Covid-19 Warum Deutschland italienische Patienten aufnimmt

Wie passt es zusammen, dass Deutschland zum einen seine Krankenhauskapazitäten aufstockt - und zum anderen Covid-19-Patienten aus dem Ausland aufnimmt? Die wichtigsten Antworten im Überblick.
Ein an Covid-19 erkrankter Franzose wird in einen deutschen Hubschrauber geladen

Ein an Covid-19 erkrankter Franzose wird in einen deutschen Hubschrauber geladen

Foto: Jean-Christophe Verhaegen/ DPA

Wenn wir wissen wollen, was in ein paar Wochen auf deutsche Krankenhäuser zukommen könnte, brauchen wir nur einen Blick nach Italien zu werfen: Das Gesundheitssystem im Norden des Landes ist überlastet, das medizinische Personal teilweise am Ende seiner Kräfte, traumatisiert angesichts der Covid-19-Pandemie, die Italien mit voller Wucht trifft.

Mehr als 86.000 Menschen sind nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität in Italien inzwischen an Covid-19 erkrankt. Mehr als 9100 Menschen sind bisher gestorben, das sind mehr als in China. Bilder von Militärfahrzeugen, die Särge transportieren, gingen um die Welt und veranschaulichen eine Katastrophe, wie man sie noch vor ein paar Monaten in Europa für undenkbar gehalten hätte. In den kommenden Wochen ist außerdem damit zu rechnen, dass sich das Problem verlagert und die Epidemie den medizinisch nicht so gut aufgestellten Süden Italiens erreicht.

Ob es in Deutschland genauso kommen wird, kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Noch ist die Pandemie hierzulande erst am Anfang, die Zahl der schwer an Covid-19 erkrankten Menschen noch relativ gering. Das gibt den Kliniken die Möglichkeit, dort auszuhelfen, wo die Kapazitäten längst völlig erschöpft sind: Italien und Teile des ebenfalls schwer betroffenen Frankreichs können vielen Patienten bereits keine Intensivbehandlung mehr anbieten.

Inzwischen haben mehrere deutsche Bundesländer Notfallpatienten aus den beiden Nachbarländern aufgenommen, die beatmet werden müssen. Dabei bauen die deutschen Kliniken eigentlich momentan ihre Kapazitäten immer weiter aus, um sich hierzulande auf eine hohe Fallzahl von schwer Erkrankten vorzubereiten. Belegen nun Covid-19-Patienten aus dem Ausland dringend benötigte Intensivbetten in Deutschland? Die wichtigsten Antworten im Überblick:

Wie viele Covid-19-Patienten hat Deutschland aus dem Ausland aufgenommen?

Inzwischen hätten deutsche Kliniken insgesamt 63 Plätze für Intensivpatienten angeboten, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD)  der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera". "Das sind 63 Menschenleben, die wir zu retten versuchen." Am Freitag sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts, dass Bundesländer und Städte insgesamt 123 Corona-Intensivpatienten aufnehmen wollen.

Der Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (CDU), sagte, er habe angeboten, zunächst zehn Patienten aufzunehmen. Die Auswahl der Patienten erfolge durch die italienischen und französischen Ärzte, sagte ein Sprecher der NRW-Landesregierung dem SPIEGEL. Es gebe eine enge Absprache mit den deutschen Kliniken, die sich zur Aufnahme bereit erklärt haben, welche medizinischen Voraussetzungen in Deutschland vor Ort verfügbar seien. Danach würden die Patienten ausgewählt. "Um Engpässe zu vermeiden, wird die Aufnahme hier in Nordrhein-Westfalen auf mehrere Kliniken verteilt", so der Sprecher.

Auch Bayern wolle schwer kranke Italiener zur Behandlung aufnehmen, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CDU) am Dienstag: "Wir wollen auch da ein Signal der Humanität setzen." Wie viele Menschen aufgenommen werden sollen, konnte Söder noch nicht sagen. Die konkrete Umsetzung müsse noch diskutiert werden.

Sachsen nimmt sechs Patienten aus Italien auf. Ministerpräsident Michael Kretschmer mahnte im Nachrichtendienst Twitter: "Unsere Solidarität endet nicht an Landesgrenzen."

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Das Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben bereits akute Beatmungspatienten aus dem Nachbarland Frankreich aufgenommen. Die Krankenhäuser im Südwesten wurden dem "Ärzteblatt" zufolge  gebeten, freie Beatmungsbetten zu melden. Die Kliniken sollten aber nicht selbst in Not geraten, sagte demnach ein Regierungssprecher. "In einer Krise ist Solidarität gefragt - aber im Rahmen des Möglichen."

Hessen hat ebenfalls 14 schwer kranke Corona-Patienten aus Italien und Frankreich aufgenommen. "In der Krise stehen wir zusammen", sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) der "Hessenschau"  zufolge. Auch Berlin, Brandenburg, Hamburg und Niedersachsen planen eine Aufnahme von Patienten. Thüringen kündigte an, ein Team der Universitätsklinik Jena zur Versorgung von Covid-19-Patienten nach Italien zu schicken.

Warum nimmt Deutschland Patienten aus Italien und Frankreich auf?

"Sich gegenseitig in Europa zu helfen, sollte eine Selbstverständlichkeit für uns alle sein. Es muss jetzt heißen: einer für alle, alle für einen", schrieb der Außenminister auf Twitter.

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Derzeit bereiten sich die deutschen Krankenhäuser auf eine große Anzahl von Covid-19-Patienten und mögliche Engpässe vor. Um die Kapazitäten zu erhöhen, verschieben Krankenhäuser nicht dringliche Operationen, schulen mehr Personal im Umgang mit Beatmungsgeräten und versuchen, ihre Bestände an Schutzkleidung aufzustocken.

"Es ist ein Gebot der Stunde, jetzt auch Covid-19-Erkrankten aus dem Ausland zu helfen, solange wir ausreichend Behandlungsmöglichkeiten haben", sagt Uwe Janssens, Chefarzt und Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). "Wir haben die Möglichkeit zu helfen, und das tun wir natürlich." Viele Kliniken hätten bisher noch nicht einen Patienten mit Covid-19 in Behandlung.

Ein Beispiel: In Hamburg etwa werden derzeit nach Senatsangaben 31 Personen intensivmedizinisch wegen einer Erkrankung mit Covid-19 betreut. Zugleich haben Hamburgs Krankenhäuser mehr als 600 Intensivbetten, und das ohne die Kapazitäten, die noch aufgebaut werden könnten.

"Wir wissen, dass in einigen europäischen Ländern wie Italien, Teilen Frankreichs und Spanien die Intensivkapazitäten völlig ausgeschöpft sind", sagte ein Sprecher des Klinikkonzerns Asklepios dem SPIEGEL. "Die Kliniken sind dort oft nicht mehr in der Lage, weitere beatmungspflichtige Patienten aufzunehmen." Die Hamburger Kliniken seien noch in einer Phase, in der nicht so viele Intensivbetten belegt seien. "Das ist ein Akt der Menschlichkeit und der Solidarität", sagte der Sprecher. Das Unternehmen habe am Standort Kandel bereits drei Covid-19-Patienten aus Straßburg aufgenommen. Aktuell gebe es eine Anfrage aus Italien, ob Asklepios zehn Patienten aufnehmen könnte. "Wir haben das zugesagt."

Sachsens Innenminister Roland Wöller nannte am Dienstag einen weiteren Grund, warum die Behandlung von Covid-19-Patienten aus dem Ausland für die deutschen Krankenhäuser hilfreich sein könnte: Ärzte und Virologen könnten bei der Behandlung der Patienten aus Italien Erfahrungen und nötiges Wissen sammeln für den Kampf gegen das Virus in Sachsen, sagte er.

Belegen die aufgenommenen Patienten Intensivbetten, die bei der Behandlung von deutschen Patienten fehlen?

Deutschlandweit gibt es 28.000 Intensivbetten, 20.000 davon mit Beatmungsmöglichkeit. Rund 5000 weitere Betten könnten aus jetziger Sicht innerhalb von 24 Stunden zusätzlich bereitstehen, hat die DIVI erfasst.

Noch ist die Zahl der schwer erkrankten Patienten in Deutschland überschaubar: Rund 940 Covid-19-Patienten liegen laut dem Intensivregister  der DIVI auf Intensivstationen, mehr als 640 müssen beatmet werden - die Kapazitäten reichen also aus, um alle kritisch Erkrankten zu versorgen. In dem Register sind aktuell noch nicht alle deutschen Kliniken mit Intensivstationen gemeldet, die tatsächliche Anzahl der Patienten dürfte also höher liegen.

Dennoch: "Wir können anhand unseres neuen Registers für Intensivbetten recht gut erkennen, wann die Kapazitäten knapp werden", sagt DIVI-Präsident Janssens. Dann könne man entsprechend reagieren.

Experten zufolge wird es in Deutschland erst Mitte April zu einer großen Anzahl an deutschen Patienten kommen, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigen. Deutschland hat zudem den Ausbruch des Virus frühzeitiger erkannt als Italien und konnte daher frühzeitiger handeln. Während Italien erst durch die auftretenden Todesfälle davon überrascht wurde, dass das Virus bereits im Land kursiert, hat das deutsche Gesundheitssystem Zeit gewonnen, sich vorzubereiten.

Mit Material von dpa und AFP
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