützung brauchen, auch davon erfahren? Gerade ältere Menschen zählen zur Risikogruppe. Nicht alle von ihnen sind im Internet unterwegs, oder haben Kinder oder Enkelkinder, die sie dabei unterstützen können.

Die Seite gemeinschaft.online hat inzwischen eine Hotline gestartet: 07172-9340048. Mehr als hundert Helfer haben die Hotline in vier Tagen aufgebaut. 200 Leitungen stehen 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Die Angaben werden von einem Computer aufgenommen. Eine freundliche, männliche Stimme spricht zu den Anrufern und sagt: "Wir vermitteln Ihnen Menschen aus Ihrer Nähe, die Hilfe anbieten oder Ihnen am Telefon einfach mal zuhören." Danach soll man die Postleitzahl eingeben. Die Gesuche werden anschließend auf der Plattform nebenan.de hochgeladen.

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Nebenan.de will zudem am Freitag eine weitere Telefonnummer veröffentlichen, unter der sich bundesweit Suchende melden können. "In den vergangenen Tagen haben uns weitaus mehr Hilfsangebote erreicht als abgefragt werden", sagt Christian Vollmann, Mitgründer der Plattform. Da jedoch einige Millionen Menschen in Deutschland durch das Coronavirus gefährdet sein dürften, müsste die Nachfrage stärker gesammelt werden. "Wir haben schon Angehörige, die sich bei uns melden. Jetzt wollen wir die Zielgruppe direkt erreichen", sagt Vollmann. Dabei solle die Telefonnummer helfen. Eine Übersicht über die Hilfsangebote findet man auf nebenan.de/corona.

Bei den Anrufen beider Hotlines wird erfasst, wer wo welche Hilfe anfragt. Im Anschluss werden die Aufrufe auf der Plattform nebenan.de gepostet. Der Vorteil: Im Gegensatz zu den meisten sozialen Netzwerken sind die Nutzer hier verifiziert, die Einträge sind zudem nur für die Menschen im gleichen Stadtteil oder angrenzenden Gebieten sichtbar. Das bietet eine gewisse Sicherheit, mit echten Menschen zu schreiben - und gibt älteren Menschen mehr Vertrauen, die Seite auch zu nutzen.

Vorsicht ist offenbar durchaus angebracht. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg warnt bereits,  dass Kriminelle die Hilflosigkeit vieler Menschen in der Coronakrise ausnutzen, um mit neuen Enkeltrick-Maschen gezielt ältere Leute um Geld und Wertgegenstände zu erleichtern. Oft geben sich die Betrüger am Telefon als erkrankte Angehörige aus, die nun finanzielle Unterstützung bräuchten. (Lesen Sie hier mehr über diese Methode)

Und dennoch finden nicht alle die Hilfe, die sie bräuchten.

Kontakt zu anderen meiden

Vor einigen Tagen las Christine Brunsch auf nebenan.de den Aufruf einer Masterstudentin. Die bot an, sich um Kinder in der Nachbarschaft zu kümmern, die aufgrund der Schul- und Kitaschließungen nun zu Hause sind. Brunsch, 41, lebt mit ihrer Familie in Kassel. Sie hat drei Kinder: vier, sieben und neun Jahre alt. Gerade ist sie in Elternzeit zu Hause.

Brunsch dankte der Studentin und schrieb, sie werde vielleicht auf das Angebot zurückkommen. "Es wäre eine gute Betreuungslösung für mein jüngstes Kind gewesen", sagt sie. Während der paar Stunden hätte sie mit den älteren, schon schulpflichtigen Kindern die Hausaufgaben machen können. Ihr Mann fährt noch tagsüber zur Arbeit.

Doch dann begann Brunsch zu grübeln. Eigentlich hatte sie mit vier anderen Müttern eine Corona-Nothilfe-Betreuung geplant. Doch nach und nach zogen sich die Frauen zurück. Sie wollten die Kontakte zu anderen so weit es ging vermeiden. Eine Kindergruppe hätten den gegenteiligen Effekt ausgelöst.

Brunsch versteht das Dilemma. "Einerseits wollen wir einander helfen, andererseits sollen wir andere meiden", sagt sie. Auch das Angebot der Studentin schien ihr nicht mehr ideal zu sein. Was, wenn auch andere Kinder dahin kommen? Und zu wem hatte die Studentin vorher Kontakt? Am Ende war da zu viel Ungewissheit. Brunsch sagt, sie müsse jetzt schauen, wie sie das allein stemmen könne: zwei Kinder beschulen und sich um eines noch kümmern.

Eine perfekte Lösung gibt es in diesen Zeiten wohl nicht.