Schweizer Klimaaktivist über Roger Federer "Wir hoffen, dass er tatsächlich aktiv wird und es nicht nur sagt"

Zwölf junge Menschen wollten mit einem inszenierten Tennisspiel in einer Bankfiliale ein Zeichen gegen klimaschädliche Investitionen setzen. Aktivist Antoine Kovaliv erzählt, warum er die Aktion für gerechtfertigt hält.
Ein Interview von Birte Bredow
Antoine Kovaliv (dritter von rechts) und seine Mitstreiter: Klimaprotest in Credit-Suisse-Filiale (Archivbild)

Antoine Kovaliv (dritter von rechts) und seine Mitstreiter: Klimaprotest in Credit-Suisse-Filiale (Archivbild)

Foto: Lausanne Action Climat

Im November 2018 drangen zwölf Klimaaktivisten in eine Filiale der Bank Credit Suisse ein, besetzten sie und spielten dort Tennis. Anfang der Woche hat das Bezirksgericht in Renens die jungen Leute unter anderem vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs freigesprochen.

In seiner Begründung sagte der Richter, der Protest sei friedlich verlaufen. Das Verhalten der Aktivisten sei angesichts der drohenden Klimakatastrophe "notwendig und angemessen" gewesen. Damit ist der Rechtsstreit allerdings noch nicht beendet: Die Staatsanwaltschaft geht in Berufung. Das Urteil sei "eine überraschende Antwort auf eine rechtliche Grundsatzfrage", teilte Generalstaatsanwalt Eric Cottier mit.

Einer der Aktivisten von "Lausanne Action Climat" ist Antoine Kovaliv. Der 24-Jährige lebt in Lausanne und studiert Environmental Sciences.  

SPIEGEL: Am Montag sind Sie und elf andere Klimaaktivisten freigesprochen worden – wie haben Sie den Tag erlebt?

Kovaliv: Er war stressig, morgens hatte ich noch eine Prüfung an der Universität. Es war nervenaufreibend, weil für uns vieles auf dem Spiel stand. Viele Menschen waren gekommen, um uns zu unterstützen – das war großartig. Als dann der Freispruch kam, war es fantastisch. Wir hätten uns kein besseres Urteil erhoffen können. Für uns war es eine echte Erleichterung.

SPIEGEL: Haben Sie mit diesem Urteil gerechnet?

Kovaliv: Meiner Meinung nach ist es fair. Aber es war trotzdem ein bisschen überraschend. Wir wurden mit der Begründung freigesprochen, dass es wir aus einem "rechtfertigenden Notstand" heraus gehandelt hätten. Diese Argumentation ist in Europa noch nicht oft auf Klimaaktivsten angewendet worden.

SPIEGEL: Es gab sofort Kritik an dem Richter. Er habe sich instrumentalisieren lassen, seine Entscheidung sei politisch gewesen. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Kovaliv: Ich denke, der Richter war unabhängig und nicht politisch in seiner Entscheidung. Er wusste, dass die Öffentlichkeit auf dieses Urteil schauen wird. Er gilt nicht als besonders nachsichtig. Ich denke nicht, dass wir freigesprochen wurden, weil dieser spezielle Richter zuständig war. Aber wir wollten den Fall natürlich politisieren.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Kovaliv: Wir sagen nicht, dass die eine Partei besser ist als die andere. Aber wir wollten das Thema an die Öffentlichkeit bringen. Die Medien sollten berichten, die Menschen darüber sprechen. In diesem Sinne war das Ganze auf jeden Fall ein Erfolg.

SPIEGEL: Wie optimistisch sind Sie, dass Sie in der kommenden Instanz ebenfalls erfolgreich sein werden?

Kovaliv: Ich bin mir sicher, dass wir mit unseren Anwälten das Gericht überzeugen werden. Die Tatsache, dass viele Leute - nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa und sogar in Übersee - sich für unseren Protest interessieren, zeigt, dass das Thema Klimawandel und die Rolle der Unternehmen sehr wichtig ist. Das, was wir getan haben, war notwendig, damit die Menschen darauf aufmerksam werden.

Roger Federer beim Wohltätigkeitsspiel "Rally for Relief" in Melbourne

Roger Federer beim Wohltätigkeitsspiel "Rally for Relief" in Melbourne

Foto: Scott Barbour/ dpa

SPIEGEL: Warum haben Sie damals den Tennisspieler Roger Federer und die Credit Suisse als Ziel Ihres Protests ausgewählt?

Kovaliv: Die Credit Suisse ist eine Bank, die viele Investments in Firmen hat, die fossile Brennstoffe fördern. Und Roger Federer ist als Markenbotschafter für die Credit Suisse tätig und repräsentiert sie öffentlich. Es erschien uns also als kluger Schachzug auf ihn zu zeigen, weil die Menschen in der Schweiz ihn lieben und wir damit natürlich Aufmerksamkeit erregen konnten.

SPIEGEL: Was werfen Sie Roger Federer vor?

Kovaliv: Nichts. Wir mögen ihn als Person, er ist ein großartiger Athlet. Er hat eine Stiftung, die Millionen an großartige Zwecke spendet. Wir wollten ihn nicht persönlich attackieren. Es war eher ein Weckruf nach dem Motto: "Hey, Roger, sieh dir an, was du repräsentierst." Wir sind wirklich froh, dass er in einer Machtposition gegenüber dem Unternehmen ist, das er vertritt. Wenn wir die Credit Suisse auffordern, etwas zu ändern, werden sie nichts tun. Aber wenn Federer als Prominenter ihnen das sagt, hat das einen viel größeren Einfluss.

SPIEGEL: Federer selbst teilte mit, "die Bedrohung durch den Klimawandel sehr ernst" zu nehmen und mit seinen Sponsoren über "wichtige Themen" zu sprechen. Was sagen Sie dazu?

Kovaliv: Wenn er das wirklich tut, ist das großartig. Wir hoffen, dass er tatsächlich aktiv wird und es nicht nur sagt.  

SPIEGEL: Die Credit Suisse bestreitet, besonders klimaschädliche Geschäfte zu betreiben und hat angekündigt eine entscheidende Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielen zu wollen. Was denken Sie darüber?

Kovaliv: Soweit ich weiß, ist es neu, dass die Credit Suisse Stellung zum Klimawandel bezogen und angekündigt hat etwas zu tun. Auf eine Art ist es also schon ein kleiner Sieg. Aber meiner Meinung nach reicht das nicht aus. Sie sollten sich so schnell wie möglich von den strittigen Investitionen trennen. Eigentlich nicht nur so schnell wie möglich. Sie sollten es jetzt sofort tun.

SPIEGEL: Die Bank hat mitgeteilt, dass sie Ihr Anliegen grundsätzlich verstehe – aber die Art des Protests für inakzeptabel halte. Warum denken Sie, dass genau dieser Protest gerechtfertigt war?

Kovaliv: In der Schweiz hören wir immer, dass wir eine direkte Demokratie haben und Dinge politisch ändern können. Aber viele Menschen haben eine Menge versucht. Es gab so viele Petitionen. Greenpeace hat die Credit Suisse mehrfach kontaktiert. Wenn man an einen Punkt kommt, an dem man jeden legalen Weg versucht hat, ist es akzeptabel, darüber hinauszugehen. Wir sind nicht in die Bank gegangen, um etwas kaputt zu machen, wir sind hineingegangen, um der Welt zu zeigen, dass es einen Notfall gibt, mit dem die Credit Suisse eindeutig verbunden ist. Das ist auch das, was der Richter sagte: Was wir getan haben, wurde legal, weil wir versucht haben, etwas zu bewahren, was viel größer ist, als die Credit-Suisse-Filiale in Lausanne. Auf der einen Seite steht der globale Klimawandel und auf der anderen Seite eine kleine Bank aus der Schweiz.  

 Mit Material von dpa und Reuters