"Costa Concordia" Crew-Mitglieder verwehrten Passagieren Zugang zu Rettungsbooten

"Es ist alles unter Kontrolle": Angeblich aus Angst vor einer Panik an Bord hat ein Crew-Mitglied der "Costa Concordia" Passagiere unmittelbar nach der Kollision zurück in die Kabinen geschickt. Der Weg in die Rettungsboote soll den Menschen an Bord verwehrt worden sein.

Steuerbordseite der havarierten "Costa Concordia": "Die Passagiere schrien, wollten unbedingt sofort auf die Boote"
AFP

Steuerbordseite der havarierten "Costa Concordia": "Die Passagiere schrien, wollten unbedingt sofort auf die Boote"


Grosseto - Als Zeugin trat heute im Prozess gegen Ex-Kapitän Francesco Schettino die Spanierin Jacqueline Elisabeth Abbad Quine auf. Sie arbeitete als Assistentin des Kreuzfahrtdirektors an Bord der "Costa Concordia", als diese am 13. Januar 2012 vor der Insel Giglio auf einen Felsen lief und kenterte.

Sie habe getan, was man von ihr verlangt habe, sagte Abbad vor Gericht im toskanischen Grosseto. Nach der Kollision und dem Anspringen der Notbeleuchtung habe sie den Passagieren per Ansage mitgeteilt: "Wir haben ein Problem mit der Elektrik an einem Generator." Kein Wort also zunächst von einer bevorstehenden Evakuierung oder der Notwendigkeit, die Rettungswesten anzuziehen.

"Meine wichtigste Aufgabe war es, die Passagiere zu beruhigen", rechtfertigte sich die Zeugin unter Tränen. Kreuzfahrtdirektor Francesco Raccomandato habe ihr gesagt, die Besatzung riskiere, die Passagiere zu verängstigen. "Sag den Passagieren, dass sie in ihre Kabinen zurückkehren sollen", soll er von der Assistentin verlangt haben. Sie tat, was er wollte, wie Videoaufnahmen von Mitreisenden belegen, die der Sender "Sky" zeigte. "Es ist alles unter Kontrolle", sagt Jacqueline Elisabeth Abbad Quine in ihrer kleinen Ansprache an die Reisenden.

"Auf der Brücke antwortete niemand"

Der Befehl zur Evakuierung sei letztlich vom Zweiten Offizier Roberto Bosio ausgegangen. "Die Passagiere schrien, wollten unbedingt sofort auf die Boote", erinnerte sich Abbad vor Gericht. Sie habe beobachtet, wie ein Rettungsboot von der Besatzung nicht freigegeben wurde, weil die noch auf einen entsprechenden Befehl des Kapitäns wartete. "Sie sagten, sie hätten angerufen, aber auf der Brücke habe niemand abgehoben."

Sie selbst sei mit weiteren 150 Personen auf ein Beiboot gesprungen, als sich das Schiff gerade auf die Seite legte. "Ich hatte große Angst, ich war zwar in Sicherheit, aber ich dachte an alle, die noch an Bord waren."

Ein weiterer Zeuge bestätigte die Version der Zeugin und betonte, dieses Vorgehen sei mit Kapitän Francesco Schettino abgestimmt gewesen. Schettino muss sich seit Juli für die Havarie mit 32 Toten vor Gericht verantworten. Ihm werden unter anderem mehrfache fahrlässige Tötung und Körperverletzung vorgeworfen. Zudem soll er die Evakuierung des Schiffes verzögert und nach der Havarie zu spät Alarm ausgelöst zu haben. Insgesamt waren mehr als 4200 Menschen an Bord des Kreuzfahrtschiffes.

ala/dpa

insgesamt 18 Beiträge
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rigo-de-hain 25.11.2013
1. Und wieder sieht man,
wie ein verantwortungsloser und unfähiger Chef zum Leid für seine Untergebenen wird! Aus Angst mit entsprechenden Konsequenzen rechnen zu müssen, wenn man sich weigert, führen die Untergebenen auch noch jeden so falschen Befehl aus! Leider ist dies nicht nur bei dieser Geschichte der Fall! So ist unsere Welt!
Boracaytaucher 25.11.2013
2. Parallele
Was Schettino als Kreuzfahrer-Kapitän machte, ist wie Mr. Bunga-Bunga in der italienischen Politik.
FairPlay 25.11.2013
3. Für alles
was mit und auf dem Schiff passiert ist allein der Kapitän verantwortlich. Ist auf einer Baustelle Sand im Getriebe ist auch nicht der einzelne Handwerker sondern allein der Bauleiter verantwortlich. Das gleiche gilt für ein Schiff und dessen Kapitän.
svizzero 25.11.2013
4. Und die Reederei?
Die Reederei hat bereits mit den meisten Passagieren eine Entschädigung ausgehandelt um langwierige Prozesse und hohe Abfindungen zu umgehen. MSC gehört zur Carnival Gruppe.
novoma 25.11.2013
5. optional
Ein Kapitän, der nicht als letzter von Bord geht oder mit seinem Schiff untergeht, wurde noch vor gar nicht langer Zeit von jedem Seegericht zum Tode verurteilt worden. Da die Todesstrafe ja nun (zum Glück) abgeschafft wurde, gehört dem sauberen "Kapitän" Schettino zumindest unehrenhaft das Patent abgenommen, und er selbst lebenslang hinter Gitter gesteckt.
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