Coronakrise ohne Krankenversicherung "Im schlimmsten Fall tödlich"

In Deutschland leben Hunderttausende Menschen, die keine gültige Aufenthaltsgenehmigung besitzen - und oft auch keine Krankenversicherung. Durch Corona wird es für sie noch schwieriger, im Notfall medizinische Hilfe zu bekommen.
Von Mohamed Amjahid
Krankenhausbetten (in Berlin): "Der Zugang zu Coronatests darf nicht am Versicherungsschutz scheitern"

Krankenhausbetten (in Berlin): "Der Zugang zu Coronatests darf nicht am Versicherungsschutz scheitern"

Foto: Kay Nietfeld/ DPA

Priscilla Bèye sagt am Telefon, dass sie stechende Schmerzen im ganzen Körper habe. Die 30-Jährige ist aufgeregt, sie spricht mit leiser, gebrochener Stimme. Ein Bekannter sitzt neben ihr in ihrem Zimmer in einem Berliner Randbezirk. Man hört seine Stimme, "doucement, s'il te plaît", beschwichtigt er auf Französisch: "Sachte, bitte."

Seit drei Tagen versucht Priscilla Bèye in der Hauptstadt ein Krankenhaus zu finden, in dem sie behandelt werden könnte. Bislang vergeblich. Am Dienstagmorgen, so erzählt sie, sei sie in die Notaufnahme des Sankt Gertrauden-Krankenhauses in Berlin-Wilmersdorf gegangen. Am Empfang habe sie ein Formular vorgelegt, das ihr ein Arzt ausgestellt hatte, der bei einer Hilfsorganisation arbeitet. Auf dem Zettel war vermerkt, dass die Entzündungswerte in ihrem Blut gefährlich hoch seien und sie als Notfall behandelt werden müsse. "Ich habe sehr lange gewartet, aber dann haben mich zwei Krankenschwestern weggeschickt, ich habe nicht verstanden, warum", sagt Bèye, die aus Kamerun stammt und nur wenige Wörter Deutsch spricht. Sie habe es danach bei einer anderen Mitarbeiterin versucht. Die Frau soll ihr zu verstehen gegeben haben, dass man Patientinnen wie sie gerade nicht behandle. 

"Die Frau muss dringend untersucht werden"

Bèye heißt eigentlich anders, doch ihr richtiger Name darf hier nicht genannt werden, denn sie besitzt keine Aufenthaltsgenehmigung und keine Krankenversicherung. Der Berliner Arzt, der Bèye seit Januar ambulant betreut und ihr die Überweisung ausgestellt hat, erklärt, dass seine Patientin bereits vor mehr als einem Monat erhöhte Entzündungswerte im Blut aufgewiesen habe. Es sei schon vor der Coronakrise kompliziert gewesen, für sie einen Platz in einem Krankenhaus zu besorgen. Doch am Ende sei sie im Januar behandelt und symptomfrei wieder entlassen worden. "Nun sind die Schmerzen zurück, und ich kann nicht nachvollziehen, dass eine Patientin mit solch schlechten Befunden einfach abgewiesen wird", so der Internist.

Auch er möchte anonym bleiben. Er fürchtet Konsequenzen für seine Zusammenarbeit mit Krankenhausärzten und Kliniken. "Die Frau muss dringend von einem Spezialisten untersucht werden! Jetzt! Sofort!", sagt er am Telefon. Er könne in seiner Sprechstunde die Entzündungsursache nicht lokalisieren. "Es kann sein, dass ihr Blinddarm oder sogar ihre Gebärmutter entzündet ist. So oder so muss die Patientin in einem Krankenhaus behandelt werden - bevor es zu spät ist."

Alles andere als ein Einzelfall

Priscilla Bèye ist kein Einzelfall. Schätzungen gehen von 200.000 bis 600.000 Menschen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland aus, die meisten von ihnen besitzen keine Krankenversicherung. Dazu kommen EU-Bürger und obdachlose Menschen, die sich zwar legal in Deutschland aufhalten, aber auch keine Krankenversicherung nachweisen können. Doch Unfälle und Krankheiten machen natürlich auch vor diesen Menschen nicht halt. Ihre Behandlung hing schon immer vom Wohlwollen und dem Engagement einzelner Ärzte, Krankenhausmanager und Menschenrechtsorganisationen ab. Dabei ist hierzulande im Strafgesetzbuch klar geregelt, dass bei Notfällen eine allgemeine Pflicht zur Hilfeleistung besteht – völlig unabhängig vom Versicherungsstatus des jeweiligen Patienten.

In Zeiten der Coronakrise jedoch herrscht in Deutschland in vielen Kliniken medizinischer Ausnahmezustand. So mehren sich derzeit Geschichten von Menschen ohne Versicherungsschutz, die in Krankenhäusern abgewiesen und nicht behandelt werden. Hilfsorganisationen wie der Münchner Verein "Ärzte der Welt" befürchten, dass diese Menschen nun ganz durchs Raster fallen.

Stephanie Kirchner, Mitarbeiterin bei "Ärzte der Welt", kennt einige solcher Fälle. Kirchner berichtet beispielsweise von einer älteren Bulgarin, die an einer Autoimmunerkrankung leide und keine Krankenversicherung besitze. Ärzte rieten schon vor Wochen zu einer Operation. "Es hat lange gedauert bis sich ein Krankenhaus bereit erklärt hat, den Eingriff vorzunehmen", sagt Kirchner. Im Zuge der Coronakrise und der politischen Ansage, Betten für Covid-19-Fälle freizuhalten, wurde die Frau allerdings nach der OP aus dem Krankenhaus entlassen, obwohl sie eigentlich eine weiterführende Therapie benötige. Adrian Erdogan, Sozialarbeiter der Stadt München, bestätigte den Fall am Telefon. "Sie kann derzeit keine feste Nahrung zu sich nehmen, hat keinen festen Wohnsitz", erzählt Stephanie Kirchner. Auf sich alleine gestellt, sei sie auch besonders gefährdet, sich zum Beispiel mit dem Coronavirus zu infizieren – was für sie als Risikopatientin lebensgefährlich sein könnte.

Auch ein unversicherter Mann mit einer Suchtproblematik habe sich diese Woche an "Ärzte der Welt" in München gewandt, erzählt Kirchner. Er gab an, bei mehreren Praxen vor verschlossenen Türen gestanden und in einem Krankenhaus nicht behandelt worden zu sein.

Es ist mitunter schwer, solche Fälle im Detail zu überprüfen. Auch in sozialen Netzwerken wie Twitter kursieren Beispiele, die oft nur bruchstückhaft und anonymisiert geschildert werden und sich so nicht immer verifizieren lassen. 

Hanna Schuh hat jeden Tag persönlich mit unversicherten Menschen zu tun. Die Situation spitze sich zu. Schuh arbeitet ehrenamtlich bei Medibüro in Berlin. Das Netzwerk setzt sich für das Recht auf Gesundheitsversorgung von Menschen ohne Krankenversicherung ein. "Es war schon vor der Coronakrise nicht möglich, diesen Teil der Bevölkerung medizinisch vollständig zu versorgen", sagt Hanna Schuh, die Betroffene unter anderem zu Krankenhausbesuchen begleitet und für sie Termine anfragt. Nun sei die Situation aber noch angespannter. Ihr liegen Berichte von nichtversicherten Patientinnen und Patienten vor, die trotz eindeutiger Symptome in Krankenhäusern für Coronatests zur Kasse gebeten wurden. "Diese Menschen können nicht einfach zum Arzt gehen. Dies kann im schlimmsten Fall tödlich für sie enden". Schuh fordert deshalb: "Der Zugang zu Coronatests darf nicht am Versicherungsschutz scheitern." 

Noch sind den Menschenrechtsorganisationen und medizinischen Verbänden keine auf Covid-19 positiv getestete Personen ohne Krankenversicherung bekannt. Bei der rasanten Verbreitung des Virus ist dies aber nur eine Frage der Zeit. Und das würde alle Menschen in Deutschland betreffen.

Coronatest-Stelle (in Berlin): Eingeschränkter Zugang zur Gesundheitsversorgung

Coronatest-Stelle (in Berlin): Eingeschränkter Zugang zur Gesundheitsversorgung

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Mehr als zwei Dutzend Menschenrechtsorganisationen haben auch deswegen gemeinsam mit Landesflüchtlingsräten aus ganz Deutschland in einer Erklärung Mitte März darauf aufmerksam gemacht, dass angesichts der Pandemie "Geflüchtete (...) sowie Illegalisierte und Menschen ohne Krankenversicherungsschutz nur unzureichend geschützt" werden. Unter dem Hashtag #LeaveNoOneBehind fordern sie die Bundes- und Landesregierungen auf, eine medizinische Versorgung für alle zu garantieren. "Der eingeschränkte Zugang zu Gesundheitsversorgung in Abhängigkeit vom Aufenthaltstitel und Sozialleistungsanspruch kann in der momentanen Lage über Leben und Tod entscheiden. Wir fordern eine sofortige flächendeckende Öffnung des Gesundheitswesens und einen unbürokratischen Zugang zur regulären Versorgung für alle Menschen."

Auf den Fall von Priscilla Bèye angesprochen, erklärt das Sankt Gertrauden-Krankenhaus gegenüber dem SPIEGEL schriftlich: Notfälle würden wie gesetzlich vorgeschrieben weiterhin behandelt, auch in Zeiten von Corona. "Sollte es in einem Fall hier zu einem Missverständnis gekommen sein, bedauern wir das zutiefst."

Der Arzt, der Priscilla Bèye ambulant betreut, hat ihr dringend geraten, in ein anderes Krankenhaus zu gehen. Einige Stunden später antwortet Bèye ihm per WhatsApp, dass sie in zwei anderen Krankenhäusern gewesen sei. Im ersten Krankenhaus habe man sie gebeten, vor der Behandlung zu bezahlen. Im zweiten wolle man Menschen ohne gültige Papiere gar nicht behandeln. So hat sie es zumindest verstanden. Sie wisse nun nicht mehr weiter.

Erst am Donnerstagabend gelingt es dem Arzt über einen ihm persönlich bekannten Oberarzt, seiner 30-jährigen Patientin ein Bett in einem Krankenhaus am anderen Ende der Stadt zu organisieren. Dort soll sie nun gründlich untersucht werden.

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