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Alleinerziehende in Corona-Zeiten Wer kümmert sich im Notfall um das Kind?

Wer nimmt den Nachwuchs, wenn coronakranke Single-Eltern notfallmäßig ins Krankenhaus müssen? Betroffene befürchten, dass die Behörden auf diesen Fall nicht vorbereitet sind.
aus DER SPIEGEL 15/2020
Ein ernsthaftes Problem: Wer übernimmt die Betreuung von Kindern alleinerziehender Eltern, die schwer an Corona erkrankt sind?

Ein ernsthaftes Problem: Wer übernimmt die Betreuung von Kindern alleinerziehender Eltern, die schwer an Corona erkrankt sind?

Foto: Ute Grabowsky/photothek.net / imago images/photothek

Die Berlinerin Maria Z., 50, Mutter einer Sechsjährigen, hat Angst. "Wenn ich an Corona erkranke und plötzlich ins Krankenhaus muss, wer nimmt dann meine Tochter?" Ihre Mutter kommt jetzt nicht über die Grenze: Sie lebt in Italien. Zum Vater des Kindes hat die Journalistin keinen Kontakt. Schon früher, wenn sie bei einer Grippe hohes Fieber gehabt habe, sei wegen der Ansteckungsgefahr niemand gekommen, um sie und das Kind zu versorgen. "Das Problem ist jetzt viel gravierender: Wenn ich notfallmäßig in die Klinik müsste, trüge meine Tochter wahrscheinlich auch schon das für jeden Betreuer potenziell tödliche Virus."

Maria und viele andere haben sich mit ihrer Sorge an den Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter (VAMV) gewandt. Der Verband fordert dringend Notfallpläne für die Betreuung von Kindern alleinerziehender Eltern, die schwer an Corona erkrankt sind. "Wenn eine Alleinerziehende unverzüglich ins Krankenhaus muss, haben wir ein ernsthaftes Problem", sagt die VAMV-Vorsitzende Daniela Jaspers, "insbesondere wenn kein Kontakt mehr zum anderen Elternteil besteht." Fast ein Fünftel aller alleinerziehenden Mütter haben keinen Kontakt zum Vater des Kindes, wie eine Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2017 zeigt.

Inobhutnahme seitens der Jugendämter

Vom SPIEGEL stichprobenartig befragte Bundesländer wirken wenig vorbereitet. Bayern, Hamburg, Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein verweisen darauf, dass in solchen Fällen etwa eine "Inobhutnahme" seitens der Jugendämter in den dafür zuständigen Kommunen infrage käme. Dabei werden Kinder in der Regel von Erziehern oder in Pflegefamilien betreut. Nicht zu bedenken scheinen Behörden, dass diese Kinder selbst mit Covid-19 infiziert sein könnten. "Zudem wären kleine Kinder völlig verstört, wenn sie plötzlich von einer Mutter getrennt würden, die vielleicht schon seit Tagen Fieber hat", sagt Jaspers, "das ist ein ganz anderes Szenario, als wenn bei der typischen Inobhutnahme ein vernachlässigtes Kind geborgen wird."

In Berlin, mit rund 100.000 Alleinerziehenden auch Hauptstadt der Single-Eltern, antwortete die Senatsverwaltung für Familie: "Eine solche Konstellation ist hier bisher nicht bekannt." Je nach Lage der Dinge, hieß es weiter, würden die Kinder wohl selbst in der Quarantänestation eines Krankenhauses behandelt, oder aber es würden Maßnahmen der "Hilfen zur Erziehung" greifen. Auf mehrere Bitten um Konkretisierung hin wurde auf die Senatsverwaltung für Gesundheit verwiesen. Doch reagierte diese auf zwei SPIEGEL-Anfragen dazu mehr als 48 Stunden lang nicht. Hamburgs Sozialbehörde schreibt, "dass in dem hypothetischen dargestellten Szenario üblicherweise auf Unterstützung aus dem familiären oder räumlichen Umfeld zurückgegriffen würde". Neben Verwandten würden beispielsweise Bekannte und Nachbarn infrage kommen.

Sorge um das Kindeswohl

Thorsten Claus, 42, alleinerziehender Vater mit alleinigem Sorgerecht, findet diese Vorstellung befremdlich. Als der Lockdown begann, ist er mit schlechtem Gewissen mit seiner zweijährigen Tochter aus Berlin zu seinen Eltern nach Westfalen gefahren. "Eigentlich sind doch alle angehalten, Großeltern vor dem Ansteckungsrisiko zu bewahren", sagt Claus. Sobald die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben werden, will der Blogger  mit seinem Kind wieder nach Berlin. Doch auch er macht sich Sorgen, was wäre, wenn er in der Großstadt im Fall einer Ansteckung vom Quarantänefall zum Notfall würde. "In dem Fall hätte ich weder Zeit, noch schnell zu meinen Eltern zu fahren, noch würde ich ihnen oder Freunden das Risiko zumuten wollen, meine infizierte Tochter zu nehmen."

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Einzig der Stadtstaat Bremen scheint vorbereitet auf dieses Szenario. Dort seien Mitarbeiter der Inobhutnahme bereits "für Infektionsschutzaspekte" geschult. "Summarisch gilt", so ein Sprecher des Bremer Sozialsenats: "In der Abwägung rangiert die Sorge um das Kindeswohl bei einem ansonsten unversorgten Säugling oder Kleinkind höher als die Sorge vor einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus".

Bedingungsloses Grundeinkommen für Alleinerziehende?

Alleinerziehende treiben derzeit auch andere existenzielle Sorgen um. Die Initiative Fair für Kinder (FFK) sowie die Mütterinitiative für Alleinerziehende rufen in einem offenen Brief die SPD-Bundesminister Hubertus Heil und Olaf Scholz dazu auf, Alleinerziehenden während der Dauer der Pandemie ein bedingungsloses Grundeinkommen auszuzahlen, ein "Krisen-BGE plus". Betroffene Mütter und Väter sollten zusätzlich zu einem von einer Bundestagspetition geforderten 1000-Euro-Grundeinkommen 200 Euro für jedes ihrer Kinder monatlich erhalten, fordern die Initiativen.

Denn diese Gruppe habe schon in normalen Zeiten das höchste Armutsrisiko in Deutschland und sei von den coronabedingten Belastungen besonders stark betroffen. Der Brief kann auf der Website der Initiative  zum Selbstversand abgerufen werden. Zentraler Appell: "Wir fordern jetzt hier und heute von Ihnen einen Notplan für Alleinerziehende!"

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