Kritische Infrastruktur Notfalls isoliert im Feldbett

Wie sicher sind Wasser- und Stromversorgung in der Krise? Reicht das Reservoir an Polizisten, Busfahrern und Gefängnisaufsehern, wenn viele in Quarantäne müssen? Der Überblick.
Hochspannungsmonteure: "Bestmöglich vorbereitet"

Hochspannungsmonteure: "Bestmöglich vorbereitet"

Foto: imageBROKER/Lilly/ imago images / imagebroker

Auch wenn draußen das öffentliche Leben ruht, wollen viele nicht faul auf dem Sofa sitzen. Manche scheinen sogar von einem besonderen Corona-Nestbautrieb befallen. Statt den ARD-"Brennpunkt" zu schauen, beginnen diese Menschen, ihre Wohnung aufzuräumen, die Küche zu renovieren, den Keller zu entrümpeln.

So beobachten es jedenfalls Mitarbeiter im deutschen Recyclingwesen. Der virenbedingte Frühjahrsputz sorgte für Staus bei vielen Wertstoffhöfen. In Bochum etwa war die Lage Anfang der Woche so dramatisch, dass der Abfallentsorger am Montagnachmittag via Medien an die Bürger appellierte, "nur noch die nötigsten Entsorgungen durchzuführen".

Vergebens. Am Dienstagabend schloss der Betrieb wegen Überlastung fünf seiner sechs Höfe in der Stadt. Andernorts reagierten Recyclinganlagen ähnlich. Die Berliner Stadtreinigung entschied, Aufträge zur Sperrmüllentsorgung nicht mehr anzunehmen. Kein Müllwerker soll sich unnötig mit dem Coronavirus anstecken. Die Mitarbeiter auf den Wertstoffhöfen werden als Reserve gebraucht, damit während der erwarteten Krankheitswelle genug Personal bereitsteht, den üblichen Unrat einzusammeln.

Müllabfuhr in Düsseldorf: Staus bei vielen Wertstoffhöfen

Müllabfuhr in Düsseldorf: Staus bei vielen Wertstoffhöfen

Foto: Olaf Döring via www.imago-images.de/ imago images/Olaf Döring

Abfallentsorger sind Teil der sogenannten kritischen Infrastruktur - Unternehmen und Behörden, die für die Aufrechterhaltung der Daseinsvorsorge in den Gemeinden zuständig sind. Trotz Shutdown: Busse und Bahnen sollen weiterhin fahren, Verkehrssicherheit, Brandschutz und Kriminalitätsbekämpfung müssen gewährleistet werden. Auch Strom, Gas, Trinkwasser sind unverzichtbar, Internet und Telefon kaum weniger.

In normalen Zeiten mühen sich diese Unternehmen um Kunden- und Bürger­nähe, aber jetzt wird der Besucherkontakt gemieden, wo es nur geht. Die Unternehmen und Behörden haben Prioritäten neu geordnet und Notfallpläne aktualisiert. Wird das reichen? Oder droht Deutschland neben der Pandemie noch ein Kollaps ganz anderer Art?

Die Bundesnetzagentur, zuständig für die Energie- und Telekommunikations­netze, ist vorsichtig. Die Frage, ob mit Ausfällen gerechnet werden müsse, beantwortet ein Sprecher mit: "Nach unserer Einschätzung sind die Netzbetreiber bestmöglich vorbereitet." Die Versorgung der Bürger mit Strom und Trinkwasser werde gewährleistet, verspricht Michael Ebling, Mainzer Oberbürgermeister und Präsident des Verbands der kommunalen Unternehmen (VKU), der 1500 Stadtwerke und kommunale Versorger mit zusammen 268.000 Beschäftigten vertritt. Die Sorge vor Terroranschlägen habe die kritische Infrastruktur stärker in den Blick gerückt. Auch während der Flüchtlingskrise hätten die Betriebe wichtige Erfahrungen gesammelt. Und nun hätten die Unternehmen genug Zeit gehabt, sich vorzubereiten.

Unmittelbar geht hier von der Seuche keine Gefahr aus. Das Umweltbundesamt hält eine Übertragung des Virus durch Trinkwasser für "sehr unwahrscheinlich". Selbst für eine Übertragung aus Fäkalien gibt es bislang keinerlei Hinweise. Es sei auch unbedenklich, virenverseuchte Papiertücher oder Masken im Restmüll zu entsorgen.

Als sensibel gilt der Stromsektor. Ein großer Blackout hätte für Deutschland wohl noch gravierendere Auswirkungen als die derzeitige Pandemie – weshalb die Notfallpläne besonders ins Detail gehen.

Abgeschottete Räume für die Kernbelegschaft

Die Stromfabriken der LEAG in der Lausitz etwa – riesige Kraftwerkskom­plexe wie Schwarze Pumpe, Boxberg oder Jänschwalde – könnten rechnerisch rund 14 Millionen Haushalte versorgen. Zum Schutz der Kernbelegschaft an den Steuerungen von Verbrennungsöfen und Turbinen lässt die Firma gerade abgeschottete Räume einrichten. Dort werden Feldbetten aufgestellt und "Notfallpakete" deponiert, die das Nötigste für einen mehrwöchigen Aufenthalt enthalten, inklusive Handtüchern und Zahnbürsten. 40 Betten sind es im Kraftwerk Schwarze Pumpe, 45 in Jänschwalde, 80 in Boxberg. Das reicht für jeweils zwei komplette Leitstandschichten, inklusive Elektriker und "Läufer", die im Notfall kleinere Reparaturarbeiten ausführen können.

Noch werden die Kohlekraftwerke im Dreischichtbetrieb gesteuert. Jedes Team achtet darauf, strikt unter sich zu bleiben und beim Schichtwechsel keinen Kontakt zur Vorgängermannschaft zu haben, sagt LEAG-Sprecher Thoralf Schirmer. Bedienungseinrichtungen und Telefonhörer würden bei Schichtbeginn desinfiziert.

Sollte ein Team Corona-bedingt ausfallen, wird es für die verbleibenden Mannschaften ungemütlich. Sie sollen dann in den Bereitschaftsräumen mit den Feldbetten abgeschottet von der Außenwelt kaserniert werden und abwechselnd im Zwölfstundenrhythmus arbeiten, so Schirmer. Das könne Wochen dauern – entweder bis das Virus auf dem Rückzug ist, oder zumindest, bis das abgezogene Team wieder aus der Quarantäne entlassen werden kann.

Im Steinkohlekraftwerk Moorburg, das im Süden von Hamburg einen Großteil des Stroms für die Hansestadt produziert, wurden die drei Schichten personell so umsortiert, dass nicht alle der Beschäftigten, die schulpflichtige Kinder haben, in derselben Schicht Dienst tun. Zugleich versucht das Werk, so wenig Personal wie möglich in der Anlage zu haben und trotzdem jederzeit genügend Fachkompetenz.

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Die Stadtwerke Menden im Sauerland, ein kleinerer Versorger, setzen weniger auf Abschottung als auf "Nachbarschaftshilfe". Sein Unternehmen habe ein vertrauensvolles Netzwerk zu anderen Versorgern in der Nähe aufgebaut, schildert Geschäftsführer Bernd Reichelt. So könnten sich die Betriebe im Notfall mit Personal und Material aushelfen.

Hamburg Wasser, das Unternehmen, das sich in der Hansestadt um Trink- und Abwasser kümmert, hat schon mal ausgerechnet, wie viel Personal für einen Notbetrieb benötigt würde. Ein Viertel der 2400 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen würde demnach reichen, um Klär- und Wasserwerke zu bedienen und kaputte Rohre zu flicken. Standardarbeiten hat der Versorger schon reduziert, auch weil für Kanalreinigungen die erforderlichen Schutz­masken fehlen und schwer zu besorgen sind. "In China war die Wasserversorgung während des Ausbruchs kein Problem", sagt Sprecher Ole Braukmann, "so gut wie die sind wir auch."

Wie reagieren die Bus- und Bahnbetreiber?

Kundenkontakt vermeiden, das fällt im öffentlichen Personennahverkehr besonders schwer: Zigtausende müssen jeden Tag transportiert werden, jeder kann poten­ziell infiziert sein. Landauf, landab öffnen die Linienbusse deshalb nur noch die hinteren Türen, schirmt rot-weißes Flatterband die Fahrer von den Passagieren ab. Ein Personalproblem werden die Betriebe wohl nicht bekommen. Selbst wenn einige Busfahrer und Busfahrerinnen zu Hause bleiben, weil sie ihre Kinder betreuen müssen. Wenn Schüler nicht zur Schule fahren, Verkäuferinnen nicht ins Kaufhaus müssen und Büroangestellte im Homeoffice arbeiten, bleiben Bahnen und Busse leer. Seit Anfang der Woche haben viele Betriebe die Taktung der Linien dem reduzierten Bedarf angepasst.

Große Regionalbusverkehre wie in München oder Stuttgart haben auf den Ferienfahrplan umgestellt. In Hamburg verzichtet die Hochbahn auf die sogenannten Verstärkerzüge in den Morgenstunden. Dass der Betrieb ganz geschlossen wird, kann sich Hochbahn-Sprecher Christoph Kreienbaum jedoch kaum vorstellen: "Wir gehören schließlich zur Daseinsvorsorge, die Menschen müssen mit uns ja zur Apotheke oder zum Arzt kommen."

"Berliner Polizei: Wir sind vorbereitet"

Sich die Kundschaft mit Flatterband vom Leib zu halten, das ist für die Polizei keine Option. Und so denken Führungsstäbe in allen Bundesländern darüber nach, wie die Beamten am besten die Bürger und dabei auch sich selbst schützen können. Die Polizei wirft Ballast ab, streicht Fortbildungen, setzt neue Prioritäten. Statt den Verkehr zu kontrollieren wird die personelle Besetzung der Polizeireviere gestärkt.

Bislang hat kein Bundesland personelle Engpässe gemeldet, die die Einsatzfähigkeit der Ordnungshüter beeinträchtigen. Was es bedeuten kann, wenn ein Beamter zum Corona-Verdachtsfall oder -Erkrankten wird, zeigt sich im Rhein-Erft-Kreis, wo ein einziger kranker Polizist dazu führte, dass rund ein Dutzend Kollegen in Quarantäne geschickt werden mussten.

Im Berliner Polizeipräsidium kommt täglich der Koordinierungsstab Covid-19 zusammen. Zu ihm gehören Ärzte, IT-Spezialisten, Juristen, Einsatztaktiker – und Polizeidirektor Roman Seifert. Sie bereiten sich auf den Ernstfall vor. Das könnten Unruhen in Supermärkten sein. Oder Menschenansammlungen an Tankstellen. "Sollte es dazu kommen, sind wir vorbereitet", versichert Seifert.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Zur heiklen Infrastruktur eines Staatswesens zählt der Strafvollzug. Um Platz für Quarantäneeinrichtungen zu schaffen, haben Justizbehörden wie in Hamburg vorübergehend die Vollstreckung von Ersatzfreiheitsstrafen ausgesetzt. Diese können angeordnet werden, wenn jemand bei geringfügigen Vergehen wie Schwarzfahren seine Geldstrafe nicht bezahlen kann. Auch die rund 40 Sünder, die derzeit solche Strafen in den Justizvollzugsanstalten der Hansestadt absitzen, werden vorübergehend entlassen. Ähnlich verfährt man mit dem Jugendarrest, der bis maximal vier Wochen verhängt wird, wenn Jugendliche für leichtere bis mittlere Straftaten büßen sollen. Der Nebeneffekt ist willkommen: Bei weniger Insassen kommt eine JVA auch mit weniger Personal aus.

Ausnahmeregelung bei der Müllabfuhr

Für manches Unternehmen scheinen allerdings die Vorsichtsmaßnahmen gegen das Virus die größte Herausforderung zu sein. "Wie wir die Betreuung der Kinder unserer Mitarbeiter hinbekommen, ist das, was uns zurzeit am meisten beschäftigt", gibt Patrick Hasenkamp zu, er leitet die Abfallwirtschaftsbetriebe in Münster. Das Problem: Die Notfallbetreuung in den Schulen gilt nur für Eltern, die in einem systemrelevanten Bereich arbeiten. Doch bundesweit zählt der Job bei der Müllabfuhr noch nicht in allen Kommunen dazu.

Trotzdem versichert Hasenkamp, sein Unternehmen habe sich gut vorbereitet, etwa indem man Ausnahmeregelungen schaffe. Der Betrieb hat einen Plan und klare Prioritäten: Der Müll aus besonders dicht besiedelten Gebieten wird zuerst entsorgt. Anderswo darf es auch mal bis in die Abendstunden dauern.

Diese Regeln entstammen einer anderen Zeit – als die Mitarbeiter der Entsorger immer mal wieder streikten. Mit Personalengpässen kennt man sich in der Branche seitdem aus.

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