Dalai Lama in Deutschland Hallo! Hierher! Heiligkeit!

Erstmals trifft der Dalai Lama einen deutschen Regierungschef: Bundeskanzlerin Merkel hat den tibetischen Gottkönig ins Kanzleramt geladen. Für "Seine Heiligkeit" endet in Berlin eine turbulente Woche - ohne Himbeergeist, aber mit viel Lachen.

Von Erich Follath


SONNTAG: Er ist der Mann, den die Alpenrepublik verehrt – laut einer österreichischen Meinungsumfrage liegt der buddhistische Religionsführer in Sachen Glaubwürdigkeit deutlich vor dem deutschen Papst, der gerade erst Anfang September Wien besucht hat (und der Heilige Vater muss sich sogar mit einem Platz hinter Frau Merkel und Herrn Schwarzenegger begnügen). Der Dalai Lama sagt, er sehe sich mit niemandem in einem "Popularitätswettbewerb", das sei nicht seine Art zu denken. Seine Herzlichkeit wirkt nicht zielgerichtet – und ist vermutlich deshalb so effektiv. Er schüttelt die Hände der Offiziellen wie der Betreuer im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl und streichelt die Kleinen, die sich mit einer Selbstverständlichkeit um ihn scharen als sei er ein Familienmitglied: Start einer siebentägigen Charmeoffensive des Dalai Lama im deutschsprachigen Raum.

Dalai Lama in Münster: "Wichtiger als glauben ist es, zu zweifeln"
DPA

Dalai Lama in Münster: "Wichtiger als glauben ist es, zu zweifeln"

MONTAG: Er schwebt ein – der Stargast beim "Waldzell Meeting" im Stift Melk, einer dreitägigen Tagung der Sonderklasse. Neben dem Moslemführer Ahmed Mohammed al-Tayyib, Rektor der Kairoer Al-Azhar-Universität, dem Ober-Rabbi David Rosen, Spitzenvertretern des katholischen und orthodoxen Christentums sind auch Persönlichkeiten wie der Medizin-Nobelpreisträger Sir Paul Nurse, Bestseller-Autorin Isabel Allende und Frank Gehry, der wohl berühmteste aller Architekten, eingeladen. Moderiert wird das Seminar von einem langjährigen Chef des "Harvard Business Review", zu den Sponsoren gehören eine große Bank, eine Immobilien-Entwicklungs-AG, die Autofirma Citroën und die Unternehmensberatung McKinsey. 72 Stunden lang sind sie alle zusammengespannt, um über nicht mehr oder weniger als das "Vermächtnis" dieser Generation zu diskutieren. Untertitel: "Globaler Dialog für Inspiration". Wird man sich zu großen gemeinsamen Gedanken aufschwingen, aneinander vorbeireden, in Esoterik abschweifen: Melk, auf dem Weg zum Wolkenkuckuckskloster? Der 14. Dalai Lama lässt sich wegen dieser anstehenden Menschheitsfragen nicht aus seinem Tagesrhythmus bringen: Nach einem kurzen Statement geht Seine Heiligkeit ("Ich brauche meinen Schlaf") um 18.30 Uhr ins Bett. Er verpasst so die Schnapsverköstigung durch Abt Georg Wilfinger, mehr oder weniger tiefgehende Gespräche um Himbeergeist und Seelenheil.

DIENSTAG: Das mächtige Stift Melk hat es dem Dalai Lama angetan, es erinnert ihn an das Klostergefängnis seiner Jugend, an seinen Stammsitz in Lhasa, aus dem er vor 48 Jahren fliehen musste. Einen "Beinah-Potala, nur mit viel weniger Mönchen" nennt er das barocke Bauwerk, das über der Donau thront. Bei der Podiumsdiskussion mit den wortgewandten Vertretern der anderen Religionen fällt er auf durch Bescheidenheit. Während der Moslem, der Jude und die Christen alle Antworten zu kennen scheinen, getraut er sich, nach dem Sinn des Glaubens befragt, zu sagen: "Ich weiß es nicht. Wichtiger als glauben ist es, zu zweifeln und kritische Fragen zu stellen." Als der Buddhist dann sogar von einer "säkularen Ethik" redet, die ihm wichtiger sei als jede Religion, schütteln sich die katholischen Vertreter verzweifelt und richten die Blicke hilfesuchend gen Himmel. Auch die "Waldzell"-Organisatoren Andreas Salcher, früherer ÖVP-Abgeordneter, und seine Partnerin Gundula Schatz wundern sich sichtlich. Aber sie finden, Überraschungen gehören zum Treffen von Visionären – so hätte es Hermann Hesse wohl gewollt, der "Waldzell"-Namensgeber und Anreger einer solchen jährlichen Konferenz von Denkern aus Religion, Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft ("Das Glasperlenspiel").

MITTWOCH: Organisierter Ausflug der Seminarteilnehmer durch den Garten der Abtei: "Spaziergang zum Vermächtnis" nennt sich die Übung, vorbei an Schildern mit Jahreszahlen, die von 2008 bis 2068 reichen. Jeder soll an seinem gedachten Todesjahr stehen bleiben und sich einen Satz notieren, den er im eigenen Nachruf erwarten würde. Keiner muss ihn verraten. Der 14. Dalai Lama nimmt wie die anderen spirituellen Führer nicht an der Übung teil, was alle als schade empfinden. Zu gern hätte man gewusst, an welchem Schild er gestoppt hätte, welchen Satz er notiert hätte. Aber wahrscheinlich denkt er als Buddhist in anderen Kategorien: Der Tod ist ihm weniger Einschnitt, sein Glaube an die Wiedergeburt führt ihn über Jahrhunderte zurück – und in unbestimmte Zeiten hinein. Für die gläubigen Tibeter ist der Dalai Lama die Reinkarnation des "mitfühlenden Buddha". Er könne sich auch vorstellen, als Frau wiedergeboren zu werden, sagt er. Der nächste Dalai Lama – weiblich? "Warum nicht, wenn es unserer Sache dient?", fragt er zurück. Er ist als spiritueller Führer auf der Konferenz, möchte über seine Anliegen der Verbreitung menschlicher Werte und den interreligiösen Dialog reden – und wird doch immer wieder von der Politik eingeholt. Der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider, bisher nicht gerade für Ausländerfreundlichkeit bekannt, hat um einen Termin mit dem Tibeter gebeten. Der Dalai Lama, Güte im Herzen, akzeptiert. Als sich der rechtsgewirkte Politiker dann auch noch uneingeladen zum Mittagessen in den Klosterkeller drängen will, platzt den Organisatoren der Kragen, sie sperren ihn aus. Haider schäumt. Aber sein Treffen mit dem prominenten Gast führt in Wien zum Umdenken. Plötzlich will auch Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, bisher von "Terminschwierigkeiten" geplagt, den Dalai Lama sehen und hat – von Angela Merkel überzeugt? – über Nacht keine Angst mehr vor Pekinger Protesten und drohenden Wirtschaftssanktionen.

DONNERSTAG: Vor dem Kanzler kommt das Volk. Der Dalai Lama fasst gemeinsam mit den anderen in schlichten Worten sein Credo zusammen: Mitmenschlichkeit, Toleranz, Gedankenoffenheit. Wie so häufig ist nicht das, was er sagt, sondern wie er es sagt, die Botschaft: Stararchitekt Gehry, der am Anfang "noch nicht so recht wusste, was ich hier soll", fühlt sich nun "inspiriert". Den Teilnehmern aus Wirtschaft und Medien imponieren vor allem die jungen "Gestalter der Zukunft", die auf Einladung der Konferenzorganisatoren ihre Entwicklungshilfeprojekte präsentieren. Ihnen gilt der erste Händedruck des Dalai Lama, danach geht er auf jeden einzelnen Helfer in den Gängen zu, einschließlich der Kaffeeboten. Dann erst Gusenbauer. Man erfährt wenig über das als privat deklarierte Gespräch – als sicher kann gelten, dass der tibetische Gottkönig anspricht, was er nach Informationen aus seinem Umfeld auch mit Frau Merkel diskutieren will: die weiter fortschreitende Überfremdung der sogenannten "Autonomen Region Tibet" durch Han-Chinesen und die Zerstörung der tibetischen Kultur; die wieder zunehmende Einschränkung der Religionsfreiheit mit der Verhaftung tibetischer Mönche; der im neuen Artikel 5 des Pekinger Religionsministeriums festgeschriebene Anspruch der KP, künftig alle Wiedergeburten bedeutender spiritueller Führer durch die Partei überprüfen zu lassen – und so auch die Zukunft der "Institution Dalai Lama" zu bestimmen. Nachmittags bekommt Tibets religiöses und politisches Oberhaupt in Münster, Westfalen, von der Universität einen Ehrendoktor verliehen. Sein vierundvierzigster Dr. h.c., aber der erste einer naturwissenschaftlichen Fakultät. Laudator ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Als eine Büste enthüllt wird, die ihn darstellen soll, lacht der Dalai Lama – wie immer, wenn der berühmteste Asylant der Welt nicht weiter weiß oder sich über die Begeisterung wundert, die über ihm zusammenschlägt. Und immer wieder drückt er Hände: ein Gott zum Anfassen.

FREITAG: Noch ein Vortrag in Münster, dann weiter durch deutsche Lande, zum nächsten Ziel. Weiter zum nächsten deutschen Landesfürsten: Nach Rüttgers empfängt Roland Koch "seinen Freund, den Dalai Lama". Schmückt sich da wieder mal einer zu Unrecht mit seiner Nähe zum Friedensnobelpreisträger, soll der in Deutschland Beliebteste einem nicht ganz so Beliebten womöglich als Wahlkampfhilfe dienen? Ein falsches Spiel wird man dem hessischen Ministerpräsidenten nicht unterstellen können: Sein Tibet-Engagement ist über lange Jahre gewachsen, keinem deutschen Politiker fühlt sich der Dalai Lama nach eigenem Bekunden so nahe – und Koch hat Interessantes zu erzählen. Er war im vorigen Monat erstmals in Lhasa, auf Einladung der chinesischen Behörden; und er hat dort kritische Fragen gestellt, ohne dass ihn chinesische Stellen bisher "abgestraft" hätten.

SAMSTAG: In den Hessenpark bei Neu-Anspach hat Ministerpräsident Koch seinen Gast geladen. Er will ihm hier im Taunus etwas von den Traditionen seiner Heimat zeigen. Die Rede des Dalai Lama, auf der Waldweide des Freilichtmuseums in unmittelbarer Umgebung nachgebauter Fachwerkhäuser gehalten, hat ein – vordergründig – unpolitisches Thema: Es geht um "wahre Freundschaft".

SONNTAG: Und nun also zum Höhepunkt der Dalai-Lama-Woche, dem auf 60 Minuten angesetzten "privaten Meinungsaustausch" mit Frau Merkel im Bundeskanzleramt. Es ist ein Treffen, das in Berlin durchaus nicht allen zusagt; zwar hat Tibets Gottkönig schon den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker getroffen, auch Joschka Fischer hat ihn begrüßt – und im Gegensatz zu seinem Vorgänger Klaus Kinkel, der in einer unvergesslich peinlichen Szene 1995 den traditionellen Begrüßungsschal des Dalai Lama verweigerte, auch die Khata entgegengenommen. Aber ein amtierender deutscher Regierungschef hat den Exilanten noch nie empfangen; dementsprechend wütend waren die chinesischen Proteste.

Peking beließ es nicht bei der Einberufung des deutschen Botschafters, sondern drohte mehr oder weniger offen mit Sanktionen gegen die deutsche Wirtschaft. Dass es so weit kommt, mögen die meisten deutschen Politiker freilich nicht glauben: Chinas Großbetriebe sind für knallharte Verhandlungstechniken bekannt und unterzeichnen Verträge zum eigenen Nutzen – sie würden sich durch einen Boykott ins eigene Fleisch schneiden. Die Bundeskanzlerin will auf alles verzichten, was den Zorn der Pekinger Führung weiter anheizen könnte. Es wird am Sonntagnachmittag keine Pressekonferenz geben, sondern nur einen kurzen Fototermin. Auch der Dalai Lama wird, so verlautet aus seinem Umfeld, keinerlei provozierende Bemerkung machen, nicht gegenüber Peking, nicht gegenüber seinen CDU-Freunden Rüttgers, Koch und Merkel. Er wird also nicht wiederholen, was er dem SPIEGEL sagte – dass er immer noch "ein halber Marxist" sei, der die Verteilung der Reichtümer in Zeiten der Globalisierung extrem ungerecht finde, und dass er, müsste er in Deutschland wählen, sich wohl für die Grünen entscheiden würde.

Nach dem Merkel-Termin geht es für den Dalai Lama zurück in seinen nordindischen Exilort Dharamsala, dann bald wieder hinaus in die Welt. Bis Anfang Dezember stehen noch auf dem Programm: USA, Kanada, Italien. Und auch das nächste Jahr ist schon voller Termine für den 14. Dalai Lama, diesen eiligen Vater seines Volkes.


Erich Follath ist SPIEGEL-Autor und hat vor kurzem im Verlag Collection Rolf Heyne sein neues Buch "Das Vermächtnis des Dalai Lama. Ein Gott zum Anfassen" veröffentlicht.



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