"Costa Concordia"-Kapitän Schettino soll schon 2010 Unfall verursacht haben

Francesco Schettino, Kapitän der havarierten "Costa Concordia", hat offenbar schon vor zwei Jahren einen Unfall auf See gebaut. Einem Zeitungsbericht zufolge steuerte er viel zu schnell in einen deutschen Hafen und rammte dabei ein Aida-Kreuzfahrtschiff. Doch es gibt bereits erste Dementis.

Kapitän Schettino im April 2011: Neue Vorwürfe, neue Rechtfertigungen
Helmut Etzkorn

Kapitän Schettino im April 2011: Neue Vorwürfe, neue Rechtfertigungen


Hamburg - Francesco Schettino wurde in den vergangenen Wochen vieles vorgeworfen. Der 52-Jährige sei Schuld am Unglück der "Costa Concordia", bei dem Mitte Januar mindestens 25 Menschen starben. Er habe das Schiff zu nah an die Klippen gesteuert, es während der Evakuierung verlassen und anschließend über sein Handeln mehrfach gelogen. Nun reiht sich ein neuer Vorwurf in die Liste.

Wie die italienische Tageszeitung "La Stampa" am Freitag berichtete, soll Schettino 2010 ein riskantes Manöver in Warnemünde gefahren sein. Den Ermittlungsprotokollen zur Havarie der "Costa Concordia" sei zu entnehmen: Schettino habe am 4. Juni 2010 als Kommandant des Kreuzfahrtschiffes "Costa Atlantica" bei der Einfahrt in den Hafen des Ostseebades die dort vertäute "Aida Blu" beschädigt und sich dem Kapitän des Schiffes gegenüber dann in "unangemessenem Ton" geäußert.

Der Sprecher der Reederei Aida Cruises in Rostock, Hans-Jörg Kunze, widersprach der Darstellung. Es habe keine Schiffsberührung gegeben. Auch von einem Streit wisse er nichts. "Der Vorfall wird nicht angemessen dargestellt", sagte Kunze.

Die "Aida Blu" sei an ihrem Liegeplatz bereits fest vertäut gewesen, als die "Costa Atlantica" an dem Schiff vorbeifuhr. Dabei sei eine Sogwirkung entstanden, das Schiff geriet in Bewegung. Dadurch ist den Angaben zufolge eine ausgefahrene Laderampe leicht beschädigt worden, es habe Kratzer im Metall gegeben. So etwas passiere im Alltag. Aida Cruises ist eine Tochtergesellschaft der italienischen Reederei Costa Crociere.

"Die Offiziere und Besatzungsmitglieder waren sehr oft betrunken"

Dem italienischen Zeitungsbericht zufolge ist die "Costa Atlantica" mit fast acht Knoten in den Hafen gefahren. Auf Nachfrage seiner Reederei Costa Crociere habe Schettino zu Protokoll gegeben, von einer Geschwindigkeitsbegrenzung nichts gewusst zu haben und dafür auch nicht belangt worden zu sein.

In einem Brief soll die Reederei Schettino im Oktober 2010 gerügt haben: "Mit einer größeren Aufmerksamkeit und Kenntnis der Dokumente zur Navigation hätte der Vorfall vermieden werden können", zitiert die Zeitung Angaben des Costa-Personaloffiziers Maurizio Campagnoli. Aida-Sprecher Kunze konnte zu einer möglichen Geschwindigkeitsüberschreitung nichts sagen.

Nach der Havarie der "Costa Concordia" am 13. Januar hatte Schettino angegeben, nicht die richtigen Karten verfügbar gehabt zu haben. Der Reederei zufolge ist es jedoch Sache des Kapitäns, für die richtigen Karten zu sorgen. Schettino steht seit dem Unglück unter Hausarrest. Gegen ihn wird wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, Havarie und Verlassen das Schiffes während der Evakuierung ermittelt. Noch immer gelten sieben Opfer als vermisst.

Bereits am Donnerstag hatte die Zeitung "La Stampa" aus Unterlagen der Concordia-Ermittlungen zitiert. "Die Offiziere und Besatzungsmitglieder waren sehr oft betrunken", sagte demnach ein Besatzungsmitglied, das 2010 zwei Monate lang auf der "Costa Concordia" arbeitete. Auch von wilden Partys und übermäßigem Drogenkosum berichtete die Zeitung. Sie zitierte unter anderem eine Frau, die 2010 auf der "Costa Atlantica" unter Schettino arbeitete: Sie habe "Korruption, Drogen und Prostitution" erlebt.

Franzosen schließen sich US-Sammelklage an

Zum Zeitpunkt der Havarie befanden sich auf der "Costa Concordia" 4229 Menschen, unter ihnen 462 Franzosen. 50 von ihnen wollen sich nun einer Sammelklage in den USA anschließen. Sie erhofften sich dadurch weit höhere Entschädigungen durch die Reederei Costa Crociere und deren amerikanische Muttergesellschaft Carnival als bei Prozessen in Frankreich, sagten die Anwälte der Betroffenen am Donnerstagabend in Paris.

Nach dem Unglück hatte Costa Crociere jedem Überlebenden 11.000 Euro Entschädigung angeboten. Doch in den USA könne jeder mit 100.000 bis 150.000 Euro rechnen, sagte einer der französischen Anwälte. Wer einen Angehörigen durch die Havarie verloren habe, könne gar bis zu 700.000 Euro erhalten. Zum anderen werde das Verfahren in den USA deutlich schneller abgewickelt, als dies in Italien der Fall sei.

Die Sammelklage in den USA war im Januar vom Anwaltsbüro Ribbeck Law Chartered in Chicago eingereicht worden. Dieses Büro wird nach eigenen Angaben rund 200 Klienten vertreten.

Doch damit sind die schlechten Nachrichten für die Reederei noch nicht zu Ende. Vergangenen Montag war auf ihrem Schiff "Costa Allegra" ein Feuer im Maschinenraum ausgebrochen, das einen Stromausfall verursachte. Drei Tage lang wurde das manövrierunfähige Schiff von einem französischen Trawler bis zu den Seychellen abgeschleppt. Die 1049 Menschen an Bord klagten unter anderem über schlechte hygienische Zustände.

Am Freitag trafen 43 von ihnen auf dem Pariser Flughafen Roissy ein, unter ihnen mehrere Deutsche und Schweizer. Die meisten Passagiere haben sich jedoch entschieden, weiter auf den Seychellen Urlaub zu machen. Sie wurden von der Reederei in Luxushotels auf den Nachbarinseln Praslin, La Digue, Silhouette und Cerf gebracht.

aar/AFP/dpa

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einsteinalbert 03.03.2012
1.
Zitat von sysopHelmut EtzkornFrancesco Schettino, Kapitän der havarierten "Costa Concordia", hat offenbar schon vor zwei Jahren einen Unfall auf See gebaut. Einem Zeitungsbericht zufolge steuerte er viel zu schnell in einen deutschen Hafen und rammte dabei ein Aida-Kreuzfahrtschiff. Doch es gibt bereits erste Dementis. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,818904,00.html
dieser seltsame " Kapitaen " vorher getan oder nicht getan hat, ist subsidiaer. Relevant ist nur, dass sein letzter Fehler 25 Personen das Leben gekostet hat. Nichts anderes zaehlt. Menschenleben sind unbezahlbar. Der sonstige materielle Schaden ist nachrangig und mein Mitleid mit der Gesellschaft ist in diesem Falle eher gering. Offensichtlich scheint aber beim Veranstalter ein ernsthaftes Problem zu herrschen. Dies insbesondere bei der Auswahl des Personals sowie bei der Technik vorzuliegen. Wenn es innerhalb einiger Monate zu zwei ernsthaften Zwischenfaellen beim gleichen Veranstalter kommt, dann ist es Zeit dagegen einzuschreiten. Dies koennte beispielsweise durch den Einsatz eines neutralen Sicherheitsoffizieres geschehen. Dieser sollte weitreichende Kompetenzen haben, bis hin zur Uebernahme des Kommandos. Die Kosten fuer ihn tragen der Staat, in welchem der Veranstalter seinen Sitz hat und die Versicherung. Dies kann Menschenleben retten und der Versicherung eine Menge Geld ersparen. Weiter wie bisher . . . das darf nicht die Devise sein.
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