Großbritannien "Es ist ein Katastrophengebiet hier draußen"

Sturm und Regen in England hören einfach nicht auf, mehrere Dörfer in Somerset sind vom Wasser eingeschlossen. Die britische Regierung hat mit der Evakuierung begonnen. Die Flutopfer geben der Regierung eine Mitschuld an ihrer Misere.

Getty Images

Im Auto dauert die kurze Strecke von Langport nach Muchelney nur wenige Minuten. Doch seit die Landstraße unter Wasser steht und nur noch als Kanal genutzt werden kann, dauert die Reise auch schon mal eine Stunde - inklusive der Wartezeit auf das kleine Boot, das die einzige Verbindung zur Außenwelt darstellt.

Seit Wochen ist das Dorf in der englischen Grafschaft Somerset abgeschnitten. Der Dauerregen hat die Flüsse der Tiefebene anschwellen lassen und die ganze Gegend in einen riesigen See verwandelt. Allmählich verzweifeln die Bewohner Muchelneys an ihrem Alltag. Jeder Einkauf im Supermarkt wird zur logistischen Herausforderung, und wehe, man hat etwas vergessen.

Als Prinz Charles diese Woche zu Besuch kam, um Trost zu spenden, wurde er begeistert empfangen. Der Thronfolger nannte es eine "Tragödie", dass die Politik so lange untätig geblieben sei. Manchmal brauche es eine "ordentliche Katastrophe", um die Verantwortlichen aufzuwecken.

Inzwischen sind die Pegelstände in Somerset so weit gestiegen, dass die Regierung mit der Evakuierung begonnen hat. Hubschrauber fliegen über die Dörfer und warnen die Bewohner vor akuter Überflutungsgefahr. In der Nacht zum Freitag wurden 80 Bewohner des Dorfes Moorland am Fluss Parrett evakuiert. Auch der Nachbarort Fordgate wurde geräumt.

"Der Fluss ist über Nacht um einen Meter gestiegen", sagt Rebecca Horsington von der gegenüberliegenden Moorland Farm. "Und es wird jede Stunde schlimmer." Sie hilft anderen Bauern dabei, ihre Tiere in Sicherheit zu bringen. Der Zusammenhalt sei überwältigend, sagt die 38-Jährige. "Jeder bietet Hilfe und Traktoren an."

Seit sechs Wochen überschwemmt

Die Menschen seien verzweifelt, sagte die Bäuerin Jenny Winslade der BBC. "Es ist ein Katastrophengebiet hier draußen." Seit sechs Wochen sei ihr Land überschwemmt. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Regierung wirkt ohnmächtig. Umweltminister Owen Paterson hat sich vergangene Woche in Somerset blicken lassen und einen "Action Plan" versprochen. In London ruft Premierminister David Cameron beinahe täglich den Cobra-Krisenstab zusammen. Er hat die Royal Marines zum Sandsack-Schleppen in die Dörfer geschickt und zusätzliche 30 Millionen Pfund zur Beseitigung von Flutschäden angekündigt.

Doch in der Öffentlichkeit hat sich längst der Eindruck festgesetzt, die Regierung lasse die Flutopfer allein. Eine Zeitungskarikatur zeigte den Umweltminister dieser Tage in einem Taucheranzug unter Wasser. In der Sprechblase stand: "Alles unter Kontrolle."

Viele Bauern in den Somerset Levels geben der nationalen Umweltbehörde die Schuld an der Flut. Ihre Entscheidung, die vier Flüsse in der Tiefebene nicht mehr auszubaggern, führe nun schon zur zweiten schweren Überschwemmung innerhalb von zwei Jahren, klagen sie. Die Bewohner wittern Absicht dahinter: Die Umweltschützer wollten die Felder wieder in einen Sumpf verwandeln, um ein Naturparadies für Tiere zu schaffen.

Regen an 23 von 31 Tagen im Januar

Der Chef der Umweltbehörde, Lord Smith, schürte den Unmut der Landbevölkerung noch, als er erklärte, der Schutz großer Siedlungen habe Vorrang vor Feldern und kleinen Dörfern. Das Geld für den Flutschutz sei begrenzt, die Regierung müsse sich daher zwischen Stadt und Land entscheiden. Als Smith am Freitag zum ersten Mal durch Somerset tourte, musste er sich heftige Kritik anhören.

"Die Leute sind sauer, dass Smith sein Wort nicht gehalten hat", sagt Horsington. Nach der Überschwemmung im vergangenen Jahr habe er versprochen, die Flüsse auszubaggern. Doch nichts sei geschehen. Der Fluss Parrett habe 42 Prozent weniger Wasserkapazität als vor 20 Jahren.

Insgesamt stehen in England mehrere hundert Häuser unter Wasser, 8000 Haushalte sind ohne Strom. Überall an den Flussufern sind Pumpen am Werk, doch sie kommen gegen die Regenfälle nicht an. Laut dem britischen Wetterdienst waren es der nasseste Dezember und Januar seit über hundert Jahren. Im Januar hat es an 23 von 31 Tagen geregnet.

Besonders hart getroffen ist der Südwesten des Landes. An der Küste der Grafschaft Devon durchbrach das Meer eine Schutzmauer und unterspülte die einzige Bahnlinie von London nach Cornwall. Damit ist die beliebte Touristenregion abgeschnitten - just vor den Ferien. Die Reparatur der Strecke werde mindestens sechs Wochen dauern, sagt die Bahn. Sie könne jedoch erst beginnen, wenn das Wetter wieder freundlicher werde.

Zunächst soll es jedoch noch schlimmer werden: Für das Wochenende sind erneut Sturm und schwere Regenfälle angesagt. "Wir können nur hoffen, dass der Regen irgendwann aufhört", sagt Horsington. Dann werde es noch Wochen dauern, bis das Wasser abgeflossen sei.



insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
king_pakal 07.02.2014
1. optional
Zitat von sysopGetty ImagesSturm und Regen in England hören einfach nicht auf, mehrere Dörfer in Somerset sind vom Wasser eingeschlossen. Die britische Regierung hat mit der Evakuierung begonnen. Die Flutopfer geben der Regierung eine Mitschuld an ihrer Misere. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/dauerregen-in-grossbritannien-regierung-evakuiert-flutopfer-a-952077.html
Geo-Engineering is good for you! Wie wärs mit etwas mehr Silberiodid in den Wolken?
Blindleistungsträger 07.02.2014
2. Stadt - Land - Fluss
In den meisten Berichten über England schwingt ein Subtext mit: Das Land hat massive, finanzielle Probleme und erscheint mir in finanzieller Hinsicht dauerüberfordert.
imlattig 07.02.2014
3. liebe englaender....
eure geistig moralische elite hat euch schon vor jahrzehnten absaufen lassen. ihr habt es euch gefallen lassen und habt euch nicht mit denen solidarisiert die dagegen gekaempft haben.
Altesocke 07.02.2014
4. Gott sei Dank,
das hat bestimmt nichts mit Klimawandel zu tun!
jujo 07.02.2014
5. ...
Zitat von imlattigeure geistig moralische elite hat euch schon vor jahrzehnten absaufen lassen. ihr habt es euch gefallen lassen und habt euch nicht mit denen solidarisiert die dagegen gekaempft haben.
Häme ist unangebracht, den betroffenen Menschen geht es beschissen. Wer jetzt im Trocknen sitzt sollte froh sein darüber!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.