Modell der Costa Concordia, das bei dem Unglück ebenfalls beschädigt wurde

Modell der Costa Concordia, das bei dem Unglück ebenfalls beschädigt wurde

Foto: Alessandro Gandolfi/Parallelozero

Zehnter Jahrestag des »Costa Concordia«-Unglücks Die Uhr des Kapitäns blieb um 0.14 Uhr stehen

Am 13. Januar 2012 kollidierte das Kreuzfahrtschiff »Costa Concordia« vor der italienischen Insel Giglio mit einem Felsen. Zehn Jahre später hat sich ein Fotograf auf die Suche gemacht: Was ist von der tragischen Nacht geblieben?
Von Enrico Ippolito und Alessandro Gandolfi (Fotos)

Wenn Menschen auf tragische Weise sterben oder Traumatisches erleben, bleiben oft Gegenstände zurück, die auf den ersten Blick banal wirken im Vergleich zu der Katastrophe, von der sie zeugen.

Letzte gesendete Textnachrichten, Spielkarten, Einkaufszettel.

Alles Dinge, denen wir normalerweise nicht viel Beachtung schenken. Aber als am 13. Januar 2012 um 21.45 Uhr und sieben Sekunden die »Costa Concordia« vor der italienischen Insel Giglio im Mittelmeer mit einem Felsen kollidierte und in der Folge mehr als 4200 Menschen von dem Schiff fliehen mussten und 32 starben, erhielten die Objekte, die sie zurückließen, andere Bedeutungen. Sie wurden zu Mahnmalen, die uns alle an unsere eigene Sterblichkeit erinnern. Und sie erzählen die Geschichten der Menschen, die in dieser Nacht an Bord der Costa Concordia waren.

Es ist kurz nach 21.30 Uhr, als die »Concordia« auf Giglio zusteuert, 15 Knoten schnell, erheblich zu schnell. Auf der Brücke steht der Kapitän Francesco Schettino, er will ganz nah an der Insel vorbeifahren, um einen anderen ehemaligen Costa-Kapitän »zu grüßen«, der auf der Insel wohnt, eine Art Verneigung.

Um 21.45 Uhr reißt ungefähr 50 Meter unterhalb der Brücke ein Felsen ein gewaltiges Loch in die linke Flanke des Schiffes. In der Folge fällt an Bord der Strom aus, das Schiff beginnt, sich schnell zu neigen, der Kapitän weigert sich aber beharrlich, eine Evakuierung vorzubereiten. Um 22.30 Uhr meutern die Offiziere, um 22.58 Uhr dröhnt endlich das Notsignal. Unter den Passagieren bricht Panik aus, es kommt zur Tragödie, in der Schettino inmitten der Passagiere von seinem halb gesunkenen Schiff flieht. Er wird als »Kapitän Feigling« in die Seefahrtsgeschichte eingehen.

Das Fotoprojekt »Concordia«

Der italienische Fotojournalist Alessandro Gandolfi  begann im Frühling 2021 nach Gegenständen zu suchen, die im Zusammenhang mit der »Costa Concordia« stehen. Sie wurden ihm von Überlebenden anvertraut oder von den Bewohnerinnen und Bewohnern Giglios zur Verfügung gestellt. Gandolfi suchte auch den Kontakt zur Autorin Angela Cipriano, die zuvor ein Buch über das Unglück geschrieben hatte und als Expertin gilt.

Die Idee kam Gandolfi, als er selbst auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs war. Dort hörte er Menschen aus Genua zu, die sich über das Ende der »Costa Concordia« unterhielten: Dass sie komplett zerlegt sei, sich aber noch Gegenstände aus der Unglücksnacht in Italien befinden würden. Zuvor hatte Gandolfi für das italienische »National Geographic« einen Artikel über religiöse Reliquien geschrieben.

Auch die von Gandolfi fotografierten Objekte von der »Costa Concordia« haben fast etwas Ikonografisches. »Ich wollte meine Aufmerksamkeit bei dieser Arbeit auf die Objekte und den Stil richten«, sagt der Fotograf. Gandolfi hat aber nicht nur einzelne Objekte, sondern auch Orte fotografiert, die mit der Katastrophe in Zusammenhang stehen – auch ein Foto des Felsens ist dabei. Es sei ihm auf den Kontrast zwischen weißem Hintergrund für die Gegenstände und die Homogenität der eher landschaftlichen Bilder angekommen, zwischen Innen- und Außenräumen, sagt der Fotograf.

Was nach der Havarie folgte? Zweieinhalb Jahre brauchten Spezialisten, um das Unglücksschiff wieder aufzurichten und für seine letzte Reise zu präparieren. Am Abend des 23. Juli 2014 nahmen vier Hightech-Schlepper das, was vom 57.000 PS-starken Kreuzfahrtschiff übrig geblieben war, ins Schlepptau.

Nach vier Tagen erreichten sie den Liegeplatz an der Außenmole im 350 Kilometer entfernten Genua, wo mit dem Rückbau begonnen wurde. Am 1. September 2016 ging es weiter in das Trockendock 4, wo der Restrumpf des 290 Meter langen Dampfers, dessen Bau einst 450 Millionen Euro gekostet hatte, verschrottet wurde. Die Vernichtung soll insgesamt mehr als hundert Millionen Euro gekostet haben.

Die Uhr von Schettino

Währenddessen war Schettino zu 16 Jahren und einem Monat Haft verurteilt worden, der Kapitän legte Berufung ein, erfolglos, wie auch sein Einspruch vor dem Kassationsgericht im Jahr 2017. Schettino musste seine Haft antreten und reichte aus dem Gefängnis am 12. Januar 2018 Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein, eine Entscheidung steht noch immer aus.

Dieses Jahr hat sich der mittlerweile 61-Jährige seit langer Zeit wieder aus dem Gefängnis Rebibbia in Rom zu Wort gemeldet. In der italienischen Zeitung »La Stampa«  lässt er über seinen Anwalt ausrichten, dass er eine nicht einfache Psychotherapie durchlaufe und ständig an jene »verdammte Nacht« und die 32 Todesopfer denke. »Man wollte einen Schuldigen finden, nicht die Wahrheit«, sagt er. Schettino soll Fernkurse in Rechtswissenschaft und Journalismus belegt haben, weil er glaubt, dass er zur Zielscheibe der Medien wurde. Worte, die nicht verwundern, weil Schettino sich von Beginn an als Opfer einer medialen Kampagne gerierte, die ihm zum Sündenbock gemacht habe. Tatsächlich ist er der Einzige von allen damaligen Angeklagten, der eine Freiheitsstrafe verbüßt.

Für das Fotoprojekt von Gandolfi hat Schettino seine Uhr zur Verfügung gestellt, eine TAG Heuer Grand Carrera, die er an dem Abend trug. »Es war das letzte Objekt, das ich fotografiert habe, weil es gedauert hat, überhaupt den Kontakt herzustellen, und Schettino eigentlich nicht sprechen wollte«, sagt Gandolfi. Die Uhr ist exakt 14 Minuten nach Mitternacht stehen geblieben.

»Mein Bruder erzählte mir, dass er sich in diesem Moment auf der Steuerbordseite, auf Deck drei, befand, als das Kippen des Schiffes begann, die Böden in Wände zu verwandeln. Er sagte auch, dass er ausrutschte und mit dem Handgelenk gegen ein Geländer stieß«, erzählte Giulia Schettino, die Schwester des Kapitäns, dem Fotografen.

Die Helden Giglios und das Nicht-Vergessen

Eine der Lieblingsaufnahmen von Gandolfi zeigt einen rosa Morgenmantel. Er steht stellvertretend für die Geschichte eines Paares, das in einem der letzten Rettungsboote saß und Kinder eines anderen Paares aufnahm, als alle übrigen sich weigerten.

»Ich versuche, hinter die Kulissen zu schauen und Geschichten zu finden, fern der Aktualität«, sagt Alessandro Gandolfi. Durch die Gegenstände, die die Betroffenen aus den unterschiedlichsten Gründen behalten haben, lassen sich genau diese Geschichten hinter der Nacht vom 13. Januar 2012 erzählen. Auch die der Einwohner Giglios, die alle Hebel in Bewegung setzten, um die Menschen zu beherbergen und zu schützen.

Mit seiner Fotoserie bewahrt Alessandro Gandolfi die Erinnerung an eine Katastrophennacht, von der fast alle anderen Spuren mittlerweile verschwunden sind.

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